Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- Seite 291 (sequence 3)
- Language
- German
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' '; - Berlin-: 16: Juni. | TnmittclOar nach betf Vorgängen auf dem letzten' Gemeindetage folgt die Beratung über die Revision des bayerischen Indenedikts. Bekanntlich hat der „Landes-, verein für israelitische Kultusgemeinden in Bayern" im Herbst vorigen Jahres eine Kommission zur Beratung der .- Abänderungen des Judenediktsvon 1813 .eingesetzt und die von dieser Kommission bestellten Referenten ersucht, „grundlegende Vorschläge über die in Aussicht zu nehmenden Aenderungen zu machen." Einer der Referenten, Herr Rechtsanwalt Dr. Elias Strauß, München, hat soeben der Kommission als .„Grundsätze für eine neue gesetzliche Regelung der Verhältnisse der jüdischen Religionsgesellschast in Bayern" eine Reihe von. Anträgen unterbreitet, die gedruckt vorliegen. Eine Diskussion über dieselben hat wohl in der vorige Woche stattgehabten Kommissionssitzung die Frage gelöst, ob auf Grund dieser Anträge eine Vereinigung . zwischen beiden religiösen Richtungen möglich ist. Der Entwurf negiert das Prinzip der Zwangsgemeinde. Die Form der Organisation bezweckt nur die Zusammenfassung der leistungsfähigen Gemeinden zur Unterstützung der leistungsschwachen, welche ein gesetzliches Recht auf die Zuweisungen aus der „Zentralkasse" erhalten. Gegen eine solche „Zentralkasse" mußten allerdings von orthodoxer Seite Bedenken vorliegen. Aber man Hilst sich dort nach jesuitischem Vorbilde darüber hinweg, mit dem Motiv, daß in Bayern „Reformgemeinden kaum jemals aus der Zentralkasse Unterstützung empfangen werden und weil — zum Unterschiede von Preußen — die bayerischen Religionslehrer in den kleinen Plätzen wohl ausnahmslos treue und gestnnungstüchtige Schüler des Würzburger Seminars und nicht wie anderswo bibelkritische Missionare des Abfalles vom Judentum sind." Von besonderer Bedeutung sind in dem Entwurf auch nach orthodoxer Anschauung, drei Punkte: „die Charakterisierung der jüdischen Gemeinde und damit des gesetzlich anerkannten Judentums durch die vom Religionsgesetz geforderten Institutionen, die religionsgesetzliche Entscheidungsbefugnis des zuständigen Rabbiners und die Möglichkeit selbständiger Gemeindebildung auf orthodoxer Grundlage." Es ist nicht zu bezweifeln, daß die liberalen Mitglieder der Kommission selbst in diesen drei Punkten sich mit den orthodoxen werden einigen können. Aber es ist bemerkenswert, daß auch diese weitgehende Konnivenz gegen die orthodoxe Richtung den unterfränkischen Rabbinern noch nicht genügt. Was ist da zu machen? lieber Theodor Barth als Vorsitzenden des „Vereins zur - Abwehr des Antisemitismus" schreibt der Geheime Regierungsrat Professor Dr. Wilhelm Förster, der das Amt eines zweiten ■/ Vorsitzenden seit Jahren inne hat, folgendes: Deutschland und die ganze Kulturwelt haben am 3. Juni 1909 durch das Dahinscheiden des hochverdienten Vorsitzenden unseres Vereins einen Verlust erlitten, dessen Bedeutung schon mit beredten Worten von ernsten Männern der verschiedensten Parteien in der Tagespresse gewürdigt worden ist, und dessen tirfes Wehe in den Reden der näheren Freunde bei der Bestattungsfeier zu ergreifendem Ausdruck gekommen ist. Theodor Barth war im besonderen Sinne der unsere: denn fein ' wahrhaft heroisches Rechtsgefühl wurde gerade durch die schnödest 'Rechtsungleichheiten, welche gegenüber den Juden und den Freireligiösen unser Deutschland noch immer verunehren und den Vertretern des Fortganges der Barbarei im Osten willkommene Vorwände bieten, zu nachhaltigster Energie erhoben. Im Februar 1903 als Nachfolger Heinrich Nickerts' zum Vorsitzenden unseres Vereins gewählt, hat -Theodor Barthseitdem, insbesondere bei allen seinen Kundgebungen in den alljährlichen Generalversammlungen, diese Energie ist der beredtesten und wirksamsten- Weise betätigt.-Ich erinnere nur daranwie er in dev Generalversammlung vom 2. März 1907 seine in formeller Beziehung eigenmächtige Aktion rechtfertigte, daß er zwei Vorstandsmitglieder zum Ausscheiden veranlaßt hatte, weil sie sich an der Aufforderung beteiligt hatten, in einer Reichstagswahl für einen Antisemiten einzutreten, nur um die Wahl eines Sozialdemokraten zu verhindern. Es wurde bei dieser Gelegenheit von ihm klar und deutlich ausgesprochen: ' ' „Der Antisemit ist der schlimmste Feind; denn der, der den Grundsatz dev staatsbürgerlichen Rechtsgleichheit verneint, ist ein viel' gefährlicherer Schädiger unserer Staats- und Gesellschaftsordnung alK der wütendste Sozialdemokrat." Das ganze Verhalten von Theodor Barth in seinen letzten' Lebenszeiten ist von ähnlicher Gesinnung geleitet gewesen. Er-Hab es nickt nur klar erkannt, sondern auch mit voller Konsequenz-ausgesprochen und betätigt, daß die-Verfemung der Sozialdemokratie auf derselben Niedrigkeit der sozialpolitischen Auffassung beruht, welche in dem Antisemitismus ihren vielleicht widerlichsten Ausdruck findet, und daß man das Gebühren der sogenannten wütendsten- Sozialdemokratie nur dadurch richtig bekämpfen wird, daß man endlich auch von oben beginnt, ihnen gegenüber maßvolle und gerechtigkeitsliebende Töne anzuschlagen. ■; Daß Theodor Barth ganz in diesem, den tiefsten Grundsätzen des Abwehrvereins entsprechenden Sinne in seiner letzten Lebenszeitgewirkt hat, obwohl auch ihn die Leidenschaft des Wortes mitunter hinriß, ist doch eine Art von Apotheose seines ganzen Lebens gewesen, die gerade unser Verein in treuester Ehrerbietung anzuerkennen hat. ■ * Bei einem politischen Banket hat jüngst Lord Rofebery gesagt, er sehe für Europa keine, andere Alternative als das. Zurücksinken in Barbarei oder eine Katastrophe. An dieses Wort muß man denken, wenn man die Verhandlungen.der Duma über das Treiben des Verbandes der russischen Leute: in dieser Woche gelesen hat. Wie bekannt, sollte deshalb eine Interpellation eingebracht werden, und die Debatte über diese enthüllte die gemeinsame Aktion der Regierung mit jenem Verbände zur Anstiftung von Pogroms in unwiderleglicher Weise. Man schreibt über diese Debatte: Gleich nach dem Berichterstatter ergriff der Kadett Maklakow das Wort. Er hielt eine eindrucksvolle Rede, in der er bereits zum Beginn betonte, daß die Atmosphäre, in der die Angelegenheit beraten würde, äußerst ungünstig sei, weil die politischen Leidenschaften sich noch nicht gelegt hätten und daher ein objektives Verhalten zu der Frage kaum schon zu erwarten sei. Es sei'aber um jeden Preis volle Aufklärung erwünscht, da gegen den Verband die schwere An-, klage erhoben worden sei, den weißen Schrecken über Rußland verbreitet zu haben. Hierauf schilderte Maklakow die Ermordungen Herzensteins und Iollos' durch Verbandsmitglieder und behauptet, daß die Mitglieder des Verbundes Räuber und Mörder wären, denen die Regierung Straflosigkeit zugesichert habe. Ueberhäupt habe jedes Verbandsmitglied das Vorrecht besessen, jedes Verbrechen ungestraft zu begehen. Das sei so weit.gegangen, daß schließlich auch die oberste Staatsgewalt in diesen Parteistreit hineingezogen wurde. Der nächste Redner, der Kadett Miljukow ging näher aus die Ermordung Herzensteins ein und stellt sie als ein im Aufträge der Regierung durch den Verband ausgeführtes Werk hin. Sehr scharfe Anklagen brachte der Sozialdemokrat Gegetschkory vor, der den Verband als eine Verbrecherorganisation schlimmster Art bezeichnet, die sich der Protektion der, Regierung erfreut habe. Zudem sei der Verband die einzige Organisation gewesen, der die Regierung die Agitation im Lände gestattet habe und die sie nach jeder Richtung begünstigte. So sei" unter anderem von Petersburg der Befehl aUsgegängen, daß alle Rekruten der Armee dieser Verbrecherbande' beitraten;' das ganze