Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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würde den engen - Rahmen dieses ' Berichtes überschreiten 'müssen. Eines soll nur noch' hervorgehoben werden, 'wie er als edler Mensch edle Menschen anzog. Ein schöner Kreis Gleichgesinnter - und Gleichstrebender hatte sich um ihn geschärt, mit denen er in ästhetischem Genießen die reinsten und edelsten Freuden verlebte, die -man sich denken kann. Es erhielt dort alles Geschaute und Erlebte in gemeinsamer Beurteilung gera dezu eine höhere Weihe.- Verehrüngsvöll blickte man zu dem Manne empor» der mit inniger Liebe am Schönen, Hohen und Erhabenen hing und mit-sinnigem Gemüte es pflegte, mit Mißfallen und Abscheu aber sich von allem Häßlichen und Gemeinen abwandte. Eine ungewöhnliche Anregung ging von ihm aus. Seine glänzende Redegabe, seine heitere Muse, die einem kindlichreinen Gemüte entquoll, machten ihn weit und breit bekannt und' beliebt. Seine hohe Intelligenz, sein lauterer Charakter, seine vornehme Natur und sein feines Wesen ließen ihn wie kaum einen änderen geeignet erscheinen, einem viel größeren Kreise noch zu dienen, sein bescheidener Sinn ließ ihn manch ehrenvollen diesbezüglichen Ruf ablehnen. Hilfsbereit stand er aber jedem gern zur Seite, der'sich mit irgendeinem Anliegen an ihn wandte, in selbstlosester Weise vertrat er denn fremde Interessen wie seine eigenen. Er war ein Idealist. Oft noch und von vielen wird er entbehrt werden. An der Seite seiner ihm vor vier Jahren in den Tod vorausgegangenen Lebensgefährtin, mit der er in glücklichster Ehe gelebt, ruht er aus von einem ärbeitsreichen Leben. Im Andenken seiner Verwandten und Freunde, im Andenken der Gemeinde und zahlreichen Institutionen lebt er fort. „Wer ihn kannte, der liebte ihn, und wer ihn nicht liebte, der kannte ihn nicht." o. Frankfurt a. M., 2. Juni. Die Kuranstalt für.arme Israeliten in Bad Soden a. T. hat im abgelaufenen Vereinsjahre nur 188 Patienten gegen 215 im Vorjahre ausgenommen.. Diese Mindersrequenz war eine Folge des notwendig gewordenen Beschlusses, Patienten nur noch gegen Zahlung eines Zuschusses zu den Kurkosten aufzunehmen. Daß dieser Beschluß gerechtfertigt war, beweist die Tatsache, daß trotz der eingegangenen Verpflegungsgelder noch ein Defizit von 2100 Mark verblieb. Auch während des Winters sind 22 Personen mit gutem Erfolg verpflegt worden. Von den Patienten (90 männliche,. 98 weibliche) waren 117 aus Preußen. 51 aus dem übrigen Deutschland, 20 aus dem Ausland. Seit längerer Zeit hat sich die Notwendigkeit herausgestellt, die Anstaltsräume durch einen Anbau zu vergrößern sowie die behördlicherseits gewünschte Liegehalle zu errichten. In nächster Zeit wird mit dem Bau, wozu die Gönnerin des Instituts Frau Baronin W. C. v. Rothschild die Mittel zur Verfügung gestellt hat, begonnen werden. Die Einnahmen betrugen 68350 Mark (davon Verpflegungsgelder 42151 Mark), die'Ausgaben 70 450 Mark. Den Vorstand bilden die Herren Sanitätsrat Dr. E. Rosenbaum, Vorsitzender; Michael Mos. Mainz, Stellvertreter; Theodor Fürth, Kassierer;' Daniel August Worms, Oekonom; Bernhard Freukel, Schriftführer; Manfred S. Goldschmidt und Henri Ettinger, Beisitzer. Oesterreich-Ungarn. □I Wien, 14. Juni. Sollte man es wohl glauben, daß sich in Oesterreich ein Gericht gefunden hat, das die galizischen Zwangstaufen für berechtigt erklärte? Also hatte jener Minister doch Recht mit seinem vielzitierten Ausspruch, daß vor den Pforten der Klöster die Macht der Staatsgewalt aufhöre! Das Landesgericht zu Krakau warmes, das über den Fall der siebzehnjährigen Eleonore Gänger verhandelte, der sich im November 1907 in Czchow im Bezirke Brzesko ereignete, und dort zu.heftigen Konflikten führte. Eleonore Gänger ist zweimal aus dem Elternhause ins Kloster der Felicianerinnen nach Krakau entführt worden; das erstemal kehrte sie, als ihre Mutter mit einem Polizeikommissar im Kloster erschien, ohne weiteres - wieder nach Hause zurück. Nach der zweiten Entführung erklärte sie ihrer Mutter, sie wolle unbedingt im Kloster bleiben und Katholikin' werden, so daß die Mutter unverrichteter Dinge das Kloster verlassen mußte. Einen Monat später kehrte das Mädchen nach Hause zurück, ohne in der Zwischenzeit ihren Glauben gewechselt zu haben. .Acht Personen, darunter der Pfarrer von Czchow, Pater Josef Stopa und der Arzt Dr. Franz Janczy, wurden vor dem Ländesgerichte Krakau wegen Entführung und Beihilfe zu diesem Verbrechen angeklagt. Sie verantworteten sich - dahin, sie hätten keineswegs die Absicht gehabt, das Mädchen der elterlichen Gewalt zu entziehen; man habe Frau Gänger auf deren Krage auch sofort mitgeteilt, daß sich ihre Tochter im Kloster der Felicianerinnen befinde. Die Angeklagten erklärten, gewußt zu haben, daß Leonore Gänger ^um Katholizismus übertreten wolle, und da nach österreichischem Recht jede Person die Freiheit des Religionswechsels habe, hätten sie sich als Christen nicht nur für berechtigt, sondern für verpflichtet gehalten, dem Mädchen die Freiheit der Religionswahl zu sichern. Das Landesgericht Krakau sprach alle Angeklagten, die von Dr. Girtler verteidigt wurden, frei, mit der Begründung, daß sie nicht in der Absicht gehandelt hätten, die Minderjährige der elterlichen Gewalt zu entziehen, daß somit der subjektive Tatbestand des Verbrechens der Entführung mangle. Außerdem komme den Angeklagten ein strafausschließender Irrtum, nämlich der Irrtum über die Bedeutung der im Gesetze über die interkonfessionellen Verhältnisse konstituierten'Freiheit der Religionswahl zugute. Gegen den Freispruch erhob die Staatsanwaltschaft die Nichtigkeitsbeschwerde, die vor dem Kassationshofe von Generaladvokaten Hübel vertreten, von Dr. Girtler bekämpft wurde. Der Kassationshof verwarf die Nichtigkeitsbeschwerde und bestätigte das sreisprechende Urteil der ersten Instanz! — Die hiesige Akademie der Wissenschaften hat den berühmten Historiker" Dr. Heinrich Friedjung zum korrespondierenden Mitglieds gewählt. Dr. Heinrich Friedjung hat sich durch historische Werke besonders über Oesterreich und Deutschland einen bedeutenden Ruf erworben, aber zum Professor der Geschichte an einer österreichischen Universität hat er es als Jude bisher noch nicht bringen können. Von Nah und fern. — Geheimer Justizrat Oskar Cassel ist in die unter dem Vorsitz des Ministers des Innern tagende besondere Jmmediatkommission zur Vorbereitung der Verwaltungsreform berufen worden. — Den Sanitätsratstitel erhielt der praktische Arzt Dr.. Emil Wehrend' hier^ — Dr. Max Levy-Dorn, Vertreter des Röntgen-Instituts im Virchow-Krankenhaus. hat den Titel Professor erhalten. — Am 11. d. M. ist hier im 38. Lebensjahre der stellvertretende Direktor der Dresdener Bank, Herr Julius Stern, gestorben. — In Kattowitz wurden in der Nacht zum Sonntag aus einem Garderobenzimmer der Synagoge zwei silberne Kelche mit hebräischer Inschrift und deutscher Widmung und ein Gebettalar gestohlen. In die Kelche waren die Namen Elias Sachs und Gustav Löwy eingraviert. — In Altona sind während der Jahre 1903 bis 1908 aus dem Judentum 16 Personen zur evangelisch-lutherischen Kirche übergetreten. — Fabrikbesitzer Kommerzienrat Ludo Mayer in Offenbach a. M. erhielt den Charakter als Geheimer Kommerzienrat. — Sanitätsrat Dr. Kirchheim in Frankfurt a. Dt. wurde zum unbesoldeten Stadtrat gewählt. — In Nordhausen wurde Dr. Alfred Levi vom Breslauer Seminar zum Nachfolger des verstorbenen Rabbiners Dr. Schönberger gewählt. — In Dresd en ist am 14. d. M. im dortigen Krankenhause der bekannte sozialistische Reichstags- und sächsische Landtagsabgeordnete Hermann Goldstein im Alter von 57 Jahren gestorben. Goldstern war bereits seit längerer Zeit schwer leidend und'dadurch an der Ausübung seiner Mandate verhindert. Er war von> Beruf Redakteur .am „Sächsischen Volksblatt" in Zwickau und gehörtevon1891 bis 1893 undvo,n,1905 ab dem ,sächsischen Landtage an, und zwar seit 1905 als einziger Sozialdemokrat. Im Reichstage vertrat er den sächsischen Wahlkreis Stolberg-Schneeberg seit 1903. — Das bayerische Kultusministerium hat in Sachen der Besetzung des Bezirksrabbinats Dürkheim angeordnet, daß die Bezirksrabbinatsstelle nochmals zur Ausschreibung zu bringen sei. — An Stelle des in den Ruhestand getretenen Ministerialdirektors Becherer ist der Vortragende Rat im badischen Ministerium des Kultusunterrichts Geheimer Oberregierungsrat Dr. Franz Böhm zum Ministerialkommissar beim Oberrat der Israeliten ernannt worden. — In Mergentheim ist der Rabbiner Dr. H. Sänger im 66. Lebensjahre nach schweren Leiden gestorben. Er gehörte der orthodoxen Richtung an. An der Bahre sprachen Kirchenrat Dr. Kroner, Dr. Schweitzer-Weikersheim, Rabbiner Kahn-Heilbronn, Dr. Neuwirttz- Bingen und der Sohn des Verblichenen. Ehre seinem Andenken! —