Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. «jsns.'www’'«; Berlin, 25. Juni 1909. 73. Jahrgang. Nr. 26. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Redakteur; Gustav rttarxeles. Begründet von Rabbiner D»- Ludwig Philixxson» Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemer Sfr. 46/49. Alle Zusendungen sLr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße H6/49, zu richten. Verlag von Rudolf rnosse, Berlin. Lin IudUaum. Berlin, 24. Juni, m 29. b. M. sind es 40 Jahre, seit eine kleine Schar hervorragender und weitblickender jüdischer Männer in Erkenntnis der Bedeutung eines organisierten Zusammenschlusses der jüdischen Gemeinden in Leipzig den Deutsch- Israelitischen Gemeindebund begründeten: Moritz Kohner- Leipzig, Dr. Honigmann-Breslau und Advokat Emil Lehmann- Dresden. Am 22. April 1869 war der Aufruf an die jüdischen Gemeinden Deutschlands betreffend „Bildung eines Gcmeindetages" ergangen, dem am 29. Juni etwa 40 Gemeinden folgten. Es war eigentlich noch nicht eine festgefügte Organisation, die damals als erster Deutsch- Israelitischer Gemeindetag in Leipzig zusammentrat, sondern gewissermaßen erst ein Vorparlament. Ein definitives detailliertes Grundgesetz sollte nämlich erst geschaffen werden, sobald 100 Gemeinden ihren Beitritt erklärt hätten. Das ging nun freilich nicht so schnell. Am 1. Juni 1870, kurz vor Ausbruch des deutsch-französischen Krieges hatte man erst glücklich 42 Gemeinden zusammengebracht. Dieselben Kräfte, die sich auch heute der staatlichen Gesamtorganisation entgegen- ' stemmen, waren bereits damals am Werke, um selbst den freiwilligen Zusammenschluß zu verhindern. Und es ist gewiß kein Zufall, daß man auch damals als Hauptargument die Befürchtung ins Feld führte, daß eine bestimmte religiöse Richtung im Bunde zum Ausdruck gelangen würde und diese ihren Einfluß auf die strenggläubigen Gemeinden ausüben würde. Dieses Mißtrauen, obwohl auch schon damals der Ausschluß von Erörterungen über rituelle nnd kulturelle Fragen im Gemeindebund statutarisch festgelegt War, und dann wohl nicht minder die Wirren des Krieges hemmten ein Vorwärtskommen der Idee. Erst am 4. April 1872 waren dem Bunde 113 Gemeinden beigetreten, und man konnte an die definitive Festsetzung des Grundgesetzes herantreten. Der § 1, der auf dem „Ersten ordentlichen Gemeindetage" in der Synagoge zu Leipzig angenommenen Satzungen lautete: „Zweck des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes ist — unter Ausschluß aller religiösen Parteisragen — die Vereinigung und Organisation der deutsch-israelitischen Gemeinden (einschließlich der deutsch-österreichischen) zur Wahrung ihrer gemeinsamen Interessen, diePflege undFörderung ihres Verwaltungs-, Bildungs- und Unterstützungswesens nach innen und die Vertretung derselben nach außen, dem Staate wie den außerdeutschen Glaubensgenossen gegenüber." Diesem umfassenden Programme gemäß hat auch der erste Ausschuß, der sich aus Moritz Kohner, Dr. Honigmann-Breslau, Advokat G. Josephthal, Emil Lehmann-Dresden, Jacob Nachod- Leipzig und Advokat Ortenau-Fürth zusammensetzte, mit Feuereifer seine Arbeit begonnen. Es entbehrt vielleicht nicht eines gewissen historischen Interesses, hier einzufügen, daß damals der Gemeindebund erstmals einen Schriftführer anstellte, nachdem er bis dahin die schriftlichen Arbeiten selbst, ohne einen solchen, erledigte und daß dieser erste Schriftführer des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes Dr. Oskar Blumenthal gewesen ist. Er hat also seine Karriere im späteren Leben wesentlich verbessert. Das Arbeitsgebiet, das sich der Deutsch-Israelitische Gemeindebund schon unter der Leitung Kohners gesetzt hatte, umfaßte nahezu den ganzen Kreis von Ausgaben, die bis zur Neige des Jahrhunderts, ja teilweise bis zur Gegenwart den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund beschäftigen. -Die Fragen der Armenpflege, des Wanderbettels, der Lehrergehälter, der Beamtenpensionen, des jüdischen Religionsunterrichts, der beruflichen Uebersührung der Juden zu Handwerk und Ackerbau, Beschaffung des Religionsunterrichtes in den leistungsschwachen Gemeinden, Unterstützung und Förderung der jüdischen Wissenschaft, also alles Punkte, die noch heute auf dem Programm der Aufgaben des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes stehen. Daneben aber, und das ist besonders bemerkenswert, hat der Deutsch-Israelitische Gemeindebund sowohl unter seinem ersten Präsidenten, dann aber auch nach dem Tode Kohners, der bekanntlich am 21. März 1877 starb, unter den: Präsidium Nachods, sowie auch während der langjährigen Leitung des Gemeindebundes durch Dr. Samuel Krifteller seine Kräfte auch allen jenen Aufgaben gewidmet, für die heute eigene, besondere große bedeutsame jüdische Organisationen vorhanden sind. Das ganze große Tätigkeitsfeld des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, die Aufgaben, die sich der „Verband der deutschen Juden" stellt, ja sogar ein Teil derjenigen Ziele, die den „Hilfsverein der deutschen Juden" ins Leben riefen, wurden schon damals in den Aufgabenkreis des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes eingefügt. So bildete die Abwehr der anfangs der achtziger Jahre besonders heftig einsetzenden antisemitischen Angriffe den Gegenstand zahlloser Beratungen und Maßnahmen des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes". Broschüren, Abwehrschriften wurden vom israelitischen Gemeindebund verbreitet, Anträge bei den Staatsanwaltschaften und den Regierungsbehörden zum Zwecke strafrechtlicher Verfolgung besonders schamloser antisemitischer Schriften gestellt und Eingaben verschiedener Art an Regierungs- und gesetzgebende Körperschaften gerichtet. Der große Unterschied der ersten Epochen des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes unter Kohner, Nachod und selbst noch unter Kristeller gegenüber dem letzten Jahrzehnt