Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- Seite 311 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- Tunis 1× ep/1048155
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„Hoheit," sprach der Engländer, „Dein Zollamt hat mich einer großen Summe Geldes beraubt, die ich gern wiederhaben möchte." / „Guter Franke, meine Seele liebt Dich inniglich; doch in diesem Lande ist es Brauch, wenn wir erst Geld bekommen, es auch zu behalten. Das erstere ist zwar eine schwierige Sache; doch das letztere ist. ein unbekanntes Ding in Afrika." „Ich soll also keine Gerechtigkeit erlangen?"; „Krone meines. Lebens! Wir lieben Euch Franken, und jeder soll in diesem Lande auch Gerechtigkeit erlangen. Worin besteht Deine Ladung?" .. „In Seife und zwanzigtausend baumwollenen Mützen." - „Sehr gut. Geh auf Dein Schiff, und sei fröhlich. Wir lieben die Gerechtigkeit." Als der Kapitän fort war, ließ der Kapitän seinen Wesir kommen. „Höre, Wesir," sprach der Bey zu diesem, „wir lieben die Franken und wir lieben die Gerechtigkeit; darum geh hin und laß bekanntmachen, daß jeder Jude, der sich morgen ohne baumwollene Mütze auf der Straße blicken läßt, bald von mir einen kleinen Denkzettel bekommen soll!" In Tunis' waren viele Tausende Juden, aber keine einzige baumwollene Mütze vorhanden. Schon hatten sich daher die Unglücklichen aus einen baldigen Tod vorbereitet, als die Kunde zu ihnen drang, daß der englische Schiffskapitän solche zu verkaufen habe; alle eilten sie zum Hasen, und jeder war froh, eine solche für acht Mark kaufen zu können und dadurch das Leben zu retten. Voller Freude eilte nun auch der Kapitän zum Bey, um ihm seinen heißen Dank für das gute Geschäft auszudrücken. „Sehr gut," lächelte der Bey; „ich freue mich, daß Du zufrieden bist. Ich sagte Dir ja, wir lieben Euch Franken und wir lieben die Gerechtigkeit! Doch, Juwel meines Herzens, ich weiß ja, auch Du liebest mich, und Du wirst wohl meine Mühewaltung nicht umsonst verlangen rdarum verlangt die Gerechtigkeit, daß wir das Geld für die baumwollenen Mützen zwischen uns in zwei gleichen Hälften teilen. Dir bleibt dann noch immer genug." Mit langer Nase und schwerem Herzen mußte der Kapitän sich dazu entschließen. Als aber der Bey seine Unzufriedenheit sah, sprach er lächelnd weiter: ' „Krone meiner Seele! Murre nicht; geh' auf Dein Schiff und sei weiter fröhlich." Kaum war der Bey wieder allein, als er abermals den Wesir holen ließ, und sprach zu ihm: „Höre, Wesir, wir lieben die Franken und wir lieben die Gerechtigkeit — darum laß bekanntmachen, welcher Jude sich binnen zwei Stunden noch itn Besitze einer baumwollenen Mütze befinden. wird, der kann sicher sein, von mir einen kleinen Denkzettel zu bekommen." Der Kapitän war noch nicht auf seinem Schiffe, als die Juden m großer Menge sich dort einsanden, und ihn flehentlich baten, ihnen wieder die baumwollenen Mützen abzukausen, und sie waren froh, als er. ihnen-das WtüÄ mit zehn Pfennigen wieder, abnahm. .; •.,, - Still lächelnd setzte. der Kapitän seine Reise fort; still lächelnd ging der. Bey nach seinem Harem, und beide freuten sich über das Geld, das sie dendummen Juden abgegaunert hatten. . ms Der Dalles. Ein jüdisches Märchen. Nacherzählt von Maximilian Blum. ebte da vor grauen Jahren ein Schneiderlein, ein recht armes Kerlchen, so arm. daß er mit Müh und Not den Mietsgroschen verdiente und etwas drüber, um Weib und Kind zu nähren und zu kleiden und den eigenen hungrigen Magen zu füllen. So ging es Jahr aus, Jahr ein, und manche Träne, manch heimlicher Seufzer verrieten, daß unser Schneiderlein elend war, sehr elend. Und eines Tages, da ihm besonders weh zu Mute war, da er begriff, daß es keinen Ausweg gab aus all der Not, da nahm'er Abschied von Weib und Kind, um, wie er log, über Land zu fahren und Tuch zu besorgen, besah sich zum letztenmal sein dürftiges Kämmerlein und schlich heimlich zur Bodenkammer. Da wußte er einen starken Balken und einen guten Hanf. Wie er so Stufe um Stufe stieg und mit heiserer Stimme sein Schma Jsroel und sein Sterbegebet murmelte, hörte er plötzlich ein seltsam Geräusch, das so klang, als ob ein Mensch mit besonders kräftigen Tönen schnarche. Unser armes Schneiderlein blickte auf, es waren nur wenige Schritte von der Bodenkammer, und schaute ein garseltsam Bild. Saß da nicht ein Mensch am Treppenrand, ein Riese, ein wahrhafter Goliath, und schlief, nackt, splitternackt, mit offenem Munde! - Der Goliath schnarchte gräßlich laut. Der Schneider aber ging heute einen besonderen Weg, da. kannte er keine Furcht; er ging an den Nackten heran und neckte ihn. „Wer bist Du, Goliath?" Der sah sich neugierig den kecken Schneider an, gähnte, streckte seine Riesenarme, und sagte dann, so gerade hin, so selbstverständlich, als müßte dies jeder erkennen: „Wer soll ich sein? Der Dalles bin ich!" Da schrie der Schneider bitter auf. „Und gerade an meiner Treppe sitzest Du? Gerade in meinem Hause? Ich Hab Weib und Kind, fünf lebende Kinder, und Du hockst vor meiner Kammer?" / „Geh fort von hier, ich bitte Dich, geh-weg! Du bist ja ohnehin schon Jahr und Tag bei mir. Setze Dich doch rüber, an des Auschers (Reichen) Tor, da magst Du mit ruhigerem Gewissen sitzen Jahr um Jahr." Doch der Dalles sprach: „Schneiderlein, Du bist blind! Wie soll ich aus Deinem Hause kommen, wie soll ich über die Straße, da ich . nackend bin? Mach mir in Eile ein Gewand und ich zieh fort." Also sprach der Dalles. Und unser armes Schneiderlein dankte Gott für die Rettung, nahm dem Dalles Maß, ordentlich und genau, Brustweite und Rückenbreite, Armlänge und Beinlänge, schrieb alles fein säuberlich in sein altes Büchlein, machte nach altem Brauch seinen Kratzfuß und sagte: „Es wird baldmöglichst fertig sein und ich empfehle mich ganz gehorsamst." Der Dalles hörte das aber gar nicht mehr, denn er war längst wieder eingeschlafen. Nun schnarchte er lauter denn zuvor. Das arme .Schneiderlein schritt wohlgemut die Treppe hinunter; jetzt aber ging er; wirklich über Land, um seinem Dalles das Tuch zu kaufen. : Aber, o weh! Er hatte natürlich kein Geld! Zum Glück war der Händler heute besonders weich gestimmt — hatte er