Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- Seite 299 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Lwsn?jg Mark Mitgitt. Novellette von Hans Engel. - - . , Ur yVcm diesem Vormittag an war er der stete Begleiter der V>/ Damey. Er trug Sophies Staffelei zum Malen und der Mutter Plaid bei den Ausflügen. Er suchte und fand mit dem jungen Mädchen die malerischsten Punkte des schonen Strandes, und las ihr Nachmittags, während sie im Walde ruhten, den „Ekkehard" vor. Sie schwärmten zusammen von den wundervollen Spätsommertagen an der Ostseeküste, von der leuchtenden Pracht und Schönheit der Sonne, die all ihre kraftspendende Herrlichkeit auf die wenigen Tagesstunden konzentrierte, als wollte sie vor dem herbstdrohenden Scheiden und Meiden sich nochmals in ihrer gesammelten Pracht und intensiven Stärke zeigen. Kam sie auch spät am Morgen, und ging sie des Abends auch früh zur Rüste, so färbte sie doch tagsüber die weiten Buchenwälder bunt und gab dem üppigen Waldboden die reichsten, sattesten Farben. Das war ein Leuchten und Glühen und Prangen! Und in all der sie umgebenden Schönheit regte sichs auch in den jungen Herzen. Frau Direktor Liebreich sah es mit mütterlich-bangem Wünschen und Hoffen, und Sophie ahnte es in den Glücksgesühlen, die sie durchdrangen — — aber das letzte Wort blieb — — ungesprochen. Am Tage nach seiner Rückkehr von einem Ausflug nach Rügen, den Liebreichs nicht mitgemacht hatten, weil Sophie die Seekrankheit für ihre Mutter fürchtete, kam ein nichtssagendes Billett von ihm, in dem er sein Ausbleiben mit einer gesellschaftlichen Verpflichtung entschuldigte. Dann sahen sie ihn Hier und da in der Gesellschaft der amerikanischen Familie, die er ihnen vorzustellen wünschte, was Sophie aber entschieden ablehnte, weil das laute, kokette Wesen des einen der jungen Mädchen ihr wiederholt unangenehm ausgefallen war. — Er kam daun noch das eine oder das andere Mal, aber er war zerstreut und verlegen, und so mieden sie ihn endlich und befanden sich seit vierzehn Tagen heute an der ll'able d’höte zum erstenmal wieder in seiner Nähe. Mutter und Tochter hatten sich in gegenseitiger Rücksicht füreinander über Dr. Krons Verhalten nicht ausgesprochen. Beide empfanden es schmerzlich und kränkend; der ruhigen Haltung beider bei Tisch aber merkte man nichts von dem an, was ihre Gedanken beschäftigte. Sie betrachteten es jedoch wie eine Erlösung, daß die Tafel sich ihrem Ende näherte. Es war drückend heiß im Saale. . . „Herr Doktor, wollen Sie unsere Kuverts bezahlen — pleaLe?" sagte Mrs. Lionheart zu Dr. Krön in der Gewohnheit, alle in ihrer Umgebung sich dienstbar zu machen. „Mit Vergnügen, gnädige Frau," antwortete dieser, zog sein Portemonnaie aus der Tasche und entnahm demselben ein Zwanzigmarkstück, das er vor sichäuf' den Tisch niederlegte, in der Nähe seiner Weinflasche, die zwischen dem Kuvert von Tricksy und dem der gegenüberliegenden Seite stand. „Es ist zu heiß hier, wir . wollen das Ende nicht abwarten und den Kaffee draußen trinken"... Damit erhoben -sie sich, mit ihr zugleich ihre Tochter, während Dr. Krön sich an seinen Nachbar, Mister Frank, der ebenfalls aufgestanden war, mit der Frage wendete, welchen Wein er getrunken habe? , . . „Brauneberger, Mister Krön, please" .. . bei diesem Worte folgte er seiner Mutter. In diesem Augenblicke drehte sich der Doktor zurück, um das Goldstück zu nehmen — es war verschwunden. Er sucht nach links und rechts, schiebt die Servietten, die Flaschen/ Gläser und Teller beiseite — es ist nicht da, endlich sieht er Tricksy an, die mit völlig gleichmütigem, fast gelangweiltem Gesichtsausdruck vor sich Hinblickt, dennoch glaubt er im schelmischen Blinzeln ihrer Augen die Neckerei zu lesen, daß sie das Geld versteckt hatte ... er sieht sie an. „Gnädiges Fräulein..... bitte ... Sie haben" ... „Ihr Geld?" fährt sie auf und springt empor, „ich habe es faktisch nicht, Herr Doktor" ... und damit verläßt auch sie den Speisesaal. Nochmals beginnt Dr. Krön nach allen Richtungen zu suchen. Er greift, in Rock- und Westentaschen, ob er es nicht dort lose hineingesteckt habe — nichts! Wieder werden alle Gerätschaften im Umkreise der von der Gesellschaft eingenommenen Plätze untersucht — nichts! Eine peinliche Verlegenheit malt sich auf seinem Gesicht. Der Oberkellner, der das Geld einzieht, während alle Gäste noch am Tische sitzen, kommt näher und immer näher — Dr. Krön zieht sein Portemonnaie nochmals hervor, vielleicht hat er das Goldstück wieder zurückgelegt, und wie er es weit öffnet, erkennt Sophie, die unwillkürlich hinüberblickt — daß es nicht darin ist und — was schlimmer ist, daß auch kein zweites sich in dem Portemonnaie befindet. Ihre Verlegenheit und Angst ist fast nicht geringer als die seine. — In jedem Moment kann der Kellner kommen, und dann diese Beschämung, diese Lächerlichkeit, nicht bezahlen zu können, diese Demütigung, von den hochmütigen, geldstolzen Amerikanern das Geld verlangen, hereinholen zu müssen, das er für sie auslegen sollte . . . Sie empfand in ihre stolze Seele hinein die Blamage, die ihm bevorstand. Das Leid und die Kränkung, die sie um seinetwillen erduldet hatte, waren vergessen. Zerstreut nahm sie das Geldbeutelchen in Empfang, das die Mutter ihr gab, damit sie bezahle, sie sah nur, wie er sich nochmals zur Erde bückte, um dort zu suchen, da-ein Gedanke! Rasch entnahm sie dem Portemonnaie ein Zwanzigmarkstück und schob es hastig unter die Serviette ihres Gegenübers und — als Dr. Krön seinen suchenden Blick von der Erde wieder erhob und wie resigniert von der Erfolglosigkeit seiner Bemühungen die Serviette zurückschob, um sich, ohne zu bezahlen, zu erheben, sah er das blitzende Gold vor sich. In diesem Augenblicke kam der Oberkellner heran. Dr. .Krön hatte die Situation sofort durchschaut, aber er berichtigte die Rechnung, ohne eine Miene zu verziehen oder gar ein Wort zu sagen. — — Während nun auch Sophie ihre Kuverts und ihren Wein bezahlte, kam lachend Triksy zurück und hielt ihm ein Zwanzigmarkstück hin. „Ich habe es doch genommen, Herr Doktor, hier ist es." „Sie scherzen, mein Fräulein, das ist nicht möglich . . . Ich habe das Geld soeben unter meiner Serviette gefunden." „Aber ich . . ." „Faktisch, mein Fräulein! Das Goldstück lag hier, bitte, behalten Sie das Ihrige . . ." Mit leichter Verbeugung hatte Sophie sich erhoben, ihre Mutter machte eine zeremoniösere Verbeugung und beide verließen die Tafel. Triksy starrte Dr. Krön groß an. In ihren Augen blitzten Tränen des Zorns, und wütend mit dem Fuße aufstampfend stürzte sie aus dem Saal. — Die Familie Lionheart trank heute ihren Kaffee allein, und Miß Triksy hatte Zeit, über den Unterschied zwischen deutschen Zwanzigmarkstücken und amerikanischen Dollars nachzudenken.