Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- Seite 300 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Am Abend desselben Tages saßen Frau Direktor Liebreich und - ihre Tochter auf der Landungsbrücke und schauten.-aus das in nächtliches Dunkel gehüllte Meer hinaus und nach dem glitzernden Sternenhimmel empor, als plötzlich aus der Dunkelheit eine,hohe Männergestalt vor ihnen aüftauchte. „O, mein Fräulein, gestatten Sie, daß ich Ihnen danke." Sie ahnen nicht, was Sie für mich getan haben. Es war nicht bloß die momentane Verlegenheit, aus der Sie mich befreit haben. Sie haben mir einen Dienst fürs Leben erwiesen! Dieser rücksichtslose und taktlose amerikanische Uebermut fand eine Grenze an deutscher Klugheit, Würde und Güte." „Herr Doktor, Sie überschätzen den kleinen selbstverständlichen Eingriff . . „Bitte, sprechen Sie nicht so, Fräulein Liebreich, denn .dann zürnen Sie mir noch, und Sie sollen. Sie dürfen mir nicht zürnen! „O, bitte,, gnädige Frau, seien Sie meine Fürsprecherin . .. Es war ja abscheulich und dumm und unerhört und . . .. und . . . o, alles, was Sie wollen, ich gebe alles zu, aber vergeben Sie! Sie wissen gar nicht, wie dieses Freie, Hochmütige, Selbstbewußte, dieses Kokette, Uebermütige, Launenhafte reizt und blendet, aber nur für kurze Zeit — man kommt zur Besinnung, und das danke ich Ihnen, und Sie werden Ihr Nettungswerk vollenden . . . sonst — sonst stürze ich mich von hier in den Ozean." In ahnungsvoller Freudigkeit empfand sie seine Worte... Das war er in seiner Frische und seinem Freimut, die sie zuerst zu ihm hingezogen hatten . . . was vergibt ein zärtliches Mädchenherz nicht alles? „Und der breite Pinselstrich aus dem Bilde, ist er noch da?^ „Ja!" . Er sprang nicht in den Ozean, sondern saßwenige Minuten später neben ihr — dicht, ganz dicht, und sie sahen beide zum sternenbesäten Himmel hinauf mit seinen im Spätsommer besonders starken Sternschnuppenfällen, und als ein leuchtender Punkt plötzlich niederfiel, da ging durch beider Gedanken das Wörtlein „Glück". Er aber sagte: „Wir haben beide dasselbe gedacht!" Als einige Tage später Dr. Krön bei Frau Direktor Liebreich um die Hand ihrer Tochter warb, da sagte diese: „Aber mein lieber Herr Doktor, Sophie hat kein Vermögen..." „O, beste, verehrte Frau Direktor, Sie ahnen gar nicht, was ein preußischer Oberlehrer alles vermag, auch wenn er als Jude wenige Chancen als Beamter hat. Er kann schreiben, er kann Vorträge halten, er kann sich einschränken . . . er kann alles tun, um eine Frau glücklich und zufrieden zu machen, die ihm, wie Sophie, die herrlichsten und reichsten Gaben mitbringt: eine vornehme, reine Seele, ein gutes Herz, die höchste Bildung, die köstlichsten Talente ..." „Und zwanzig Mark als Mitgift!" sagte die Mütter gerührt lächelnd und reichte ihrem künftigen Schwiegersohn die Hand. Litersrilchr Mittrilungm. — Eine populäre Ausgabe der gesammelten Schriften von Emil Lehmann darf gewiß auf allgemeine Teilnahme rechnen. Eine solche ist eben von seinen Kindern herausgegeben und im Verlage von C. Weiske (Georg Schmidt in Dresden) in einem Band erschienen.' Die erste bereits vor zehn Jahren erschienene Auflage ist fast vollständig vergriffen. Um mm die Erinnerung an das unermüdliche Wirken des ausgezeichneten Mannes für das Judentum und für die Liebe zum deutschen Vaterlanve nicht verblassen zu lassen und um seinen Ideen eine weite Verbreitung zu sichern, hat die Familie, in treuer Pietät eine gut ausgestattete Völksausgabe seiner wichtigsten Arbeiten veröffentlicht. Nur einige Aufsätze, die in der ersten Auflage enthalten - wären,. sind, weggeblieben, weil sie jetzt weniger Interesse für die Allgemeinheit haben. Dagegen sind verschiedene Gedichte, die der Veröffentlichung wert sind, hinzugekommen. Emil Lehmann , war ein glaubenstreuer Jude und begeisterter Vorkämpfer der Reform im Judentum, ein Deutscher durch und durch. Alle seine Schriften sind von inniger Liebe zum Judentum und von treuer Anhänglichkeit an das deutsche Volk erfüllt. Das gibt ihnen eine besondere Farbe und einen tiefen Wert. Man wird sie deshalb auch heute und, wie wir glauben, immer mit großem Interesse und warmer Teilnahme lesen. Es wäre ein Segen, wenn dieses Buch in viele Hände käme und vor allem in der jüngeren Generation den Geist der Liebe zum Judentum wecken möchte. Man muß der Familie Emil Lehmanns für diese Ausgabe aufs herzlichste danken. Solche Aufsätze wie der „Ueber die Aufgaben der Deutschen jüdischer Herkunft" und „Die- Juden einst und jetzt" über „Lessing in seiner Bedeutung für die Juden" usw. verdienen allgemein gekannt und wohl beherzigt zu werden. Mit Recht heißt es in der Vorrede zur ersten Ausgabe, die Alphonse Levy geschrieben, daß Emil Lehmann sich in diesem Werke selbst ein dauerndes Denkmal gesetzt, das ihn mehr ehrt als ein Bildwerk aus Erz oder Marmor. Und auf diesem Denkmal glänzen goldhell seine Worte: „Wir sterben nicht, wir leben, um Edles anzustreben. Wir fordern nur Gerechtigkeit — treu deutsch und jüdisch allezeit!" Sxrechsggl. Geehrter Herr Redakteur! n den vier letzten Nummern dieser Zeitung beschäftigten sich zwei Artikel mit dem Kaddisch-Gebete. Beide wollen eine Aenderung desselben — besonders deshalb, weil es inhaltlich mit dem Seelengedächtnis nichts zu schaffen habe. Dies ist freilich richtig, der Grund trifft zu. Aber er ist keineswegs hinreichend, um ein altes, seit Jahrhunderten verbreitetes und lieb gewordenes Gebet zu beseitigen oder gar durch ein deutsches Gebet zu ersetzen. Das „Käddisch" soll ja auch gar nicht ein Seelengedächtnis darstellen, welches vielmehr in dem „LI molo raebamim" und dem „öislcor" gegeben und vorhanden ist. Das „Käddisch" setzt aber wohl natürlich das Seelengedächtnis voraus, es setzt voraus, daß der Trauernde im Trauerjahre seines Dahingeschiedenen fortwährend mit Schmerz und Wehmut gedenkt, und daß er Trost und Frieden in seinem Schmerze sucht und begehrt. In „Käddisch" betet er daher vorzüglich um Trost und Frieden: dies ist des Gebetes eigentlicher und zweck-, mäßiger Inhalt. Und diesen Trost und Frieden sucht der Leidtragende zu finden, indem er Gott „heiligt" — was ja „Käddisch" bedeutet—, indem er sich zum Ewigen emporhebt, ihn preist — und anerkennt, daß er die Welt und ihre Ordnung „nach seinem Willen" (chirusseli) und nicht nach unserem Willen geschaffen hat, daß wir also stets nach seinem Willen leben und sterben müssen, daß er, der Trostspender, der Friedenspender in der Welt und in den Himmelshöhen, auch uns Trost, Frieden und Leben von neuem zu . bieten vermag. Das „Käddisch" wird somit gewissermaßen eine Fortsetzung des bei der Beerdigung gesprochenen Wortes: „Der Ewige hat gegeben; der Ewige hat genommen; es sei der Name des Ewigen gepriesen von nun an bis in Ewigkeit." - Lublinitz. Rabb. Dr. S. Friedmann. ■ *■ * . Sehr geehrter Herr Redakteur! bitte, folgende Druckfehler in meinem Artikel „Die Gehälter der JJ, Berliner Religionslehrer" zu korrigieren. Seite 282, Spalte links, ist nicht zu lesen Zweigsondern Zw erg gemeinde, ferner muß es statt altstädtische natürlich weltstädtische Berlin- und achte Zeile von unten-: Abwechslungslosigkeit statt Abwechslungshaufigkeit heißen, was ja den Sinn ins Gegenteil verkehren würde. B. Druck und Berlag von. Rudolf Mojje in BerUn. DeraiUworUict, für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.