Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- Seite 295 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Mrgeistigen^ und sihn! in euren Kulturberuf zu verwandeln." „Das Licht, dessen der Kulturmensch bedarf, ist das Licht der Wissenschaft. Aber weil das' Licht der Wissenschaft jahrtausendlang der Sehkraft des Weibes nicht zuhilfe kam, nur deshalb hat sie, die in so innigem Kontakt mit der Kindheit steht, , wie kein Mann, bis jetzt zur Erkenntnis des kindlichen Wesens so gut wie gar nichts beigetragen. Das Licht, das die Wissenschaft gibt, den Frauen und dadurch der Gesamtheit zu bringen, war Friedrich Fröbel beschieden, und wie er selbst ein Mann der Wissenschaft sein mußte, um . ein „Kolombus" zu werden für den inneren Sinn des Weibes, so werden die Frauen erst dann ihren Kulturberuf erfüllen, , wenn sie durch die Wissenschaft belehrt, sich ihres' inneren Seins bewußt werden." , Was die „Frauenschule" neuerdings anstrebt, die erwachsenen jungen Mädchen für ihren künftigen Erziehungsberuf würdig auszurüsten, gleichviel ob ihnen beschieden ist, diesen als Kindergärtnerin, Lehrerin oder Mutter auszuüben, das ist seit länger als drei Jahrzehnten der edlen Greisin bis zur Stunde Herzenssache! Wer zählt und nennt sie alle, die große Schar der jungen Mädchen, die durch ihren geistbeseelten, gemütvollen Unterricht in der Erziehungslehre im Kindergärtnerinnen-Seminar als im Lyzeum Anregung und Belehrung erfuhren, und die später alle gesammelten Kenntnisse Tausenden nutzbar gemacht haben? Die ihr tief innewohnende Mütterlichkeit zeigte sich in den Unterrichtsstunden im strahlendsten Lichte und bis zur Stunde denken alle ihre Schülerinnen der ausgezeichneten Lehrerin in dankbarer unbegrenzter Verehrung. Frau Dr. Goldschmidts leitender Gedanke war von Anbeginn ihrer segensvollen. Wirksamkeit, als Apostel der Fröbelschen Erziehungslehre im. Sinne ihres großen Meisters, der den Weg einer rechten Fortbildung für die weibliche Jugend vorgezeichnet, die auch zu der verschiedensten Fachbildung führt, tätig zu sein. Namentlich hatte sie im Auge, in dem von ihr gegründeten Lyzeum den Töchtern, der wohlhabenden gebildeten Familien eine Fortbildung angedeihen zu lassen, die sie befähigt, oder ihnen die Vorbereitung gibt, ihren mütterlichen. Beruf voll und ganz zu erfüllen. - In ihrem lichtvollen Buche zeigt uns die Verfasserin, ausgehend von den Uranfängen der Kultur, den Spieltrieb des Kindes als seinen Tätigkeits-und Schaffenstrieb. Auf Ball, Kugel und Walze folgt das wichtigste Spielmittel der Kinder, der Baukasten. Alsdann kommen die verschiedenen Beschäftigungsspiele an die Reihe, Stäbchen legen, Ringe legen, Erbsarbeiten, Papier zu falten. Näh- und Ausstechblättchen, das Zeichen, Malen und Tonen bedeutet den Uebergang zur Kunst. Wir lernen, daß diese Auszählung der verschiedenen Spiele eine „lückenlose Folge von Anschauungen", eine in gerader Linie fortschreitende Entwicklung zeigt. Dieses treffliche Erziehungsbuch würde uns als unvollständig erscheinen, hätte die Verfasserin der religiösen. Erziehung nicht ein Kapitel gewidmet, ohne daß dieses einen konfessionellen Charakter trägt; so sehr, sie auch den biblischen Geschichten das Wort redet. „Noch ehe das Kind den Namen Gottes aussprechen, noch ehe es das Wort „Gott" verstehen kann, soll das Händefalten,' der andächtig in die Höhe gerichtete Blick der Mutter beim Beten des Kindes Ahnung auf etwas . Hohes, Ehrfurchtgebietendes lenken." . .. . . , „Wenn die Kinder durch die täglichen Gebete, durch die Weihe der Festtage mit dem. Namen Gottes vertraut geworden sind, wenn ihr Interesse für Aufnahme vpn Geschehniffen erwacht ist, dannerzähle man ihnen die biblischen Geschichten, dann bringe man ihnen Gott als Vater, als liebenden sorgenden^Vater! nähe/ /damit sie 'in Gott den Väter ihres Vaters lieben- und ehrsürchten lernen." -Mit Staunen, Rührung und Bewunderung legen wir dieses Buch, aus dem ein Strom von Geistesklarheit und Herzens- ' wärme uns entgegenweht, aus der Hand, das jeder denkenden . und gewissenhaften Mutter ein hochwillkommener Leitfaden für die Erziehung ihrer Kinder sein wird. Aber nicht nur den Müttern kleiner Kinder sei es warm empfohlen, noch bei weitem wärmer denen'erwachsener Töchter, auf daß sie das Erziehungswerk an diesen krönen, indem sie selbst die heilige Mission erfüllen, ihre Töchter für den dereinstigen Mutterberuf würdig vorzubereiten und auszurüsten. Unsere Zeit trägt die Signatur „Das Jahrhundert des Kindes und der Frau", soviel wie in unseren Tagen ist kaum jemals über Mütterpflichten, Mutterrecht, den Einfluß der Mütterlichkeit auf die Familie und durch Ausübung sozialer Hilfsarbeit auf die Enterbten des Glückes geschrieben und gesprochen worden. Durch die moderne Frauenliteratur tönt in oft gar arg abstoßend wirkender Weise der „Schrei nach dem Kinde", aber die „Sehnsucht nach dem Kinde" wird jedes weibliche Wesen empfinden, solange die Welt bestehen wird. In den deutschen Töchtern jüdischen Glaubens der besitzenden Klassen, die vielfach „sehr modern" sind, sich als „Naturwissenschaftlerinnen" aufspielen, hat sich in neuester Zeit ein Geist des Verneinens, der Glaubenslosigkeit, des Mangels an Ehrfurcht vor der Tradition geltend gemacht, der zu den schwersten Bedenken Veranlassung gibt, ja eine Gefahr für den Fortbestand des Judentums bedeutet. Mögen sie an der Hand Friedrich Fröbels durch das vorliegende treffliche Buch zu der Einsicht geführt werden, daß Kinder auch eine religiöse Erziehung erhalten müssen, daß „Verstand und Glaube, Religion und Wissenschaft" sehr gut vereinbar sind! In der Hand der Frauen und Mütter liegt die Zukunft der Nationen, in der Hand der deutschen Mütter und Töchter jüdischen Glaubens liegt die Zukunft des Judentums! Möge Frau Dr. Goldschmidts Erziehungsbuch auf dem Festgabentische unserer Frauen und Töchter einen Ehrenplatz finden. Heinrich o. Meilt. i. ie kommt Kleist in die „Allgemeine Zeitung des Judentums"? Ich. höre schon die naiven und boshaften Fragen, die alle mit der Analogie des bekannten Sprichworts von Haman und der Md Nischtäne schließen. Nun wäre ja die Antwort leicht: Erstens ist Kleist durchaus kein Haman gewesen, und zweitens ist unser Blatt nicht für diejenigen bestimmt, die das Mäh Nischtäne zu fragen pflegen. Aber so leicht will ich mir die Antwort doch, nicht machen. Ich ziehe es vor, an der Hand eines eben erschienenen hochinteressanten und für die Forschung aus diesem.Gebiete sehr wichtigen Buches von Dr. Siegmund Rahmeri) zu erklären, wieso gerade Kleist außer dem großen und allgemeinen auch unser spezifisches Interesse in Anspruch nimmt. Vor acht Jahren ist ein Buch von Professor Neinhold Steig erschienen: Heinrich v. Kleists Berliner Kämpfe, in dem zum erstenmal von dem Bestehen einer „christlich-deutschen Tischgesellschaft" in Berlin im Jahre 1810 Kunde gegeben ward. Diese junkerlich-patriotisch-romantische Tischgesellschaft wurde als eine mächtige und geschlossene Partei angesehen, S. Rahrner: Heinrich v. Kleist als Mensch und Dichter. Berlin 1909. Georg Reimer.