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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-06-25 · Heft 26 (25.6.1909) · p. Seite 304

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 26 (25.6.1909)
Date
1909-06-25
Page
Seite 304 (sequence 4)
Language
German
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In Frankreich wurde ein neuer Gesetzentwurf über die Reform der Militärgerichte angenommen. Man wird nicht fehlgehen, wenn man den Fall Dreyfus als die wichtigste Veranlassung zu dieser Reform ansieht. Aber es ist interessant, und es war ein merkwürdiges Schauspiel, wie der Kriegsminister General Picquart, der Ausschußberichterstatter. Abgeordneter Labori und die ganze nationalistische, klerikale und antisermtsche Rechte im höchst gesteigerten Vive-I'armöe-Tone das Lob der „rechtschaffenen, überzeugten, ehrenhaften, gutgläubigen" Militärrichter sangen und heldenmütig die Militärgerichte gegen den entschlossenen und schließlich siegreichen Ansturm der äußersten Linken verteidigten. General Picquart, Maitre Labori, zusammen mit Herrn Lasies und Genossen für die Militärgerichte! Ist das nicht der gelungenste, grimmigste Witz der Geschichte? Ist das nicht das ätzendste Satirspiel, nach einer gewaltigen Tragödie? Aber die Gesichtspunkte ändern sich eben, je nachdem man, um mit Clemenceau zu reden, auf der einen oder der anderen Seite der Barrikade Dienst tut. Von den jüngsten Militär- und Marineskandalen spricht man in Frankreich auch nicht mehr. Dagegen ist die deutsche Antisemitenpreffe noch lange nicht mit der Ausnutzung derselben für ihre Zwecke zu Ende. Da ist es nun interessant, daß selbst die bauernbündlerisch-antisemitische „Neue Bayer. Landes-Zeitung" des Herrn Anton Memminger aus Anlaß des Falles Marix folgende nachdenkliche Betrachtungen anstellt: „Die nationalistisch-antisemitischen Zeitungen schwelgen förmlich in Wonne, weil der Hauptmann Marix, der erste Staatsanwalt beim Pariser Kriegsgericht, Gefangene gegen Bezahlung befreite, und sein Gehilfe Meres Juden sind. Die Untersuchung führte auch zutage, daß Marix die Rekrutenbefreiung geschäftsmäßig betrieb, ein gewerbmäßiger Spieler, Heiratsschwindler und Bordellteilhaber war, also ein Oberlump in folio. Der ganze Dreyfus-Skandal wird wieder in neuer und verböserter Auslage aufgelegt, alle möglichen Anschuldigungen werden gegen die Juden erhoben. Hierzu kommt unseligerweise ein neuer Marineskandal. Die parlamentarische Untersuchungskommifsion hat gegen den früheren Marineminister Thomson und gegen den gegenwärtigen Direktor der Marine- Ingenieurschule Dupont eine Klage wegen unrechtmäßiger Aneignung amtlicher Dokumente eingereicht. Bei Dupont beschlagnahmte man zahlreiche Papiere, er hatte sich jene Dokumente angeeignet, die sich auf die Bestechungsanzeige gegen die Stahlwerke von Unieux beziehen. Die Stahlwerke gingen daher straflos aus. Da die Eigentümer dieser Werke Jakob und Holzer wie auch Dupont Inden sind, wird das Anklagematerial gegen Juda und Israel zusehends umfangreicher. Aber die Korruption herrscht nicht bloß auf dieser, sondern auch auf anderer Seite. Und nicht, bloß in Paris, sondern auch in London, Rom, Petersburg, Wien, Berlin und anderwärts. Die Verderbtheit der Sitten-und Charaktere hat auch die höheren wie niederen Gesellschaftskreise, Männer und Weiber, ergriffen. Eine allgemeine Ein- und Umkehr täte allenthalben bitter not, bei Christen wie bei Juden, bei Hoch und Nieder. Wir tanzen auf einem Vulkan oder auf einem Sumpf." Im Gegensätze hierzu hat sich das „Deutsche Volksblatt" in München, aus Anlaß des Falles Marix, zu der ungeheuerlichen Behauptung verstiegen, „an der Korrumpierung des französischen Staats tragen die jüdischen Elemente, die aus aller Welt nach Frankreich strömten und sich unter französischen Namen überall einzuschleichen wußten, die Schuld." Zur tatsächlichen Berichtigung sei übrigens hier bemerkt, daß weder der obenerwähnte Herr Meres, noch der Marinedirektor Dupont Juden sind. - * Vielleicht das wichtigste Moment für die Politische Gleichberechtigung der Juden in der Türkei ist ihr Eintritt in die Armee der bis jetzt bekanntlich sowohl ihnen wie d'e'n Christen verwehrt war. Neuerdings hat nun der Oberstkommandierende der türkischen Armee, General Mahmud Schefket Pascha, den Oberhäuptern der Nichtmöhammedaner einen Befehl über den Beginn des Militärdienstes zukommen lassen. Es sollen bis zum Inkrafttreten des Gesetzes, das jetzt der Kammer vorliegt, Freiwillige in der Gendarmerie und der Armee ausgenommen werden. Für diese kommt das Alter von 19—25 Jahren in Betracht. Sie müssen ebensolange dienen, wie die ausgehobenen Rekruten dieses Jahres. Diejenigen, die das zwanzigste Lebensjahr noch nicht vollendet haben, bedürfen der Zustimmung ihrer Eltern. Die Einstellung in die verschiedenen Waffengattungen erfolgt je nach der Eignung. Einer der kompetentesten Beurteiler der Verhältnisse, der Chacham Baschi Nahoum, hat sich einem Interviewer gegenüber über diese Angelegenheit folgendermaßen ausgesprochen: „Die Juden sind bereit, in die türkische Armee einzutreten. Diese' Tatsache habe ich dem Generalissimus Mahmud Schefket Pascha bei der Unterredung, die ich mit ihm hatte, mitgeteilt. Somit ist aber nicht gesagt, daß wir nicht auch unsere Einwendungen zu machen hätten. Im Vordergründe stehen diejenigen religiösen Charakters. Weiter haben wir uns auseinanderzusetzen über die Fragen der Nahrung, des Feuers (?), der Dienstpflicht der Rabbiner und verschiedene andere heikle Punkte, die erledigt werden müssen. Ich habe jedoch bisher keinerlei Schritte bei der Regierung getan und werde die Verteilung des betreffenden Gesetzentwurfes in der Kammer abwarten, um besser unterrichtet zu sein. Ich werde dann erst die Beschwerden der jüdischen Gemeinschaft der Regierung mitteilen." Große Aufregung hat in maßgebenden Kreisen die Nachricht erregt, daß den Juden die Einwanderung in Palästina und eine „A u t o n o m i e" daselbst von Kammermitgliedern in Aussicht gestellt worden sei. Von Jerusalem aus gelangte eine Petition an die Kammer, in der die Gärung unter den Arabern wegen dieser Nachrichten und die den jüdischen Kolonisten deshalb drohenden 'Gefahren geschildert wurden. Zur Beratung dieser Petition wurde eine parlamentarische Kommission eingesetzt. Es ist zu erwarten, daß bei der Besprechung der Angelegenheit in der Kammer alle derartigen Gerüchte mit Entschiedenheit, und zwar von den jüdischen Deputierten, energisch widerlegt werden. Die Kreise aber in Europa, die es angeht, sollten aus diesen Vorgängen die Lehre entnehmen, wie gefährlich es ist, mit dem Feuer zu spielen, und wie leichtfertig es anderseits ist, die Lage der Juden in der Türkei durch derartige Utopien ernsthaft zu gefährden. . Verkappte flntilemiten. Bon Artur Schweriner. s gibt unter den 397 Abgeordneten des Deutschen-Reichstages heute nur noch 5, in Worten fünf, Antisemiten, die den Mut haben, sich, offen und ehrlich als solche zu bekennen. Wer, wie Schreiber dieser Zeilen, wochenlang die geringen Freuden und großen Leiden einer Wahlkampagne durchlebt hat, weiß aus eigener Anschauung, wie wenig zugkräftig heute noch eine Wahlparole: „Gegen die Juden!" ist. In Volksversammlungen soll der Reichstagskandidat versprechen, was er zum Wohle seiner Wähler tun will. Vom Schaden anderer kann man nicht leben. Nur in den beiden hessischen Distrikten und in Sachsen-Weimar ist allenfalls mit dem Antisemitismus noch ein Geschäft zu machen, in fast allen übrigen Teilen Deutschlands lehnen es die Wählermassen ab, einem Abgeordneter: deshalb die Stimmen zu geben, w.eil er eiy Judenfeind ist.

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