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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-06-25 · Heft 26 (25.6.1909) · p. Seite 308

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 26 (25.6.1909)
Date
1909-06-25
Page
Seite 308 (sequence 8)
Language
German
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Mit Worten, und waren sie noch so fein gedrechselt, richtet man da wirklich nichts aus. Dem Oberrabbiner ist allerdings jeder ein Jude, der sich als solcher bekennt. Nicht aber dein Rabbi der „Schiffschul?" Was verlangt dieser nicht alles von einem Juden in seinem Sinne? Wird dieser Rabbi in einen „Tempel" gehen, in dem nur ein Gebet in deutscher Sprache verrichtet wird? Man sieht also schon aus diesen wenigen Andeutungen, woran die geplante Organisation kränkt. Sie hat rituelle Fragen in den Vordergrund gestellt, und diese werden niemals zu einer Einigung führen. Man hätte deshalb am besten getan, solche Fragen gänzlich auszuschälten. Um nur noch eines zu erwähnen: Wie denkt man sich eine Gesamtorganisation des Religionsunterrichts? Die Verfassung eines Gesamtlehrplans für diesen? Die Abfassung von Lehrbüchern? Natürlich, hätte ich säst gesägt, befand sich unter den „Delegierten" kein einziger praktischer Religionslehrer, das heißt ein Lehrer, der wirklich im Unterrichte tätig ist, und, wir fürchten sehr, man werde am grünen Tische, ferne von jeder Erfahrung, wie es im praktischen Unterrichte zugeht, kaum, erfassen und einführen können, was dem Religionsunterrichte nottut. Man kann ein guter Rechtsanwalts ein tüchtiger Fabrikant, ein erfahrener Geschäftsmann sein, muß aber deshalb von den Fragen des Unterrichts nicht viel verstehen. Aus all dem Angeführten ergibt sich, woran die geplante Organisation krankt: Es ist die allzustarke Betonung der religiös-rituellen und die Zurückdrängung wirtschaftlicher und politischer Fragen. Und doch fordern gerade die letzteren zu einer Organisation der Juden heraus. Eine solche hätte dafür zu sorgen, daß der Jude nicht entrechtet werden könnte. Wo immer sich Anzeichen fühlbar machen, dem Juden sein gewährleistetes Recht zu nehmen, da sollte der Gesamtverband für ihn eintreten. Die wirtschaftliche Not der kleinen jüdischen Gtzwerbsleute ist eine große. Sie leiden unter Boykott und Zurückdrängung. Man gehe doch in unsere, ehemals blühenden kleinen jüdischen Gemeinden. Wie hat hier der jüdische Gewerbs- und Geschäftsmann besonders in Böhmen zu leiden! Wir kennen auch die Verhältnisse ein wenig und wissen, wie das verhetzte Volk gegen die Juden gesinnt ist. Eine Gesamtorganisation auf volkswirtschaftlicher und politischer Basis müßte eingreifen, um mit den Waffen des Gesetzes jede Ausschließung, jeden Boykott zu verhindern. Wir hoffen, daß es zu einer solchen kommen wird. Iwri. Heinrich o. Milt. ■ - > II. . Saul Ascher war ein armer Literat, der von 1767 bis 1822 hier lebte. Wir wissen eigentlich nur wenig über ihn. Nach Goedeke ist er als Buchhändler gestorben. Der Begründer der berühmten Buchhandlung A. Asher scheint er aber nicht gewesen zu sein. Er war ein einsamer Literat, ein Nachzügler der Rationalisten und Kantianer aus der Mendelsohnschen Schule. Wir wissen nur von ihm, daß er die Germanomanie nach den Freiheitskriegen eifrig bekämpft, und daß er für Juden und Judentum jederzeit energisch eingetreten ist. Seine selbständigen belletristischen Leistungen bewertet Ludwig Geiger sehr gering. Er sagt auch von ihm, daß er nicht immer zu seinem Ruhme literarisch tätig gewesen sei. Merkwürdig ist, daß seine Schriften fast überall verschieden angegeben werden. Der sonst so zuverlässige Goedeke in seinem Grundriß weiß nichts von seinen jüdischen Arbeiten; nur das eine Buch: Die Germanomanie gehört hierher. Nach Fürst hat er aber noch folgende Arbeiten veröffentlicht: Bemerkungen über die bürgerliche Verbesserung der Juden (Frankfurt a.'O. 1788) Leviathan oder über Religion in Rücksicht des Judentums (Berlin 1792), Eisenmenger II. nebst einem Sendschreiben an Fichte (1794), Ansicht von dem künftigen Schicksal des Christentums (Berlin 1819), Seltsam erscheint es, daß er in dem Mendelssohnschen Kreise gar nicht erwähnt wird; nur mit Salomon Maimon war er befreundet. In den jüdischen Salons hat er jedenfalls nicht verkehrt. Er haßte die Täuflinge und sagt in seinem „Leviathan" von ihnen: „Sie gleichen den Motten; sie flattern solange um die Flamme, bis sie endlich von ihr verzehrt werden." Im Gründe genommen, wissen wir, wie gesagt, nur wenig von ihm; aber er hat das Glück gehabt, einen Nekrolog von Heinrich Heine zu erhalten. In seiner „Härzreise" erzählt dieser uns, daß er mit Saul Ascher in Berlin im Cafe Royal beim Mittagessen oft über philosophische Fragen diskutiert habe. „Während ich gut aß und gut trank, demonstrierte er mir fortwährend die Vorzüge der Vernunft. Gegen das Ende seiner Demonstration Pflegte er nach seiner Uhr zu sehen und immer schloß er damit: „Die Vernunft ist das höchste Prinzip". — Vernunft! Wenn ich jetzt dieses Wort höre, so sehe ich noch immer den Doktor Saul Ascher mit seinen abstrakten Beinen, mit seinem engen transzendentalgrauen Leibrock und mit seinem schroffen, frierend kalten Gesicht, das einem Lehrbuch der Geometrie als Kupfertafel dienen konnte. Dieser Mann, tief in den Fünfzigern, war eine personifizierte gerade Linie und bildete dadurch einen Gegensatz zu mir, der ich damals nur in der Hogarthschen Wellenlinie lebte. In seinem Streben nach dem Positiven hatte der arme Mann sich alles Herrliche aus dem Leben .herausphilosophiert, alle Sonnenstrahlen, allen Glauben und alle Blumen- und es blieb ihm nichts übrig, als das kalte positive Grab. Auf den Apoll von Belvedere und auf das Christentum hatte er eine spezielle Malice. Gegen letzteres schrieb er sogar eine Broschüre, worin er dessen Unvernünftigkeit und Unhaltbarkeit bewies. Er hat überhaupt eine ganze Menge Bücher geschrieben, worin immer die Vernunft von ihrer eigenen Vortrefflichkeit renommiert, und wobei es der arme Doktor gewiß ernsthaft genug meinte und also in dieser Hinsicht alle Achtung verdiente. Darin aber bestand ja eben der Hauptspaß, daß er ein so ernsthaft närrisches Gesicht schnitt, wenn. er dasjenige nicht begreifen konnte, was jedes Kind begreift, eben weil es ein Kind ist." Nun kennen wir den Doktor Saul Ascher zur Genüge, und ich brauche wohl nicht erst um Entschuldigung zu bitten, daß ich eine so lange Einleitung gemacht,- um endlich auf mein Thema zurückzukommen. Diesen Saul Ascher hat man nämlich zu einem Hauptgegner Kleists zu stempeln versucht. Es paßte das in die Konstruktion vom patriotischen Christentum und dem dieses hassenden revolutionären Judentum sehr gut. Schade nur, daß das Kalkül ein grundfalsches gewesen ist. Nach der Darstellung Reinhold Steigs gehörte Saul Ascher sogar zu den gehässigsten Feinden Kleists, den er noch bis über das Grab hinaus mit seinen Angriffen verfolgte. Rahmer weist nun das Gegenteil nach. Die selbständigen Produktionen Aschers hält auch er für recht unbedeutend. Wenn Steig behauptete, daß man damals in jüdischen Kreisen nicht so sehr empfindlich war, daß der einzelne aber um so leidenschaftlicher empfinden mochte, so gehörte zu diesen, eben Ascher, dessen journalistische Tätigkeit hauptsächlich gegen den Antisemitismus gerichtet war. Im übrigen aber ist. die Voraussetzung eine irrtümliche. Die Juden waren damals ., wohl sehr empfindlich, und mit Recht. Sie hatten auch bereits ihre eigenen literarischen Hilfsmittel, um sich ihrer Haut zu wehren. Zn Deutschland allein gab es fast 40 jüdische Schrift-

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