Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- Seite 296 (sequence 8)
- Language
- German
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die das historische Prinzip gegen den ungeschichtlichen Geist der Revolution zu verteidigen gesucht-haben soll. Zu ihr gehörten Achim v. Arnim, Clemens Brentano, Fouque, Adam Müller, Loeben und andere. Allerdings ist über die Teilnahme Kleists an dieser Tischgesellschaft, der er wie alle seine Freunde angehörte, nur sehr weuig bekannt. Daß Achim v. Arnim ein Judenhasser war, wußte man bereits aus der Darstellung Geigers von seinen Händeln mit Moritz Jtzig. Clemens Brentano wird ihm vielleicht sekundiert haben, obwohl er ursprünglich kein Gegner der Juden war. Dagegen ist von allen anderen, namentlich von Kleist bekannt, daß sie trotz ihrer Zugehörigkeit zur christlich-deutschen Tischgesellschaft zu gleicher Zeit auch in den damals sehr beliebten jüdischen Salons eifrig verkehrten, eifriger vielleicht als in der Tischgesellschaft. Was insbesondere Heinrich v. Kleist betrifft, so wußten 'wir ja bereits, daß er im Salon der Rahel oft und gern verkehrt hat und auch mit den änderen Damen der damaligen jüdischen Gesellschaft Berlins bekannt war. Aber Rahmer führt uns auch einen neuen Berliner Salon vor, der bisher in keiner Darstellung jener Zeit erwähnt war.' Und das ist ein nicht zu unterschätzendes Verdienst. Es ist dies das Haus der.Frau Philipp ine Cohen. Schon einige Jahre vorher hatte Kleist in einem Brief an seine Schwester geäußert: „In Gesellschaften komme ich selten. Die jüdischen würden mir die liebsten sein, wenn sie nicht pretiös mit ihrer Bildung täten. An dem Juden Cohen habe ich eine interessante Bekanntschaft gemacht, sowohl seinetwillen. als wegen seines prächtigen Kabinetts von physikalischen Instrumenten, das er mir zu benutzen erlaubt hat." Rahmer hat nun festgestellt, daß dieses Haus der Mittelpunkt eines großen geselligen und geistig angeregten Kreises gewesen ist. Zwar war . uns das Haus Cohens aus den Denkwürdigkeiten Varnhagens v. Ense, der dort Hauslehrer gewesen, als ein gebildetes und vornehmes schon bekannt. Baruhagen schildert es mit seiner eleganten Einrichtung und seinem umfangreichen Park und erzählt, daß er auf den Rat seiner Freunde dort eine Hauslehrerstelle annahm, hauptsächlich um nach schwerer Erkrankung unter den günstigen Lebensbedingungen rascher Erholung zu finden. Aber Rahmer erzählt uns mehr. Was über dieses Haus gewöhnlich be; richtet wird, ist unkontrollierbarer Klatsch. So wird auch Baruhagen ein intimes Verhältnis zur Hausfrau nachgesagt. Es scheint aber, daß Neumann und Varnhagen beide die 'Dame geliebt haben. In dem Roman „Die Versuche und Hindernisse Karls", den Varnhagen v. Ense, Wilhelm Neuwann Fouque und Chamiffo zwischen 1807 bis 1808 zusammen verfaßt' haben, wird Herr Cohen geschildert, wie es scheint, in nicht sehr vorteilhafter Weise. Wenigstens berichtet Neumann an Varn-' Hagen am 20. April 1809: „In einem hiesigen Judenhause war ich als Hofmeister vorgeschlagen. Man war ganz geneigt, mich zu nehmen und wollte mir 300 Thaler geben. Als man aber den Doppelroman las, fand man in der Beschreibung Cohens eine zu große Undankbarkeit, und es ward nichts daraus." Der Held des Romans tritt zunächst in das Geschäft eines Kaufmanns ein, und dieser Kaufmann ist, wie uns Geiger Unterrichtet, der Bankier Cohen, dessen Charakteristik mit der Varnhagens in seinen Denkwürdigkeiten genau übereinstimmt: „Die positiven Eigenschaften dieses Mannes bestanden in einer ungeheuren Sucht nach Genüssen aller Art und in einer unbegrenzten Eitelkeit, die negativen in einer totalen Schwäche und Unentschlossenheit." Ueber seine Herkunft wissen wir nur wenig. Auch Rahmer konnte hierüber wenig neues Material auftreiben. Daß Cohen aus Holland stammte, ist bekannt. Ein Ezechiel Benjamin Cohen aus Holland hatte am 6. Dezember 1786 das Generalprivileg und die Rechte christlicher Kaufleute erhalten. In dem ' Mitgliederverzeichnis der „Gesellschaft der Freunde" werden in jener Zeit mehrere Cohens genannt. Unzweifelhaft hat auch der unsere diesem Kreise angehört. Das Haus Cohen spielt in den Briefen der jungen Dichter und Literaten, die sich als „Nordstern" bezeichneten, die größte Rolle. Zu diesem Kreise gehörten Chamiffo, Varnhagen, Wilhelm Reumann, W. Bernhardy und viele andere bedeutende Männer. In den Briefen dieser tritt der Hausherr vollständig zurück, und man ersieht, daß sich das Interesse der jungen Schriftsteller ausschließlich auf die Hausfrau vereinigt, die mit ihrem vollen Namen. Philippine Cohen geborene Bernhard hieß undaus einer angesehenen Familie - in Breslau stammte. Sie war verschwägert mit der als Schriftstellerin bekannten Esther Gad, die, wenn sie nach Berlin kam, in ihrem Hause zu wohnen pflegte. Der Hausfrau allein gilt der Gruß der Freunde. Ihr literarisches Urteil wird angerufen, ihr tragisches Schicksal, über welches nur Vermutungen aufgestellt werden können, wird bedauert. Rahmer zitiert eine ganze Menge von Aeußerungen über die Cohen, die sie in einem sehr bedeutenden Lichte erscheinen lassen. Sie ist „eine herrliche Frau," „ein innig verehrtes göttliches Weib". Die Gedichte der Freunde werden ihrer Prüfung vorgelegt. Sie „lebt ruhig fort in allen lausend Bedrängnissen"; „das' herrliche Weib ist gut und stark ohne Gleichen." Aus den Briefen geht ferner hervor, daß sie sich damals zwischen 1806 bis 1808 in einer sehr traurigen Lage .befunden haben mag. „Jeder Tag bringt sie dem Untergang näher, und sie sieht ihm mit einer schrecklichen Ruhe entgegen. Es war. herzzerreißend, sie so zerrissen und doch so milde zu sehen." Ein andermal: „Die arme Madame Cohen, noch immer führt sie kein besseres Leben. Cohens Rückkunft verschiebt sich noch gewiß bis zum Februar. Sähe er ein, was ihm und anderen' gut ist, er käme wohl nimmer." „Man muß Achtung für eine Frau haben, die bei drei Kranken im Hause sich so ganz aufrecht erhält." „Von der Cohen ist wenig zu sagen. Ihre Lage ist wenig verändert und mehr zum Schlimmen, also höchst elend noch immer und gar keine Aussicht auf bessere Zeiten." Die kurzen Notizen, die Rahmer und Geiger mit Bienenfleiß zusammengestellt haben, geben leider kein klares Bild der Frau, die in der Berliner Gesellschaft jener Tage ohne Zweifel eine hervorragende Rolle gespielt hat. Wir erhalten nur Andeutungen über ihren Charakter, ihre Eigenart und über - traurige Vorgänge, die für uns im Dunkel bleiben. Unzweifelhaft war Cohen früher sehr reiche Er und seine Gattin gehörten sogar zu dem Kränzchen der berüchtigten Gräfin Lichtenau, der Geliebten Friedrich Wilhelms II. Fürst Wittgenstein erzählte Varnhagen noch viel später, daß er auf Veranlassung des Königs der Gräfin eine halbe Million holländischer Gulden „von der durch den Bankier Cohen gemachten Anleihe" angewiesen hatte. Zu der Zeit, von der wir hier sprechen, scheinen sich die Verhältnisse sehr verschlechtert zu haben. Das einst.so groß angelegte-Haus wurde von schweren Schicksalsschlägen getroffen; auch eheliche Differenzen scheinen Vorgelegen zu haben. Verfehlungen des geistig unbedeutenden Und närrischen Mannes. Jedenfalls steht es fest, daß die von ihren Freunden bewunderte und an glänzende Verhältnisse gewöhnte Frau später in materielle Not geriet. Wie Rahmer erzählt, ist eine Zahl Briefe im Nachlaß von Varnhagen vorhanden, welche beweisen,