Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- Seite 305 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ob dieser schlechten Konjunktur sind-die Antisemiten vom Schlage Liebermann v. Sonnenbergs aus eine..gute Idee gekommen. Tauften sich eines schönen Tages „Wirtschaftliche. Vereinigung". Ein anlockender, Mittelstandsfreundlichkeit verheißender Titel. „Den Mittelstand wollen wir schützen gegey alle Auswüchse des geschäftlichen Lebens", verkünden die „Wirtschaftlichen" in Wahlversammlungen mit der ganzen Wucht antisemitischer Rednergabe. „Wir Wirtschaftliche — Antisemiten? Bewahre! Wir haben nichts gegen ehrliche Inden. Und schlechte Elemente unter den Juden bekämpfen wir gerade so wie schlechte Elemente unter Christen. Wirtschaftlich sind wir, meine Herren, wirtschaftlich!" Zur wirtschaftlichen Vereinigung zählen sich 18 verkappte Antisemiten. Und man muß es den Herren lassen, "im Reichstage nehmen sie sich sehr zusammen. Mal hin und wieder der dumpfe Notschrei eines von Jüdenfeindschaft gequälten Gemütes — doch zu dem Radauantisemitismus eines Bindewald oder Zimmermann wagen sie sich nicht aufzuschwingen. Besser, sie wagten es seit Gründung der Wirtschaftlichen Vereinigung nicht. Seit der Sitzung vom vergangenen Freitag, seit der Börsenrede des Wirtschaftlichen Herrn Raab, den die Freisinnigen in Schmalkalden gegen einen Sozialdemokraten in den Reichstag gewählt haben, kann die Wirtschaftliche Vereinigung kein Kind mehr überzeugen, daß sie fanatischer Judenhaß nicht beseelt. Während Herr Raab, von Beruf Porzellanmaler, bisher vorzüglich seine parlamentarische Arbeit darin sah, die Tätigkeit der Schiffsreeder grau in grau zu malen, schwärzte er letzten Freitig die Börse an und benutzte die gute Gelegenheit, aus seinem Herzen keine Mördergrube zu machen. Der stenographische Bericht liegt leider noch nicht vor, aber auch aus den Zeitungsberichten ist deutlich zu ersehen, wie er die im Bank- und Börsenwesen geschäftlich tätigen Juden angegriffen, wie diese unter dem wiehernden Beifall der Rechten und der Partei der Toleranz, des Zentrums, eine Stunde lang, nur mit dem Reichskanzler zu sprechen, in der „Brechlinie" standen. Sie können sich trösten. Nicht nur die Juden — auch die Regierung und große Parteien des Hauses hat der kühne 18 Mann-Fraktionsredner schwer beleidigt. Der Staatssekretär Shdow setzte sich erregt zur Wehr, Herr Mommsen antwortete in sehr vornehmer Weise und rein sachlich, so daß Herr Raab das Wort, das er in seiner eigenen Rede gebraucht hatte, beherzigen konnte: „Wer schimpft, ist im Unrecht." Schlimmer aber als ein antisemitischer Radauredner ist ein Jude, der einem verkappten Antisemiten ä la Raab seine Stimme gibt. Bei der vorigen Reichstagswahl hat eine große Zahl von Juden einem wirtschaftlichen Vereinler, dem Führer der Handlungsgehilfen, die Juden in ihren Verband nicht aufnehmen, in der Stichwahl dadurch zum Siege verholfen, daß sie aus allerlei geschäftlichen Besorgnissen nicht von ihrem Wahlrecht Gebrauch machten. Die Abgeordneten der Wirtschaftlichen Vereinigung sind zum größten Teil mit Hilfe der Freisinnigen in den Reichstag gekommen. Unter diesen Freisinnigen ist ein gut Teil jüdischer Stimmen. Mögen die Säumigen und Aengstlichen unter den. Juden aus der letzten Reichstagsrede des Wirtschaftlichen Herrn Raab lernen. Natürlich gibt es in allen Parteien verkappte Antisemiten. Ueber diese traurige Tatsache darf man sich.nicht hinwegtäuschen. Hätten die vom Bund der Landwirte nicht ihre agrarischen Sonderinteressen, sie wären längst allesamt zur Bruderpartei, zu den Wirtschaftlichen gegangen, in deren Reihen bereits drei Bündler sitzen. Herr Kreth zum Beispiel ä05 -- hat noch keine Rede gehalten, ohne wenigstens mit. einem Körnchen Antisemitismus seine Rede zu würzen. Eine große Zahl verkappter Antisemiten findet man auch im Zentrum. Mir sagte einmal ein Kollege, der in einem politischen Bureau des Zentrums arbeitet: „Das Zentrum ist antisemitisch durch und durch." So weit möchten wir allerdings nicht gehen, aber man braucht nur an den bayerischen Dr.Heim zu denken und die Reihen des heutigen Zentrums durchgehen, einen von der edlen Sinnesart eines Dr. Lieber wird man kaum noch finden. Wer glaubt, daß die Sozialdemokratie im Parlament trotz ihrer „Verjudung" frei von Antisemitismus ist, irrt sich. Sozialisten — Abgeordnete und Journalisten — sind leicht und gern bereit, mit antisemitischen Witzchen aufzuwarten. So eine Art Demonstration für ihre Unbefangenheit. Die Polen haben in Reichstag und Abgeordnetenhaus sehr sich ihrer eigenen Haut zu wehren, daß sie für den Antisemitismus, den sie in ihrem Heimatland oft betätigen, nicht viel übrig haben. Bleibt der Freisinn übrig. Ob es auch in ihm verkappte Antisemiten gibt, ist schwer zu sagen. Warum soll man ohne Veranlassung verdächtigen? Der jüdische Wähler kann die Wahlkandidaten nicht auf Herz und Nieren prüfen. Die Raabsche Rede müßte aber aufs neue ein Mahn- und Weckruf für unsere Glaubensgenossen sein, nie und nimmer einem Manne eine Stimme zu geben, den sie, unter welcher Flagge er auch segelt, für einen verkappten Antisemiten halten. Wären unsere Glaubensgenossen bei der letzten Reichstagswahl rühriger und — gewissenhafter gewesen, Herr Raab wäre nicht in die Lage gekommen, seinem Haß im Reichstage gegen sie so unverblümten Ausdruck zu verleihen. Mntilrmitilchk Jugendliteratur. Von Rabbiner Dr. Frank-Köln. s ist vielfach Klage geführt worden, besonders seitens jüdischer Eltern, daß unter den Unterhaltungsschriften, welche der jüdischen Jugend zur Verfügung stehen oder ihr aus den Volksschulbibliotheken geliehen werden, oft auch solche Bücher vorhanden sind, die, antisemitischen Inhalts, das Gemüt der jüdischen Jugend kränken und anderseits die Kinder christlicher Religion schon frühzeitig mit Haß und Vorurteil gegen das Judentum und sein Bekenner erfüllen. Es fehlt nicht allein, an Jugendschriften, die religiösen und jüdisch-historischen Inhalts, von jüdischen Schriftstellern verfaßt, dem jüdischen Kinde als Unterhaltungslektüre übergeben werden können, sondern es gibt viele Schriften mit einem ganz harmlosen Titel, welche offen oder versteckt den reinsten Antisemitismus predigen. Wohl hat die Bne-Berith-Großloge. für Deutschland eine Kommission zur Schaffung einer jüdischen. Jugendliteratur eingesetzt, und diese Kommission hat auch schon einige Erfolge erzielt, aber damit ist die antisemitische Jugendliteratur noch nicht beseitigt. Auch in der Zeitschrift „Im Deutschen Reich", Organ des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Juni 1909 ist ein Aufsatz von Dr. Felix Goldmann-Oppeln enthalten, überschrieben „Antisemitische Jugendlektüre", welcher diesen Uebelstand ausführlich bespricht. Es liegt uns eine doppelte Aufgabe ob, eine positive und eine negative, erstens die Schaffung einer jüdischen Jugendliteratur und zweitens Beseitigung und Entfernung, besonders aus den Volksschulbibliotheken, der anti- MM,