Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- Seite 310 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228879--65654-3277791- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
810 haben uns geistig so wenig zu sagen, daß man den aus der Bibel entnommenen Titel des Bildes nicht gut damit in Zusammenhang bringen kann. Auch die diesjährige „Große Berliner Künstausstellung" bietet ja namentlich in der Plastik wieder das alte Bild, daß jüngere Künstler irgenHein männliches Modell als „Adam" und eine jugendliche Schöne als „Eva" titulieren, ohne daß aus der geistigen Durchdringung und. Charakteristik auch nur die Spur einer Berechtigung zur Anlehnung an. die Bibel hervorgeht. Etwas ganz anderes ist es hier mit der plastischen Gruppe „Hagar und Jsmael", welche aus dem künstlerischen Nachlaß des leider zu früh verstorbenen Bildhauers Max Klein in einem besonderen Abteil in Saal 25 Aufstellung gefunden hat. Düsterer Ernst ist über das edle Gesicht der Hagar ausgebreitet, der schmächtige Knabe Jsmael, welcher die Mutter auf dem schweren Gange .in die- Wüstebegleitet, läßt allerdings nur sehr wenig von dem späteren Welteroberer mit dem Schwerte hier ahnen. Das ebenfalls von Max Klein herrührende Bronze-Relief des berühmten Chirurgen Professor James Israel (Nr. 1001) wird mit Recht ebenso bewundert wie die Plastik Nr. 1007, welche mit treffender Aehnlichkeit den bekannten Musiker Professor Heinrich Grünseld und Nr. 1019, welche den Helden des Alten Bundes, Simson, darstellt. Im Saal 3, der ganz der Skulptur gewidmet ist, fesselt uns die wunderbar natürliche Bronzegruppe von Artur Lewin-Funcke: „Der Vogler". Es ist kein Vogelsteller im eigentlichen Sinne, sondern ein Junge, der einen Vogel zu dressieren versucht, ein für die bildnerische Darstellung sehr schwieriges Problem, das aber dem Künstler hier wunderbar gelungen ist. In Saal 8 e befindet sich von demselben hervorragenden Bildhauer die Bronzebüste „Lachender Junge" und in Saal 9 c die Bronze „Mutter". Eine neue Auffassung des bekannten ägyptisch-griechischen Rätselleibes der „Sphinx" gibt Rudolf Markuse in der in Saal 3 ausgestellten Marmorfigur; auch die Porträtstatuette in Porzellan desselben Bildhauers in Saal 6 a ist beachtenswert Die obengenannte Gruppe von Lewin-Funcke „Der Vogler" ist der Ehre gewürdigt worden, in den illustrierten Katalog ausgenommen zu werden, ebenso von H. Hart m ann (Mac Lean) im Saal 37b „Adam zum Leben erwachend". Bei letzterer Gruppe trifft aber das zu, was oben bereits über die diversen Adams und Evas der Ausstellung gesagt worden ist; da ist sehr wenig vom Geist des Alten Testaments oder von biblischjüdischer Auffassung zu spüren. Gern soll aber noch besonders an dieser Stelle anerkannt werden, daß sich der offizielle Katalog der Großen Berliner Kunstausstellung diesmal von jüdelnden Karikaturen, deren er im vorigen Jahre sogar zwei in besonders krasser Form enthielt, gänzlich sreigehalten hat. Solche direkt nicht nur das jüdische Empfinden, sondern auch die Humanität im allgemeinen ^verletzende Darstellungen gehören wahrlich nicht in ein der reinen idealen Kunst geweihtes Buch, wie sich ja die Große Berliner Kunstausstellung mit ihren 1860 Werken erfreulicherweise ganz von politischen und religiösen Gegensätzen diesmal ferngehalten hat . . . In der Abteilung „Architektur" wird man gänzlich Abbildungen, Skizzen und Grundrisse von Synagogen vermissen; auf der vorjährigen Ausstellung hatten jüdische Und christliche Architekten eine ganze Anzahl solcher erstklassigen Synagogen-Modelle in verschiedenen Stilarten zur Ansicht gebracht. Ob hierbei sich die auch in der Konjunktur der Kunst bemerklich machende ungünstige wirtschaftliche Lage bei den Architekten mitgewirkt hat, wagen wir nicht zu entscheiden; erfreulich ist aber jedenfalls, daß im allgemeinen über 100 jüdische Maler, Bildhauer, Illustratoren auch heuer sich wieder zu edlem Wettbewerb hier mit Erfolg zusammengefunden haben. Der mit einem Preise von der Akademie der Künste zurzeit in Romzu Studienzwecken weilende jüdische Maler Erich Wolfsseld, dessen schönes Bild „Jahrzeit in einer jüdischen Familie" im vorigen Jahre besonderes Aufsehen erregte,-hat diesmal einige künstlerische Früchte seiner italienischen Reise ausgestellt; diese Radierungen, beachtenswerte Tälentproben, finden sich sämtlich in der Abteilung ^Schwarz- Weiß" (Saal 50), wo auch Hermann Struck sein Bildnis Segantinis und O. Schindler seine Lithographie „David und Goliath" ausgestellt hat. Saal 51 und 52 gehören ebenfalls noch zur Abteilung „Schwarz-Weiß", wo es verlohnt, sich das „Interieur" von M. Landsberg-Bernstein, die Federzeichnung auf Aluminium von Jsmael Gentz: „Armer russischer Jude, ins Gebetbuch vertieft" genau anzusehen ... Ebenfalls nach Italien wie E. Wolfsfeld führt uns Jehu d o Epstein (Wien) mit dem ganz außerordentlich in Gruppierung, Charakteristik und der Farbe hervorragenden Genrebilde „Lagunenlieder". Es sind italienische Sänger und Mandolinenspieler, die in einer Osteria ihre Künste zum besten geben, also ein sehr einfacher Vorgang, aber gemalt ist er herrlich. In Saal 17 fesselt den Blick der „Simson" von A. Schreitmüller. Der Blick des biblischen Helden ist nach links oben gerichtet, während die Rechte die Keule hält, vor der einst die Philister erbebten. In demselben Saale befindet sich die technisch vollendete Kuriosität von K. Piper „Pharaos Koch". Wenn' die ägyptische Kopfbedeckung es nicht anzeigte, würde man wohl kaum wissen, warum dieser Koch mit seinen Vögeln gerade bei dem Pharao Aegyptens in Dienst steht. Ebenfalls aus dem zweiten Buch Moses (Kapitel 32; Vers 18) hat sich P.W. Harnisch den Stoff zu seinem interessanten Gemälde „Tanz ums goldene Kalb" geholt. „Das Geschrei", von dem die Bibel spricht, der wüste Tanz um das aus abgelegten Kostbarkeiten hergestellte Götzenbild ist hier ganz vorzüglich zur Darstellung gebracht, wobei der Künstler allerdings seine Phantasie etwas reichlich hat in allerhand grotesken Zutaten herumschweifen lassen; sogar ein Pantherritt belebt das technisch hervorragende Bild. IguuiLeggg Die baumwollenen Mützen. Eine historische Tatsache. fjpin englischer Schiffskapitän befand sich mit seiner Schiffsladung auf der Ausreise nach China, und da an der afrikanischen Küste ein plötzlicher Sturm sich erhob, beschloß er, den Hafen von Tunis aufzusuchen, um besseres Wetter dort abzuwarten. Kaum aber hatte er dort Anker geworfen, als auch schon ein Steuerbeamter erschien, und einen hohen Zoll von der ganzen Schiffsladung verlangte. Vergeblich machte der Kapitän geltend; daß er mit Afrika nichts zu tun habe, und nur des bösen,Wetters wegen einige Tage weilen wollte; der Zollwächter beharrte auf seinen Standpunkt, und der Kapitän mußte zahlen. Er ging darum zu dem Bey und verlangte Gerechtigkeit. Er würde auch bald vorgelassen. „Ausgezeichnetes Wesen, das meine Seele liebt," erwiderte der Bey, „ich bin Dein Freund und will alle Deine Wünsche erfüllen." ÜÜ