Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- Seite 306 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228879--65650-3277787- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
semitischen Jugendliteratur. Zur letzteren Aufgabe möchte ich aus meiner amtlichen Erfahrung einen Vorschlag -machen. Auf Grund des jüngsten Volksschulunterhaltungsgesetzes bin ich Mitglied der hiesigen städtischen Schuldeputation. In dieser wurde unlängst von einem Mitglied der Antrag eingebracht, es solle eine Kommission aus der Mitte der Schuldeputation mit der Aufgabe betraut werden, Vorschläge zu machen gegen die Verbreitung der Schundliteratur, deren Schriften allenthalben für einen billigen Preis seilgeboten werden und die die unbefangene und unverdorbene Jugend moralisch und sittlich verderbe und vergifte. Der Antrag wurde angenommen, und auch ich wurde in die Kommission gewählt. In einer unserer Sitzungen lautete ein Punkt der Tagesordnung : „Auswahl billiger Erzählungen für die Schüler durch eine besondere Kommission und Ueberweisung eines solchen Verzeichnisses an die kleinen Händler". Zu diesem Punkte stellte ich folgenden Antrag: „Die Kommission zur Bekämpfung der Schundliteratur beschließt, in. der Auswahl der Erzählungen für die Jugend besonders solche Bücher auszuschließen, deren Tendenz irgend Herabsetzung oder Verächtlichmachung des Katholizismus, Protestantismus oder Judentums, oder deren Bekenner durchblicken läßt". . Dieser Antrag wurde auch 'ohne jeden Widerspruch von der Kommission, die aus elf Mitgliedern bestand, einstimmig angenommen. Wenn man nun in Erwägung zieht, daß ferner beschlossen wurde, sämtliche Rektoren der Volksschulen zu veranlassen, die Jugend zu warnen, die ausgeschlossenen Bücher zu lesen, die natürlich in den Volksschulbibliotheken kein Unterkommen finden werden, daß das Polizeipräsidium bezüglich des Straßenverkaufs und das Oberbürgermeisteramt bezüglich der Ueberwachung der Zeitungskiosken um Mitarbeit gegen verderbliche Jugendliteratur angegangen werden soll, so darf man, ohne gerade zu weitgehende Erfolge zu erhoffen, wohl erwarten, daß hier eine Gelegenheit geboten wird, die antisemitische Jugendliteratur allmählich verschwinden zu Machen. Ich möchte daher allen meinen Kollegen, die Mitglied einer Schuldeputation sind, oder anderen Glaubensgenossen, die ihr angehören, empfehlen, dieser wichtigen Frage der Säuberung der Volksbibliotheken von antisemitischen Jugendschriften, ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden, dieselbe in Schuldeputationen zur Erörterung zu bringen, respektive in gleicher Weise, wie hier/ mit einem Anträge vorzugehen. Wir sind verpflichtet, von unserem Recht, Sitz und Stimme in der Schuldeputation, welches uns das neue Gesetz züerkennt, vollen Gebrauch zu machen. Ein katholischer oder evangelischer Geistlicher wird nicht schweigen, wenn er weiß oder nur vermutet, daß der Jugend seiner oder einer anderen Konfession Schriften in die Hand gegeben werden, wodurch Katholizismus oder Protestantismus herabgesetzt werden, ebensowenig dürfen wir, Vertreter des Judentums, ruhig bleiben, wenn man unsere Religion oder Glaubensgenossen versteckt oder offen schon bei der Jugend der anderen Konfessionen beleidigt und herabwürdigt. Ferner wäre sehr zu empfehlen, eine Zentralstelle zu schaffen, wo alle Anmeldungen über Jugendschriften antisemitischen Inhalts erfolgen könnten. Hierzu wäre wohl das Bureau, des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zu empfehlen. Dieser möge in seiner Zeitschrift eine Rubrik für antisemitische Jugendliteratur freihalten. Das oagsdunLirrenLk Schnorrrrtum. " Lin einträgliches Geschäft. Von Max Weil-Magdeburg. eibet Yoat auf dem Verbandstage des. Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes nicht genügende Zeit, um das Unwesen des Schnorrertums eingehend beleuchten zu können. Bei einer Redezeit von fünf Minuten, die auch mir gegeben waren, ist das-eben nicht möglich gewesen. Das klare, mit praktischen Vorschlägen gehaltene, ausführliche Referat des Herrn Dr. Kahn vom Hilfsverein der Deutschen Juden, welches mit den Referaten der Herren Lebrecht-Nürnberg und Laskar-Hamburg in nicht zu ferner Zeit noch gedruckt in unsere Hände gelangen wird, ebenso der Beschluß, daß innerhalb von sechs Monaten der Deutsch- Israelitische Gemeindebund eine Kommission aus berufenen Männern in Berlin versammeln wird, um endlich Positives zu schaffen, sind zu begrüßen. Inzwischen soll aber auch die jüdische Preffe nicht schweigen, welche viel zur Ausrottung dieses Unwesens beitragen kann. Wir in unserer Gemeinde, bei welcher ich schon seit 12 Jahren dieses nicht so angenehme Dezernat der Wanderunterstützung bekleide, haben Schnorrer gefunden, die ganz stattliche Barsummen zur Verfügung hatten; auch Geldscheine fanden sich, die bewiesen, daß geschnorrte Beträge in die Heimat abgeführt wurden. Der Arbeitsame aber, der im Kampf ums Dasein seine Schweißtropfen vergießt, um seine Familie kärglich, aber ehrlich zu ernähren und dazu hier und da einen Zuschuß nötig . hat, wird durch diese Art der Schnorrer beeinträchtigt. So macht der Schnorrer durchschnittlich ein einträgliches Geschäft, und der ehrliche Mann muß darunter leiden. Solange es noch mildtätige Herzen gibt, wird die Barmherzigkeit von denSchnorrern gebrandfchatzt, und werden auch an den Korridortüren milde Gaben an völlig fremde Menschen verabreicht werden. Interessant wäre es, wenn zahlenmäßig festgestellt werden könnte, um welche Summe jährlich durch diese übel angebrachte Wohltätigkeit zum Nachteile wirklich Bedürftiger die Gemeinden geschädigt werden. Man würde über die Höhe der Summe staunen, die so zwecklos verzettelt wird. Man räsoniert vielfach über die hohen Kultussteuern; hier besteuert man sich freiwillig, ohne für die Allgemeinheit irgendwelchen Nutzen zu stiften. Im Gegenteil, das Beschenken der Schnorrer ist in hohem Maße schädlich und unter Umständen gefährlich. Wer Schnorrer beschenkt, zieht das Landstreichertum an seinem Teile mit groß und hindert die Einschränkung der Vagabundage. Ungezählte Schnorrer im arbeitskräftigen Alter belästigen in renitenter Weise die Gemeinden und die einzelnen Mitglieder derselben. Sie säen nicht, sie ernten nicht, und gutmütige, unüberlegte Leute ernähren sie doch. — Angeblich finden sie' keine Arbeit. — Die Leutenot auf dem Lande wird immer größer; dahin sollten die Gemeinden ihre Augen richten, wie es schon in der Verbandsverhandlüng ganz richtig betont wurde. Hauptsächlich können dazu die kleineren Gemeinden beitragen, weil solche in nächster Nachbarschaft der Landwirtschaft liegen und mit dieser viel in direkter Beziehung stehen. Freilich zur Arbeit auf den Feldern haben die Schnorrer keine Lust. Es zieht sie in die Städte, wo sie wissen, daß es nicht leicht ist, Arbeit zu finden; dadurch geht das ernstliche Streben nach Arbeit verloren, und der Schnorrer wird Landstreicher. Es ist nicht nötig, an den Türen zu schnorren, die Gemeindeinstitutionen und' bezüglichen Vereine sind völlig ausreichend, um bei geprüfter Mildtätigkeit den Aermsten weiter