Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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-Seelengennß zu hören, wie sich Rabbiner und Lehrer in ihren Gesinnungen näherten. Mit Recht ließ sich wahrnehmen, wie das Judentum gehoben werden , kann, wenn Rabbiner und Lehrer, die Wächter der Gemeinde, einmütig nebeneinander wirken. Von einem - Redn.er kam die Aeußerung: Bei uns Juden gibt es nicht Orthodoxe. und Liberale, sondern Verehrer des einig-einzigen Gottes und Verbreiter des göttlichen Wortes. Nach Erledigung-noch einiger anderer Gegenstände begaben sich die Teilnehmer, geführt von Herrn Manasse Werner, in die große Synagoge, wo zur selben Zeit das Abendgebet verrichtet wurde. Als Versammlungsort wurde für das nächste Jahr wiederum Posen bestimmt. Abends hatten sich fast alle Kollegen zu einem Festessen bei Neuweck eingefunden, woselbst durch ernste und heitere Ansprachen die Zeit angenehm verlief. Beim Scheiden drückte sich die Zufriedenheit aller aus, wie sehr sie an Belehrung und Erfahrung für die Schule gewonnen hatten. — Der Kaufmann Peyser Hierselbst hat zum Andenken an die langjährige Tätigkeit seines Vaters als Mitglied des Magistratskollegiums in Samterder dortigen Stadt einen Springbrunnen geschenkt, der nunmehr auf dem Oppenplatze aufgestellt und seit gestern dauernd in Betrieb ist. Er bildet, darüber ist das Urteil ungeteilt, eine Zierde des Platzes, der jetzt eine von der Bürgerschaft gern aufgesuchte Erholungsstätte sein wird. Der Magistrat hat denn auch Herrn Peyser in einem Dankschreiben die Freude und den Dank der Bürgerschaft zum Ausdruck gebracht. Br. Schtverseriz, 13.. Juni. Infolge Herzschlages starb während des Abendessens am 8. d. M. Frau Johanna Grünfeld, Gattin des emeritierten Lehrers Moritz Grünfeld hier. Mit der 70 Jahre alten Frau scheidet wieder eine typische Persönlichkeit unserer Gemeinde und unseres Ortes aus dem Leben, die hier ein Menschenalter hindurch nach den verschiedensten Richtungen hin eine segensreiche Tätigkeit entfaltet hat. Ihrem Galten war sie eine treue Gehilfin in der Leitung des Pensionats, das derselbe Jahrzehnte hindurch inne gehabt, und sie hat sich bei den ehemaligen Zöglingen der Grünfeldschen Schule durch die mütterliche Fürsorge, die sie ihnen zugewandt, ein dauerndes Andenken gesichert. Im wahrsten Sinne des Wortes hilfreich, edel und gut, hat sie vielfach menschliches Elend und menschliche Not gelindert, und ihre Vertrautheit mit den menschlichen Verhältnissen hat sie immer an den Platz geführt, wo man ihrer benötigt war. In diesem Sinne hat sie sich auch als langjährige Leiterin des hiesigen jüdischen Frauenvereins betätigt. Groß war ihr Grabgeleite, an welchem sich auch frühere Pensionäre und die Mitglieder des hiesigen freien Lehrervereins beteiligten. In ergreifendster Weise sprach am Grabe Rabbiner Dr. Lewin-Wreschen. Dem greisen Lehrerveteranen, der durch seine pädagogische und schriftstellerische Tätigkeit bekannt ist, bringt die Bewohnerschaft unseres Ortes die größte Teilnahme entgegen. n. Breslau, 13. Juni. Einen unersetzlichen Verlust hat die Wissenschaft durch das in der Nacht zum Freitag erfolgte Hinscheiden des ordentlichen Professors für semitische Sprachen an der hiesigen Universität Dr. Siegmund Fraenkel erlitten. Geboren in Frankfurt a. O. am 17. April 1855, wo er auch das Gymnasium besuchte, bezog er im Jahre 1873 die Universität Berlin, um dann seine Studien in Leipzig und Leiden zu vollenden. Hier promovieite er im Jahre 1877 und habilitierte sich 1880 als Privatdozent für semitische Sprachen an der hiesigen Universität. Im Jahre 1886 zum außerordentlichen Professor und vor einem Jahrzehnt etwa zum ordentlichen Professor ernannt, gehörte er dem Lehrkörper der hiesigen Universität über ein Vierteljahrhundert an. Mit dem Dahingeschiedenen, dessen tiefes Wissen, dessen reiches Können und rastloses Wirken ihm einen außergewöhnlichen Namen geschaffen, verliert die Universität einen Mann von seltenen Gaben des Geistes, einen Dozenten von hervorragender wissenschaftlicher Bedeutung. Fränkel war ein gründlicher Kenner des Arabischen und des Syrischen, wie seine in Fachkreisen geschätzten sprachwissenschaftlichen Arbeiten bezeugen, von denen namentlich eine Schrift über „Die aramäischen Fremd» Wörter im Arabischen" (Leiden 1886) zu erwähnen ist, der eine speziellere Studie „Oe voeabolis in antiquis arabum carminibus et in O)rano peregrinis“ (Leiden 1880) vorangegangen war. Sodann ist seiner Mitarbeit an der Leidener Ausgabe von „Al-Tabaris Annalen" und an Jgnazio Guidis „Tables alphabeliques“ des Kitab al Agani Erwähnung zu tun. Für Freudenthals Arbeit über die durch I Averroes erhaltenen Fragmente des Alexander v/Aphröbisias zur Aristotelischen Metaphysik (Abhandlung der Berliner Akademie 1885) lieferte er eine Revision des arabischen Textes. Ueber die syrische Uebersetzüng zu den Büchern der Chronik händelte er in einem Aufsatz der „Jahrbücher für protestantische Theologie" (1879).- An der Festschrift zum fünfzigjährigen Doktorjubiläum Karl Weinholds „Beiträge zur Volkskunde" (1896), beteiligte er sich durch eine Untersuchung aus dem Gebiete der vergleichenden Literaturgeschichte „Die tugendhafte und kluge Witwe". In dem Nachruf von Rektor und- Senat heißt es: „Die Universität beklagt tief düs Dahinscheiden ihres ausgezeichneten langjährigen Mitgliedes. Sein ganzes akademisches erfolgreiches Wirken galt von Anfang bis zu Ende unserer Hochschule. Für immer werden ihm seine ausgezeichneten Charaktereigenschaften,' seine hohen wissenschaftlichen Verdienste und seine hingebende Berufstreue das dankbare und ehrenvolle Andenken der Universität sichern." Aber auch das Judentum hat an diesem Sarge zu klagen, denn es verliert einen seiner treuesten Söhne. Fraenkel war der Sohn des seligen Rabbiners Dr. Daniel Fraenkel in Rybnik und blieb bis zu seinem Ende ein begeisterter, streng religiöser Jude. Sein Andenken wird unvergessen bleiben! i. Aschenhausen, 11. Juni. Als'im Jahre 1881 die hiesige israelitische Kultusgemeinde bei Aufstellung eines neuen Gemeindestatuts dem Landrabbiner das Vetorecht einräumen wollte) erhob das Eroßherzoglich Sächsische Staatsministerium in Weimar Einspruch dagegen als „unvereinbar mit der der Gemeinde zu wahrenden'Freiheit, dem Landrabbiner eine so weitgehende Macht einzuräumen", und da die Gemeinde der Ueberzeugung ist, daß sie doch nicht gegen ein Verbot des Landrabbiners in kulturellen oder rituellen Angelegenheiten handeln dürfe, und dem Rabbiner deshalb doch das Veto einräumen will, „so hat sich das Großherzogliche Staatsministerium, Departement des Großherzoglichen Hauses und des Kultus nicht bewogen finden können, die wichtigen Bedenken, welche es dagegen hat, fallen zu lassen." — Hamburg im Juni. Der Vorstand des Jüdischen Frauenbundes empfing von der englischen „Union of Jewish Women“ ein Schreiben, welches in deutscher Uebersetzung wie folgt lautet: Die Union ok^ewisb Woinen in London erhält häufig von Deutschland Anfragen wegen „au pair“ - Stellungen für junge Mädchen. Sie erachtet es von großer Wichtigkeit, bekanntzugeben, daß die „aupair“- Stellen in England sehr selten von guten jüdischen Familien angeboten werden. Man verlangt von den „au pair“ engagierten Mädchen, häufig mehr Arbeit als von denen, welche für bezahlte Stellungen engagiert worden sind. Ueberhaupt sind die „au pair" Stellungen in England lange nicht so gut wie in Deutschland. Die Union ok Jewish Wonien wäre dankbar, wenn Vorstehendes in Deutschland bekanntgemacht würde., t. Dortmund, 13. Juni. Von einem schweren Gange kommen wir zurück. Einen edlen Menschen haben wir auf dem letzten Wege begleitet. Herrn Siegfried Freund hat man hinausgelragen auf den Gottesacker. .In unübertrefflicher Weise hat unser Rabbiner Dr. Jacob das Leben, und Wirken, sein Streben und Schaffen geschildert. Er gab dem tiefen Schmerz und den schier unersetzlichen Verlust des im eben vollendeten 61. Lebensjahre Heimgegangenen beredten Ausdruck. Nicht nur Verwandte, Freunde und Bekannte, Vorgesetzte, Mitarbeiter und Untergebene, auch zahlreiche Vereine, an deren Leitung er beteiligt war, und nicht zuletzt unsere Gemeinde, die einen ihrer bewährten Führer verlor, trauern um den seltenen Mann. Wie reich muß dieses Geistes- und Gemütsleben gewesen sein, wenn er vieles so vielen war! Freund war kein Alltagsmensch. Ausgerüstet mit seltenen Gaben des Geistes, erfüllt von einem ungewöhnlichen, rastlosen Streben nach Weiterbildung hatte er sich ein respektables Wissen angeeignet, das über das Maß des Gewöhnlichen weit hinausging. Der Tag war für ihn verloren, an dem er für die Bereicherung seines Geistes und Gemütes nichts tun konnte. Seine reiche Erfahrung, sein großes Können kam in hervorragendem Maße unserer Gemeinde und weiterhin unserer'Gemeinschaft zugute. Wie er im Gemeindevorstande, im Verein für jüdische Geschichte und Literatur, den er einst gegründet und bisher geleitet hat, wie er in der Loge des U. O. B. B. und in zahlreichen anderen Institutionen kraftvoll gewirkt und geschafft hat, das eingehend zu schildern.