Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- Seite 292 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ministerkabinett und die gesamte Administration Rußlands sei an sämtlichen Verbrechen des Verbandes der echt russischen Leute ^beteiligt oder wenigstens mit allen seinen Schritten, im Prinzip einverstanden gewesen. (Lauter Beifall der Opposition und de8 Zentrums.) Die Teilnahme der Regierung an demverbrecherischen Treiben des Verbandes sei so weit gegangen, daß Stolypin und das Polizeidepartement dem Verbände mehrfach sogar Geld zur Ausführung bestimmter Aufträge gegeben habe. - Beamte zu besonderen Aufträgen bei dem Stadthauptmann von Petersburg hätten den Mitgliedern des Verbandes die Waffen gegeben, um Herzenstein zu ermorden. Außerdem behauptete Gegeschkorh in Besitz eines Briefes des bekannten Abgeordneten Purischkewitsch zu sein, in dem die Administration bittet, den Mördern Hsrzensteins jeden Schutz zu gewähren. Der Verband, der sich, der besonderen Protektion der Regierung erfreute und unter ihrem Schutze die Judenhetzen in Odessa, Kischinew und in anderen Städten veranstaltete, habe Ströme von Blut fließen lassen. Erst, wenn die Autokratie in Rußland aufhöre und die Monarchie untergegangen sei, könne man auch darauf -rechnen, daß diese Pestbeule am russischen Staatskörper verschwinde. (Laute Protestzrufe von rechts.) Schließlich ergriff Markow von der extremen Rechten das Worb Er verteidigtes den Verband in zweistündiger Redeindem. er alle Verbrechen des Verbandes rundweg ableugnet. Auch die Ermordung Herzensteins und Jollos' seien nicht auf die Rechnung des Verbandes zu setzen. Markow mußte aber immerhin zugeben, daß sich unter den zahlreichen Mitgliedern des Verbandes auch einzelne räudige Schafe befänden. Aber sie fänden sich jedenfalls in geringerer Anzahl als bei den Gruppen der Linken. Darauf wurde zur Abstimmung geschritten und die Interpellation an den Justizminister und den Minister des Innern mit 131 gegen 87 Stimmen angenommen. Die Angelegenheit wird jedoch erst im Herbst zum Austrag kommen, da die Reichsdüma in wenigen Tagen in die Ferien geht und die Regierung allen Grund hat, die Affäre hinauszuschieben. Es läßt sich also schon jetzt mit Gewißheit sagen, daß bei der ganzen Interpellation nicht viel herauskommen wird. Die Regierung wird einfach dabei bleiben, daß sie den Ausgang der gerichtlichen Untersuchung abwarten müsse, die ja im Gange ist. Die Sitze der Minister im Parlament waren während der ganzen Verhandlungen leer geblieben. Muß man also nicht bei dem Ausspruch Lord Roseberys, den wir Eingangs zitiert, vor allem an Rußland denken? * Der Präsident der Vereinigten Staaten, Taft, hat vor kurzem in der Synagoge der Rodeph Schalom-Gemeinde zu Pittsburg Pa. am Sabbatmorgen eine sehr bemerkenswerte Rede gehalten, wie man sie in Europa noch nicht gehört hat. Er sagte nämlich folgendes: „Es ist ein großes Vorrecht, daß ich vor diesem intelligenten und patriotischen Auditorium durch die Vermittlung Ihres Führers auftreten darf, der ein vertrauter Freund meines Vorgängers war, und von dem ich wünsche, daß er seine Freundschaft jetzt auch auf mich übertrage. Ich mache im allgemeinen keinen Unterschied zwischen einer Synagoge und einer Kirche. In Cincinnati pflegte ich .in der Knabenzeit wie im Mannesalter auch das Gotteshaus von Dr. Wise zu besuchen, und es war wirklich oftmals ein Wechsel der Kanzeln zwischen den beiden Kirchen. Es ist mir lieb, hier zu sein und zu sehen, wenn dies in der kurzen Zeit möglich ist, daß.Mre Kirche ein Haus ist für das ganze Volk und wie weise die Einrichtungen der Verfassung sind, daß keine religiösen Erfordernisse oher Bestimmungen notwendig sind in unserem Vaterlande. In diesem jüdischen Gotteshause, als Präsident der Vereinigten Staaten, fühle ich mich als Mensch, fühle mich wie zu Hause und finde so viel Trost, wie ich ihn gefunden hätte in jeder andern Kirche in diesem ganzen Lande. D.aS Gebet, dem wir soeben gelauscht haben, ist so voll von Liebe und Humanität, es könnte uns beschämen bei' jedem Gefühl der Engherzigkeit und Bigotterie. Weder in der Geschichte unseres Landes, noch in irgend einer Krise, oder unter irgend welchen Bedingungen haben die jüdischen Bürger es daran fehlen lassen, den höchsten Standpunkt des Patriotismus einzunehmen. Ich bin kein Prediger und habe nicht die Gewohnheit, auf der Kanzel zu erscheinen. Ich habe es auch nie getan, bevor ich auf die Philippinen kam, wo ich zuerst in der presbyterianischen und dann in der episkopalischen Kirche war. Nach der Rückkehr ins Vaterland bin ich auf der Kanzel meiner eigenen Kirche, das heißt der unitarischen erschienen, und jetzt befinde ich mich in einem jüdischen Gotteshause. Das ist ein Kreis, der wie ich denke, mich berechtigt, zu sagen, daß ich hoffen darf, der Präsident des ganzen Volkes zu sein und auch Ihre Unterstützung zu finden, wie Sie diese meinem Vorgänger zuteil werden ließen, ohne jede Einschränkung und mit dem einzigen Bestreben, dieses Land zu einem wirklich guten und großen zu machen." £ Wir haben schon in der vorigen Nummer nach dem „Matin“ berichtet, daß der Sultan von Marokko, Muley Hafid, den Juden in Fez verboten habe, sich auf den Terrassen ihrer Häuser aufzuhalten, da er nicht wünsche, sie auch nur von ferne von dem auf der Terrasse des Maghzenpalais erbauten Pavillon aus zu sehen. Auf Zuwiderhandelnde würde geschossen werden. Da der Pavillon des Sultans von allen Punkten des Ghettos aus zu sehen sei, so ist damit den Juden der Aufenthalt auf ihren flachen Hausdächern überhaupt verboten. Der „Natin" fügt hinzu, das Ghetto sei für seine immer zahlreicher werdende Bevölkerung bereits zu klein, und da der Aufenthalt auf den Terrassen das einzige Mittel sei, frische Luft zu schöpfen, so begünstige das Verbot den Ausbruch einer Epidemie. Der englische Gesandte habein Begleitung des Konsuls seines Landes dem Größrabbiner von Fez einen Besuch abgestattet und ihn der britischen Sympathie versichert. Ob aber diese Sympathie ausreicht, den neuen unerhörten Gewaltstreich abzuwenden, ist sehr fraglich. Mit Recht bemerkt die „Oesterreichische Wochenschrift" hierzu: „Muley Hafid will nicht erinnert sein, daß es Juden in seinem Reiche gibt und daß sie dort die notwendigste Gesellschaftsklasse sind, die das morsche und sinkende islamitische Kaisereich noch vor dem gänzlichen Zusammenbruch bewahrt. Die Wichtigkeit der Juden für den marokkanischen Staat erkennend, haben die maghrebinischen Sultane durch ein Gesetz den Juden Marokkos die Auswanderung verboten. Wäre nicht dieses Gesetz, die ganze maghrebinische Judenschaft hätte längst den Staub Marokkos von ihren Sandalen abgeschüttelt und hätte in Algier das französische Jndigenat erworben. So aber müssen die Juden in Maghreb als Halbsklapen sich Plagen und schuften und sollen sich jetzt auch nicht mehr auf der Gasse blicken lassen. Das antisemitische?srpetuum mobile ist, dank dem Ukas Muley Hafids, entdeckt. Die jüdische Arbeit, als Zwangarbeit frondet für den antisemitischen Staat und sein Oberhaupt; dem Juden selbst aber wird das Sitzen auf der Terrasse seines Hauses untersagt, damit sein Anblick kein antisemitisches Auge beleidige. Die Antisemiten Europas werden Muley Hafid als einen großen Vorkämpfer ihrer Ideen feiern " »ÄM ßlus Mtpreuhen. er Verband der ShnagogengemeindenOstpreußens hielt am l.d.M. seine diesjährige Generalversammlung zu Allenstein ab. Die Versammlung war von 33 Vertretern der Verbandsgemeinden und zahlreichen Persönlichen. Mitgliedern besucht. Der Verbandsvorsitzende, Sanitätsrat Dr. Kamnitzer-Allenstein, erwähnte in seiner Begrüßungsrede, daß ihm vor einigen Tagen der Rote Adlerorden verliehen worden sei, ausdrücklich für die Tätigkeit des Synagogen- Verbandes in unserer Provinz. Er freue sich dieser behördlichen Anerkennung unseres Verbandes ganz besonders; sie werde gewiß