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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-06-18 · Heft 25 (18.6.1909) · p. Seite 290

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 25 (18.6.1909)
Date
1909-06-18
Page
Seite 290 (sequence 2)
Language
German
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erschwert durch seinen ungebesserten Mangel an Galanterie und feinster Lebensart, :itt Unerfreulichem Spiel zur Geltung. Er hat keinen Respekt, geschweige denn Bewunderung für das ihm vorgelegte Essay, das mit. grenzenloser Mühe aus der Enzyklopädie erwachsen und 'hervorgeholt ist, er hat keinen Ausdruck seiner Anerkennung für die. erstaunliche Gelehrsamkeit — die für die Gelegenheit geliehen ist. Er will feine Verachtung für das zu einem bestimmten Zwecke, nicht als Selbst-, zweck, Angelernte nicht verbergen, er ermangelt überhaupt —. darauf führen die es zurück — aller'Schätzung derer, die als Liebhaber jüdische Wissenschaft treiben. Wer, wenn nicht er, hat denn entzückt zu sein von allen diesen niedlichen, theatralisch- Lengälischen Flammen eines reinen (Strohwisch) Enthusiasmus! ... Und sollte man nach all dem — nicht wenigstens für einen Augenblick — annehmen dürfen, daß die Rabbinophobie, da sie doch als ansteckendes Leiden anzusehen ist, nur von öffentlichen Plätzen heimgebracht werden kann, und daß sie ebenso ihre unheilvolle Wirkung nur auf solche ausübt, die im öffentlichen Leben stehen? Man kann es annehmen, aber — wie gesagt — nur für den ersten Blick. Denn dem, der tiefer in' des Wesens (oder besser Unwesens) Erscheinung einzudringen bemüht ist, offenbart sich bald, daß seine Ansteckungsgefahr nicht auf Masfenanhäufungen angewiesen ist, und auch nicht daraus, daß jemand das Krankheitsgift durch Zuhören in einer Versammlung' oder durch Lesen akquiriert hat. Zum Beispiel einen Fall, bei dem die Krankheit nachweislich ohne Uebertragung ausbrach. Gs ist dies ein mir bekannter Herr, sonst eine Seele von Mensch, der aber den frommen Wunsch hegt, man möchte alle Rabbiner mit steinernen Halsbändern (Fasson Mühlstein) versehen, derart, daß sie mit menschenmöglicher Sicherheit ein Grab im Wasser finden — für die geeignete Beförderung würde Sorge getragen werden. Und noch ein Fall, den mir Tags darauf ein Kollege erzählte. Es ist dies die höfliche Bemerkung eines vielversprechenden Jünglings, der sich dahin äußerte, daß die Rabbiner Parasiten am Körper der Gemeinde wären. Fürwahr ein schönes, herzerquickend ethisches Wort. Man sieht, es gibt Menschen — auch solche im Privatleben, bei denen der durch das Wort „Rabbiner" Umfaßte Begriff Abscheu auslöst. Nun wollen wir uns aber ehrlich und ohne uns zu schonen, zugestehen, daß hier — wie überall — in den Niesengebieten der Unüberlegtheit, des Irrtums und der Unselbständigkeit Körnchen von Wahrheit gedeihen. Der Rabbiner wäre kein Jude, wenn er nicht unter unberechtigten Vorurteilen zu leiden hätte; aber wenn dies auch richtig ist, dann ist auch das wahr, daß weder Rabbiner noch Jude unfehlbar sind; sie beide — in seinem Maßstabe ein jeder ~ liefern Nahrung dem Vorurteil, hier wie da, durch mißzudeutendes Verhalten. Wenn der Rabbiner nur ein Politiker ist, der seine Partei führt und der öffentlich Reden schwingt über die Ethik der Mildtätigkeit, wohingegen er in praxi auf den Armen herumtrampelt; wenn der Rabbiner ein bloßer Sinnem und Genußmensch ist, der da von den Pfründen des Landes lebt und die Gesellschaft der Reichen, ohne Ansehen der Person sucht; wenn der Rabbiner als hartherzig bekannt ist, hart- - herzig in der eigenen Sippe, wenn er nach Geld geradezu jampelt, dem Armen gegenüber „enob", dem Reichen gegenüber Lakai; wenn der Rabbiner ein unverhohlener Selbstsüchtling ist, dessen Wort und Tat der Egoismus regiert, tyrannisch, nach Ehrenstellen unersättlich, ungeachtet dabei vor? kommender Sensationen; wenn der Rabbiner seinen äußeren Mangel an Frömmigkeit, Gefühl, an Rücksicht oder an Bescheidenheit ausdeckt; wenn der Rabbiner außerhalb seines Amtes alle Würde in die Winde verflackern läßt und seine Gleichgültigkeit'der Religion gegenüber betont; wenn der Rabbiner taktlos oder unzart, unkultiviert oder gar ungebildet ist, wenm — zusammengefaßb — ein Rabbiner auch nur einen dieser Fehler. besitzt, dann wird er selbst' zum Bazillenherde der Rabbinophobie. Es gibt unter den Rabbinern derartige .Elemente, die wirklich guten und treuen Juden das wahre Sonnenlicht des' Judentums verhüllen mit Wolken, denen rabbinophobe Mikroben entströmen. In der Regel liegt darin .schon eine -Treulosigkeit, wenn ein Rabbiner den verdrießlichen Mitgliedern aus eines Kollegen Gemeinde lauscht, es sei denn, daß er es zum Zwecke der Verteidigung tut. Manchmal jedoch kann man sich der Annahme nicht verschließen, daß einige Rabbiner in vielen Fällen, mehr mit sich und in sich aufnehmen, als geben und verteidigen. Ist nun diese Krankheit, deren. Bild wir versucht haben, uns vorzuführen, eine jüdische Nationalkrankheit, oder findet sie sich auch in den anderen Konfessionen? Ist diese Krankheit im Judentum endemisch oder stellt sie sich' vielleicht darüber hinaus als Klerophobie dar, die sich in der ganzen Welt findet? Ja, das letztere ist der Fall, denn es ist allgemein menschliche Gewohnheit, den Mann auf der Kanzel durchzuhecheln. Er steht so hoch, auf so exponiertem Posten, daß er leichter als andere strauchelt oder doch zu straucheln scheint. Nun wollen wir aber — um gerecht zu sein — nicht vergessen, daß es auch Rabbinophilen gibt, Leute, die bereit , sind, für die Rabbiner in die Bresche zu treten, und zwar beiderlei Geschlechts. Er oder sie fühlt sich durch Temperament oder einen anderen eingeborenen Instinkt zum Rabbiner hingezogen. Sie pflegen seine Gesellschaft mit Vorliebe aufzusuchen, sitzen ihm bewundernd zu Füßen, kämpfen im Streite für ihn, sind blind für seine Fehler, bewundern seine Tugenden und seine Gaben überall und jederzeit. Vielleicht sind sie die konstitutionellen Bewunderer, während jene anderen die geborenen Bilderstürmer sind. Eines von Zangwills besten und boshaftesten Epigrammen ist das, das dem Gedanken Ausdruck verleiht: jeder gute Jude ist etwas Antisemit. Man ist versucht, eine Parallele zu ziehen, indem man sagt, jeder gute Rabbiner ist etwas Rabbinophobe. Es liegt in beiden Sprüchen viel Böses aber auch heilsame Wahrheit. Ein treuer Jude ist tief verletzt, wenn in einer großen jüdischen Versammlung etwas auch das Judentum Verletzendes ihm entgegentritt. Und ebenso mag ein eifriger Rabbiner iu einer Versammlung der Kollegen deprimiert, zurückgestoßen sein, wenn ihm in der Haltung eines Kollegen etwas des Standes nicht Würdiges entgegentritt. Die Rabbinophobie ist nicht unheilbar. Von ihr zu Zeiten einmal zu sprechen, ist ein Mittel, weiteren Schädigungen entgegenzuwirken. Und zum Trost: es sind selbst ihre heftigsten Erscheinungsformen nicht ganz so gefährlich, als sie erscheinen mögen, und man möchte eigentlich die gesamte Krankheit voll-, kommen in das große Gebiet der Kinderkrankheiten verweisen." Soweit der amerikanische Rabbiner. Bei uns in Europa gibt es noch andere Arten dieser Krankheit. Eine Taktlosigkeit, die einmal in einer Trauungs- oder Grabrede verbrochen wurde,, eine materielle Differenz, die in einer Familie vor .50 Jahren vorgekommen, das Versagen eines Wunsches, der direkt gegen das Religionsgesetz verstößt — das alles erscheint manchem als genügende Veranlassung zur Antipathie gegen den ganzen Stand. Diese Antipathie ist aber ebenso unberechtigt wie gefährlich, und sie muß im Jntereffe des Judentums energisch bekämpft werden. MW

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