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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-06-25 · Heft 26 (25.6.1909) · p. Seite 302

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 26 (25.6.1909)
Date
1909-06-25
Page
Seite 302 (sequence 2)
Language
German
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:; - ' '-- 302. der Entwicklung des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" besteht im wesentlichen darin, daß es auch -damals schon wohl nicht' an großzügigen und weiten Gedanken fehlte, 'aber wotzl an jener konsequenten stillen: andauernden Arbeit, die die glänzenden theoretischen Ideen und daß gutgemeinte Wollen kraftvoll und mit eiserner Konsequenz in die Praxis umzusetzen vermochte. Damit soll nicht etwa verkannt werden, daß jeder einzelne der Leiter des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes feine ganz hervorragenden Verdienste um die deutsche Judenheit stch erworben hat. Männern wie Kohner, Lehmann, Nachod pürd die deutsche Judenheit und wird insbesondere auch der „Deutsch-Israelitische Gemeindebund" den Zoll des unauslöschlichen Dankes niemals vorenthalten dürfen. Sie 'haben das Fundament, auf dem der stolze ragende Bau des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" in der Gegenwart ruht, mit den unverwüstlichen Quadersteinen weiten und tiefen gedanklichen Gehaltes errichtet. Trotzdem ist der historischen Wahrheit die Ehre zu geben, daß die Hauptarbeit an der heutigen Größe und Bedeutung des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" zu einem Teile unter dem Präsidium Samuel Kristellers, zum größten, und wichtigsten Teile unter der zielbewußten, energischen und großzügigen Leitung des jetzigen Präsidenten, Professor Dr. M. Philippson, geleistet worden ist und geleistet wird. Der „Deutsch-Israelitische Gemeindebund" hat ein gutes Dutzend Jahre während der ganzen Zeit, da der Sitz in Leipzig war, schwer um seine Existenz ringen müssen. Besonders nach dem Tode Kohners trat eine sehr ernste Krise ein, und es wurde sogar , der Gedanke ventiliert, die ganze Sache aufzugeben. Aber Männer wie Nachod, Lazarus, Lehmann und andere hielten an der guten Idee fest und schufen durch eine von festem Willen diktierte Reorganisation einen sicheren Boden für das Gedeihen des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes", besonders auch dadurch, daß es ihnen, wenn auch erst nach einer Reihe von Jahren, nämlich 1882, gelang, den Gemeindebund in den Zentralpunkt jüdischen Lebens nach Berlin zu verlegen. Von dem Augenblick an zeigt die Entwicklung des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" eine ununterbrochen aufsteigende Linie der Entwicklung sowohl in bezug auf die Anzahl der ihm beigetretenen Gemeinden, als in dem großen Wachsen seiner Aufgaben und deren praktischer Lösung. Mit dem Augenblicke als der Deutsch-Israelitische Gemeindebund, der damals, im Jahre 1882, immer erst 183 Gemeinden zählte, nach Berlin kam, beginnt eine. Periode, in der man etwas mehr nach dem Muster preußischer Verwaltungskunst die Geschäfte des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes besorgte. Die feine, vornehme Natur Samuel Kristellers, die bei allen Vorliebe für ethischästhetische und poetische Dinge doch auch die guten hervorragenden Seiten — freilich auch die kleinen Schwächen — der preußischen Bureaukratie in gutem Sinne zeigte, entbehrte doch durchaus nicht des scharfen praktischen Blicks. Er hat das Verdienst, durch das Zustandebringen des Vertrages mit der „Viktoria" nicht nur ein großes, sozial nicht hoch genug zu bewertendes Werk geschaffen, sondern dadurch auch eine Quelle erschlossen zu haben, die die finanzielle Grundlage und die Leistungsfähigkeit des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" aufs günstigste befruchtete. Auch der Zusammenschluß der jüdischen Lehrerschaft Deutschlands im „Verband der jüdischen Lehrervereine" ist seiner Initiative und Förderung zu verdanken. Eine lange Reihe weiterer bedeutungsvoller Institutionen hat er gleichfalls angeregt und geschaffen. Die Ausstellung von Lehrmitteln für den jüdischen Religionsunterricht vom .28. bis 30. Dezember 1884, die nach so vielen Seiten anregend wirkte, die Errichtung der „Historischen -Kommission zur Erforschung der. Geschichte der Juden in Deutschland", verdanken ihm ihre Entstehung: vor allem aber die Heranziehung noch abseits stehender Gemeinden, dies alles bildet die Signatur der segensreichen Arbeit des dritten Präsidenten des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes. - Die neueste Epoche, die nach dem Rücktritt Kristellers im Jahre 1896 und. dem Vorsitz. Professor Philippsons einsetzt, ist sicher die früchtereichste. Sie zeigt die charakteristischen Züge nicht nur eines zielbewußten Ausbaues der guten Gedanken der Jugendzeit des Gemeindebundes, die charakteristischen Züge der stillen,, aber intensivsten fleißigen Arbeit, sie wird auch charakterisiert durch die großzügige Tätigkeit im Dienste der modernen sozialen Ideen, durch den Ausbau der bereits übernommenen Wohlfahrtsinstitutiynen und namentlich durch die Begründung neuer bedeutsamer Wohlfahrts- Veranstaltungen. Daneben ist die stetige, umfangreiche und immer mehr wachsende Arbeit, die der Gemeindebund als die Gesamtrepräsentation der deutschen jüdischen Gemeinden auf sich genommen hat, ist auch die propagandistische Arbeit von glänzenden Resultaten begleitet worden. Was immer man von der überaus großen Bedeutung aller anderen, von der Unterstützung und Sympathie der gesamten deutschen Judenheit getragenen, Institutionen rühmen mag, nicht gut bestritten kann es werden, daß die bedeutungsvollste, die den größten Segen und die weitreichendsten sozialen Segnungen der deutschen Judenheit bringt, also die wertvollste aller unserer Organisationen, der „Deutsch-Israelitische Gemeindebund" ist. Er umschließt heute 1000 jüdische Gemeinden, alle großen, bis auf eine, auch alle mittleren Gemeinden,, die meisten kleinen. Ihm unterstehen an Anstalten, Stiftungen usw.: die „Deutsch- Israelitische Darlehenskasse für Frauen und Jungfrauen", die „Philippson-Stistung zur Unterstützung bedürftiger Kultusbeamten", die „Herxheimer-Stiftung für jüdische Seminaristen", drei Institutionen, deren Begründung noch in die Zeit des Bundessitzes in Leipzig fallen. Aus der Periode der Dr. Kristeller- Leitung des Gemeindebundes: Die Bibliothek für jüdische Literatur, die Friedrich-Wilhelm-Victoria-Stiftung (Zentralversicherungskasse für jüdische Gemeindebeamte, die Samuel Kristeller- Stistung und die besondere Abteilung zur Förderung des Handwerks, die Kantoren-Fortbildungskurse, und schließlich die bedeutsamste, die Gemeinde-Unterstützungskommission zur Erhaltung und Errichtung des Religionsunterrichts in bedürftigen Gemeinden. Dazu treten die der jüngsten Epoche angehörenden, großartigen und wichtigen sozialen Institutionen, die unter dem Präsidium Philippsons unter mühevoller und fördernder Mitarbeit einer Reihe selbstloser Männer des Ausschusses und mit Unterstützung der jüdischen Gemeinden und Einzelwohltäter in dem letzten Jahrzehnt durch den Deutsch- Israelitischen Gemeindebund ins Leben getreten sind: Wir nennen hier nur: die Jüdische Arbeiter-Kolonie in Weißensee, die Israelitischen Fürsorge-Erziehungsanstalten für Knaben respektiv Mädchen in Repzin und Plötzensee, das Gesamtarchiv der deutschen Juden, das Fürsorge-Komitee für jüdische Strafgefangene und die auf Grund fleißiger Vorarbeiten des derzeitigen Generalsekretärs Dr. Neumann angeregte und im Vorjahre eröffnete „Israelitische Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder" in Beelitz. Auf dem letzten Gemeindetag, der vor wenigen Wochen hier in Berlin tagte, sprach ein wohlwollender „Tadler" das Wort von der allzugroßen Bescheidenheit des Gemeindebundes aus, die schuld daran trage, daß die ganze Fülle der wichtigen, ersprießlichen und segensreichen Arbeit des Gemeindebundes

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