Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- Seite 303 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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303 nicht einmal^ in den Kreisen unserer eigenen Glaubensgemeinschaft, geschweige denn in der nichtjüdischen Oeffentlichkeit nach Gebühr und Verdienst gewürdigt werde. Dies Wort fiel unmittelbar, nachdem der Vorsitzende in einer ganz beiläufigen Bemerkung auf das bevorstehende 40 jährige Jubiläum des Gcmeindebundes hingewiesen hatte, das man nicht, feiern werde, da Feste zu begehen, nicht im Sinne des Gemeindebundes wäre, der stets der Devise unermüdlicher Arbeit für das Wohl der Gemeinden und der deutschen Judenheit zu folgen habe. Aber der Tadler hatte mit seinem Mahnwort Recht. Und wenn auch der verdienstvolle derzeitige Leiter des Gemeindebundes und seine bescheidenen Mitarbeiter, in deren Sinne er wohl sprach, von einer Feier dieses bedeutungsvollen Gedenktages nichts wissen wollen und wohl auch den 40. Geburtstag in der schaffenden Arbeit im Bureau feiern werden, so darf dies doch nicht die jüdische Presse und auch nicht die deutsche Judenheit abhalten, dankbaren Herzens der gewaltigen großen und so unschätzbaren segensreichen Arbeit des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes in den verflossenen vier Jahrzehnten und aller jener Männer zu gedenken,.deren glühende Begeisterung für das Judentum, deren selbstlose Opserwilligkeit, deren echt jüdisches Herz sie in den Dienst des Gemeindebundes stellte, einer Institution, in der und um die heute das lebendigste, blühendste jüdische Gemeindeleben pulsiert, von der ein Quell des Segens in das. jüdische Leben sich täglich ergießt. Die deutsche Judenheit entbietet dem 40 jährigen Bunde dankbaren Herzens heute die herzlichsten Wünsche für seine Zukunft! Dir Woche. Berlin, 23. Juni, an sollte es kaum glauben, aber es ist doch eine Tatsache, daß selbst bei dem großen Werk der Finanzreform, die jetzt das allgemeine Interesse in Anspruch nimmt, derHaß gegen die Juden an der Arbeit ist. Bei einzelnen Steuervorschlägen tritt er sogar ziemlich unverhüllt hervor. In der großen Reichstagssitzung vom 16. d. M. sagte der Staatssekretär Dr. Sydow ausdrücklich von der Kotierungssteuer: „Ich glaube, daß der ganzen Tendenz dieser Vorschrift eine gewisse instinktive Abneigung gegen das, was man Börse nennt, gegen die Kreise, die den Geldvermittlungsverkehr an der Börse und im Zusammenhang mit ihr vollziehen, zum Teil sogar bewußt, das leitende Motiv ist. Aber berechtigt ist es darum nicht. Man trifft damit nicht nur die Börse, nein, man trifft vielmehr Gewerbe und Handel, das heißt diejenigen erwerbstätigen Kreise, die, und zwar in Deutschland ganz besonders bei der verhältnismäßigen Kapitalsschwachheit, zur Betätigung der Unternehmungslust auf die Geldvermittlung durch die Börse angewiesen wird." Bei der Erbschaftssteuer mußte man allerdings schweigen, denn gegen den „Familiensinn" der Juden hat selbst noch kein Antisemit sprechen können. Und wie merkwürdig, gerade der „jüdische Liberalismus" ist für diese Steuer, ohne eine Schädigung des Familiensinnes zu fürchten. Dagegen kommt bei einer der von konservativer Seite vorgeschlagenen Steuern, bei der Parfümeriesteuer, der antisemitische Groll sehr drastisch zum Vorschein. Ein Blatt dieser Richtung begeistert sich für diese Steuer in folgenden anmutigen Wendungen: „Lächerlich ist der große Eifer, mit dem die Liberalen gegen die Parfümstener Vorgehen. Sie haben sogar schon ein passendes Schlagwort dafür erfunden: Reinlichkeitssteuer. , Diese Haltung wird begreiflich, wenn man berücksichtigt, daß die lieben Juden aus gewissen Gründen, die in der Rasse liegen, zu den stärksten Verbrauchern, der Riechwasser und Pomaden gehören. Ihre Salonfähigkeit ist angewiesen auf Moschus, Heliotrop und ähnliche Düfte, und es wäre einfach unerhört, wenn diese ein wenig teurer würden." Der gewerbliche Mittelstand, der mit Parfümerien handelt, beantwortet die Frage des Verbrauchs und der Verbraucher doch wesentlich anders. In einer Aufforderung, unterzeichnet von sämtlichen Berliner Drogisten- und Parfümerievereinen und sämtlichen Friseur- und Perückenmacherinnungen heißt es: „Wir laden den ganzen Mittelstand zu einer öffentlichen Kundgebung gegen die Steuer aus Reinlichkeit und Hygiene ein." Auf Reinlichkeit haben allerdings die Antisemiten nie großen Wert gelegt. Auch in der Familie Rothschild gibt es sehr verschiedene religiöse Strömungen. Bei der glänzenden Jubelfeier des Obiek- Rabbi von England, Dr. Hermann Adler, der auch durch ein Glückwunschtelegramm des Königs geehrt wurde,, hielt Lord Rothschild — nach orthodoxen Blättern — die folgende Rede: „Lieber Dr. Adler, es bietet mir eine große Genugtuung, daß die Untertanen des Königs, die sich zu dem jüdischen Glauben bekennen, mich veranlaßt haben, Sie heute hier zu empfangen und Ihnen zu gratulieren anläßlich Ihres 70. Geburtstages und des 50. Jahres Ihres eifrigen Wirkens in der jüdischen Gemeinde. Ich hoffe, daß Sie noch lange unter uns weilen werden, um uns den Vorzug Ihrer Weisheit und Ihrer Freundschaft zu gewähre». Es würde mir schlecht anstehen, dem Wortlaut der Adresse der Mitglieder der „United Synagogue“ welche ich das Vergnügen habe Ihnen vorzulesen, noch etwas hinzuzufügen, und wenn ich es wage. Ihnen etwas in das Gesicht zu sagen, so ist es die Tatsache, daß Sie allen Juden dieser großen Nation wert und teuer sind, nicht allein durch Ihre Frömmigkeit und das Interesse, das Sie der Wohlfahrt des öffentlichen Lebens geschenkt haben, sondern auch durch den erhabenen Geist der Duldung, der sie auszeichnet; daß Sie erkennen und stets erkannt haben und ausgesprochen in einer Ihrer beredtesten Predigten, daß Judentum kein eingeäscherter Tempel ist, sondern die Religion der Thora, die uns die Lehre eingeschärft, der Sie immer eingedenk waren: „Liebet den Fremden, denn Ihr wäret selbst fremd in Aegypten." Sie haben auch erkannt, daß es viele wohltätige und religiöse Männer und Frauen gibt, obgleich sie nichts wissen von Tefillinlegen und Tallistragen. Zum Schluß wünsche ich Ihnen ein langes Leben und alles Glück im Kreise Ihrer Familie. (Lebhafter Beifall!) Es ist interessant, demgegenüber die religiöse Anschauung eines anderen Mitgliedes der Familie Rothschild, des Barons Edmund v. Rothschild in Paris, zu beobachten, der der letzten französischen Rabbinerkonferenz die Reformen auf dem Gebiete des Eherechts einführen wollte, in einer Rede, die wir "seinerzeit gebracht, geradezu den Beruf hierfür ausdrücklich abgesprochen und sich dabei auf den konservativen Obiek- Rabbi von England berufen hat. Ja, so sehr ist den Herren damals der Schrecken in die Glieder gefahren, daß sie auch jetzt noch vergessen haben, ihre Beschlüsse vom vorigen Jahre, wie es festgesetzt war, diesmal zu ratifizieren. Statt dessen haben sie sich mit sehr zahmen Reformen begnügt. Sie haben das Minjan, die Pijutim, die laute Schemone Esre — mit Ausnahme der hohen Festtage — und die Thoravorlesung reformiert. Das sind Reformen, die in Deutschland seit mehr als fünfzig Jahren eingesührt sind und mit denen das stagnierende religiöse Leben in Frankreich nicht gerettet werden wird. Außerdem haben sie einen von orthodoxer Seite versuchten Vorstoß gegen die Pariser Reformgemeinde und deren verdienstvollen Leiter strikt zurückgewiesen — e'est tout! .