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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-06-25 · Heft 26 (25.6.1909) · p. Seite 309

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 26 (25.6.1909)
Date
1909-06-25
Page
Seite 309 (sequence 9)
Language
German
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steller, welche zum deutschen Publikum sprachen. Sie traten, auch mutig auf den Kampfplatz, um die Anschuldigungen gegen ihre Glaubensgenossen abzuwehren. Was nun Saul Ascher anbelangt, so hat er in seiner bereits wiederholt zitierten „Germanomanie" sich über die christlich-deutsche Tafelgesellschaft recht scharf ausgesprochen. Viel wichtiger aber rst für uns die Frage, welche Stellung Ascher zu Kleist eingenommen hat. Hat er ihn wirklich in dem Sinne angefeindet, wie man es darzustellen versuchte? Bald nach Kleists Tode erschien im Cottaschen „Morgenblatt" ein empörender Aufsatz gegen Heinrich v. Kleist, der großes Aufsehen erregte und die Freunde tief erbitterte. Der Aufsatz war nicht unterschrieben, aber Reinhold Steig glaubte, das —s— in der Unterschrift „die Autorschaft verhüllend und lüftend zugleich" einfach auf Saul Ascher beziehen zu können, wobei er sich allerdings aus die gehässige Angabe Achim v. Arnims stützte: „Der Schimpf im Morgenblatt stammt aus einer jüdischen Feder." Heinrich H. Houben, einer der tüchtigsten Kenner der Zeitliteratur, hat aber diese Ansicht widerlegt und mit wissenschaftlicher Gründlichkeit nachgewiesen, daß ein gewisser F. C. Weißer das Heldenstück gegen den verstorbenen Dichter vollbracht hat. Das Ergötzlichste an . der ganzen Geschichte ist die Tatsache, daß dieser Weißer — selbst ein waschechter Antisemit war. Von Saul Ascher aber sagt Rahmer, daß er in allen Schriften, Abhandlungen und Büchern desselben, die er bis aus.ganz wenige durchgesehen habe, auch nicht eine Erwähnung Kleists und nicht eine Spur eines Angriffs aus ihn als Mensch oder Dichter gefunden habe. Nur in einem Korrespondenzartikel ließ sich Ascher kurz über den Selbstmord des Dichters aus, aber ohne die Person zu erwähnen. „Ihm, dem nüchternen Mann der Aufklärung, bietet der Selbstmord Kleists die erwünschte Gelegenheit, gegen vermeintlichen Mystizismus und politische Exzentrizität loszuziehen." Und das ist die einzige Gelegenheit, bei welcher Ascher Kleists Name erwähnt. Damit stürzt also die ganze Konstruktion zusammen. Das ist aber für uns nicht das Wichtigste, sondern vielmehr die Konstatierung der Tatsache, daß gerade im Gegenteil die Juden die ersten waren, die Kleists Bedeutung anerkannten und seinen Ruhm öffentlich verkündeten! Rahel, Börne und Heine waren in dieser Frage die ersten auf dem Plan/ Ihnen folgten viele andere. Unter denen, die in unseren Tagen über Kleist geschrieben haben, finden sich Emil Kuh, Hieronymus Lorm, Th. Gompertz, Felix Bamberg, Ludwig August Frankl, S. H. Mosenthal, Moritz Mandl, S. Lublinski, Arthur Eloesser und zuletzt — aber doch wahrlich nicht zuletzt, sondern vielmehr als einer der ersten und besten — Siegmund Rahmer, der in seinem Vorwort ausdrücklich erklärt, die Ehrenschuld jedes Deutschen gegen dieses außerordentliche zu Tode gemarterte Genie für seine Person abtragen zu wollen. Das letzte Kapitel seines ausgezeichneten Buches ist überschrieben: „Am Gxabe Kleists". Er schildert darin die Verehrung für das Kleist-Grab und die Wallfahrt zu demselben. Er erzählt auch die neuere Geschichte des Grabes; doch er erwähnt nur den Aufsatz von Hermann Grimm, der zu einer Sammlung dafür aufforderte. Wir aber wollen nicht unerwähnt lassen, daß das Hauptverdienst an der Wiederherstellung dieses Grabes einem jüdischen Schriftsteller zukommt, nämlich dem bekannten Romanschriftsteller Max Ring. Dieser hat Hermann Grimm zu seinem Aufruf veranlaßt; er hat durch den Präsidenten v. Kleist, einen Verwandten des Dichters, die Erlaubnis erwirkt, den Platz ausschmücken zu dürfen. Er hat auch Bogumil Davison zu einer Vorlesung angeregt, und als diese nicht zustande kam, zu einer größeren Geldspende veranlaßt; durch ihn wurden die beiden arg aussehenden Gräber mit einem eisernen Gitter umgeben, der ganze Platz mit Blumen und Bäumen bepflanzt und das Andenken des Dichters durch einen .Grabstein geehrt, dessen Inschrift er selbst verfaßt hat: ^Der Dichter lebte, litt und sang in schwerer Zeit, Er suchte hier den Tod und fand — Unsterblichkeit." Die Frage: Wir kommt Kleist in die „Allgemeine Zeitung des Judentums"? scheint mir nun genügend beantwortet. Heinrich v. Kleist war kein Gegner der Juden, wie gern man ihn auch zu einem solchen stempeln möchte. Er war eben ein vorurteilsloser, hoch über dem Trennenden der Konfessionen stehender Mensch und Dichter. Die Juden aber waren mit die ersten, welche seine Bedeutung anerkannten und für ihn eintraten. Ich wäre allerdings der letzte, der dies geflissentlich unterstrichen hätte, wenn nicht von anderer Seite eine gradezu .gegensätzliche Konstruktion des Dichterbildes in die Welt geschickt worden wäre.. Aber es sind dies zum guten Ende doch Tatsachen, die nicht nur in die Geschichte des deutschen Geisteslebens gehören, sondern die auch wichtig genug sind, um den. regen Anteil der Juden an diesem Geistesleben zu erhärten. 0. K. .v£y. Der Salon 1909. Von M. Friedeberg. I. diesen lichten Lenzestagen hat man einst in düsteren Zeiten, von denen wir wohl hoffen dürfen, daß sie niemals wiederkehren, uns Juden nicht zum wenigsten die „Milch der frommen Denkungsart" gar oft in Kummer und Sorge verwandelt. Auch heute noch sieht es um die von den Propheten verkündete messianische Zeit des Friedens und der Eintracht leider recht böse aus; überall herrscht auf dem Markte des Lebens Zwist, Uneinigkeit und Unruhe. Da ist es denn ein Glück, daß die Völker sich ein einigendes neutrales Gebiet im Reiche des Ideals, in der Kunst, geschaffen haben. Wie das Ideal sich verkörpern. Gestalt annehmen soll, darüber gehen die Meinungen nicht nur hierzulande noch sehr oft auseinander, und auch in der Kunst ist der Wettstreit, berechtigt, ohne den es nur eine Ruhe des Friedhofs gibt. Sowohl in der „Sezession", welche auch in diesem Frühjahr als die berufene Vertreterin des modernen Impressionismus ihre Pforten in Berlin aufgetan hat, wie in der großen akademischen Kunstausstellung im Landes-Ausstellungspalaft am Lehrter Bahnhof, finden wir auch in diesem Jahre als anerkannte echte Pioniere des Ideals eine große Anzahl jüdischer Künstler mit zum Teil sehr beachtenswerten Arbeiten vertreten. In der „Sezession" hat Max Lieb.ermann (der am 29. Juli dieses Jahres seinen sechzigsten Geburtstag begeht), und nebendem Senior Joseph Israels wohl heute einer der bedeutendsten Vertreter der Hellmalerei überhaupt, sicherlich aber für Deutschland der hervorragendste Künstler auf diesem einst viel umstrittenen Gebiete ist, unter Nummer 163 seine treu nach der Natur gemalte „Amsterdamer Ju d e n g a ss e "' ausgestellt. Das in, diesem Blatte vor einiger Zeit ausführlich geschilderte pittoreske Bild der „Jodenbreestrat“ hat Max Liebermann hier in künstlerisch vornehmer Weise und mit starkem Effekt aus die' Leinwand gebracht. Liebermanns ausgezeichnete realistische Darstellung bewährt sich auch in dem gleichfalls in der Sezession (Nummer 161) ausgestellten Porträt des Direktors der Elektrizitäts-Gesellschaft, Emil Rathenau. Dagegen ist Lovis Corinths „Bathseba" wohl ein intereffanter Akt, aber diese kolossalen Leibesmassen f

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