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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-06-25 · Heft 26 (25.6.1909) · p. Seite 307

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 26 (25.6.1909)
Date
1909-06-25
Page
Seite 307 (sequence 7)
Language
German
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zu helfen in würdigster, weitgehendster Weise:. Erwerbsscheue sollen aber nicht unterstützt werden. Für sie gilt das Wort, welches auf dem Verbandstage fiel: „Keinen Pfennig Unterstützung ohne Arbeitsleistung." Darin sollten sich alle jüdischen Gemeinden solidarisch machen. Die private Wohltätigkeit des einzelnen durchkreuzt die Maßnahmen der Gemeinden. Wer einen Schnorrer beschenkt, kommt in die Liste der Schnörrerfreunde und zeigt, denselben den Weg zu ihrem Ziel. Man hat Beispiele, daß renitente Schnorrer selbst nicht durch Polizeihilfe los zu werden sind. Deshalb vor wirklichen Schnorrern die Türen zu! Dies Wort gilt auch in gewisser Beziehung für die Herren Rabbiner, .die durch Hergabe von Visitenkarten an solche Leute durch ihre offizielle Stellung vielen Veranlassung bieten, selbst wider Willen, Unterstützung zu geben. Zuerst suchen ja bekanntlich diese Elemente die Herren Rabbiner auf. Den wirklich Bedürftigen und Unglücklichen wende man seine Hilfe zu, und dazu sind die Gaben an die Zentrale in den Gemeinden gern willkommen. Ueberhaupt nur Zentralisation in engerem und weiterem Sinne kann dem Uebel beikommen und es mildern, vielleicht es auch ausrotten. Man fasse eben das Uebel bei der Wurzel. Neben den Vorschlägen der Herren Dr. Kahn, Lebrecht und Laskar möchte ich obigen Appell zu beherzigen raten und will wünschen, daß hier kein leeres Wort gesprochen worden ist. Lrirk aus Srlterreich. Ende Mai. ngefähr hundert Personen hatten sich am 4. Mai im Sitzungssaals des Wiener Kultusvorstandes zusammengesunden, um an der Beratung zur Schaffung einer Gesamtorganisation der österreichischen Judenschaft teilzunehmen. Diese Versammlung führt den stolzen Titel: „Jüdischer Gemeindetag" und einer der „Delegierten" — man fragt sich, wer hat diesen Delegierten ihr „Mandat" verliehen? — bezeichnete sie sogar als „historisch bedeutsam" für die österreichische Judenschaft. Wir aber find der Ansicht, daß die Organisation, wie sie geplant wird, niemals zustandekommen werde. Denn die Regierung kann einem solchen Zusammenschlüsse nicht ihre Zustimmung geben, da sich zu der Versammlung kein einziger Gemeindevertreter Galiziens eingesunden hatte. 19 galizische Großgemeinden und 207 orthodoxe Gemeinden protestierten gegen diese zu oktroyierende Organisation. Die Beteiligung an der Versammlung verbietet es aber auch zu glauben, daß wir es hier mit einer Vertretung der Gesamtjudenschast zu tun haben. 40 Delegierte hatte Wien gesandt, und die 60 übrigen sollen die Vertretung der Juden Oesterreichs darstellen? Das können wir nicht glauben. Und, wenn wir die Proteste gegen diese Versammlung ins Auge fassen, die Gegenströmungen der galizischen, der orthodoxen Wiener Judenschaft, der tschechischen Juden und noch andere .Protesterklärungen, dann ist schwerlich zu erwarten, daß aus diesem brodelnden Kessel etwas für das Judentum Heilsames erblühen werde. Daß eine Organisation des Judentums in Oesterreich eine zwingende Notwendigkeit geworden, wurde in diesen Briefen schon oft betont; wir halten es'daher für unnötig, darauf wieder zurückzukommen. Die antisemitische Gefahr nötigt zu einem Zusammenschlüsse. Die Herrschaft der Christlich-Sozialen nimmt immer größere Ausdehnung an, und die Landtagswahlen in den Alpenländern zeigten, wie ungeheuer die Macht dieser Partei geworden. Man ist auf dem Punkte angelangt, gleichgiltig ihrer Ausbreitung zuzusehen, denn man hat sich mit ihrem Siege bereits abgefunden. Wir denken, darin liegt für uns die größte Gefahr. Die Gleichgiltigkeit, mit der man zusieht, wie diese Partei immer mehr zur Herrschaft gelangt, auf allen Feldern siegt, ist symptomatisch für die Lage der Dinge in Oesterreich. Da war es eine Notwendigkeit, daran zu denken, auch für die Organisation des Judentums etwas zu tun. Es zeigte sich aber nur die tiefe innere Zerklüftung, welche in unserer Mitte herrscht. Wir hörten von Eifersüchteleien derjenigen, die unsere Führer sein sollen. Das Gespenst der Reaktion, und nicht.allein der religiösen, sondern auch der politischen, ging durch die Versammlung, und unwillkürlich fragte man sich: Sind die Bewegungen und Erscheinungen der modernen Zeit an diesen „Delegierten" spurlos vorübergegangen? Ganz spurlos allerdings nicht. Aber man hätte aus diese, moderne Begleiterscheinung, von der wir jetzt sprechen wollen, gern verzichtet. Man höre und staune: Es wurde von einem böhmischen „Delegierten" versucht, die Sprachenfrage in dieser Versammlung „zu entrollen".. Die hat uns zu unseren übrigen Zerwürfnissen noch gefehlt. „Der sonderbare Schwärmer" aus dem Lande der Tschechen verlangte für Böhmen zwei selbständige Landesverbände, oder wenigstens einen Verband mit einer deutschen und tschechischen Sektion. Wir sehen, welche Blüten unsere Zeit treibt. Der.Sprachenstreit, der Oesterreich zerklüftet, soll ins Judentum getragen werden. Ich denke, soweit .sind wir noch nicht. Wie ernst es dem . jüdischen Tschechen mit seinem Anträge war, ersehen wir darausdaß er, als dieser nicht angenommen wurde, die Versammlung verließ. Es mag zugegeben werden, daß die Juden aus Gründen der Opportunität in den tschechischen Bezirken sich den Tschechen unbedingt anschließen, der Gottesdienst in tschechischer Sprache abgehalten wird, aber in einer Gesamt- Organisation muß doch auch auf eine. gemeinsame Verhandlungssprache gesehen werden und wir besitzen nachgerade der Parteien im Judentums genug, daß wir eine neue Separation ganz entschieden ablehnen müssen. Am .meisten sträubten sich gegen die Organisation die Wiener Orthodoxen, die wir nach ihrer Synagoge, der „Schul'" in der Schiffgasse zu Wien, kurz die „SchiffschuljUden" nennen können. Es ist dies eine Partei von Neuorthodoxen, deren ehrliches Streben, die Religion nach ihrem Sinne zu heben, wir anerkennen wollen, das sich aber mit dem Geiste einer neuen Zeit schwer vereinigen..läßt. Es war demnach ein Fehler derer, welche die Organisation durchführen wollen, diese , auf religiösen Grundlagen aufzubauen. Niemals wird man die religiösen Parteien in unserem heutigen österreichischen Judentums unter einen. Hut bringen. Glauben wirklich die „Führer", daß sich galizische * Juden Wiener „Schiffschuljuden" und sogenannte Neuorthodoxe von einer Organisation, einem Verbände, werden Vorschriften geben lassen über Anstellung von Rabbinern, Schächtungs- und Unterrichtsfragen? Der Führer der Wiener „Schiffschuljuden" verlangte, in die Leitung des Verbandes mögen nur Männer kommen, welche den Sabbat halten und nicht irepha essen. Möge er sich diese Männer suchen. Von seinem Standpunkte mag der Herr Recht haben. geht konsequent vor. Er handelt im Sinne jener Jude« Wiens, welche jetzt einen .„8etiomre-8etiLddo8"-Verein gegründet haben.; Diesen. Leuten flößen auch die sich orthodox gebenden Rabbiner Mißtrauen ein. Und sie haben diesem Mißtrauen Ausdruck verliehen. -Da nützte, es nichts, daß der Wiener Oberrabbiner zur Einigkeit aufforderte, von der Thora sprach, die aus Deutschland nach Polen und von da wieder nach Deutschland gekommen.

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