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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-06-18 · Heft 25 (18.6.1909) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 25 (18.6.1909)
Date
1909-06-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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73. Jahrgang. Nr. 25. Berlin, 18. Juni 1909. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. / . - Begründet von Rabbiner Dr- Ludwig Philixpson. VeilgzL-LrxeMM: Berlin, Jerusalemer Str. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße ^6/^9, zu richten. Verlag von Rudolf Akosse, Berlin. Diese Zeitung . erscheint ^wöchentlich. Abonnements-preis: durch Buchhandel oder posi (in'Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstelldn) bezogen vierteljährlich 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Ksbbinophobik. - ' 1 Berlin, 15. Juniaß in neuerer Zelt in verschiedenen Kreisen unserer Gemeinschaft eine gewisse Abneigung gegen den Rabbinerstand Platz ' gegriffen, ist/eine Tatsache, die leider nicht mehr zu übersehen ist. Man kann dabei freilich auf analoge Erscheinungen bei anderen Konfessionen Hinweisen. Es ist deshalb interessant zu lesen, was einer der besten fortschrittlichen Rabbiner Amerikas, Rev. Max Heller in New Orleans, über diese Zeiterscheinung bemerkt, auch wenn man ihm nicht überall zustimmen kann. Sein diesbezüglicher Artikel im „^meriean Israeli" lautet in deutscher Uebersetzung folgendermaßen:. „Die Leute sind zu zählen, die die Rabbiner hassen und die sich offen dazu bekennen; nur wenige haben den Mut ihrer Voreingenommenheit. Die weitaus größte Mehrheit der „Rabbinophoben", wie man geneigt wäre, dieses Genre von Menschen, zu benamsen, neigt dazu, die Angriffe die ihnen irgendwo begegnet sind, in höflicher Form zu wiederholen und — anstatt sie gebührend zurückzuweisen, die Rabbiner lauwarm dagegen zu verteidigen. Und es sind nicht wenige, die sich gar nicht bewußt sind, was sie mit dieser Schlappheit für Unheil anrichten. Wie dem nun aber auch sei, worauf das Symptom letzten Endes zurückzuführen sein möge, es steht fest, daß Klage darüber geführt wird, und daß eine genaue Diagnose dieser Erscheinung wohl angebracht ist. Da es sich hierbei — so will es uns scheinen — um eine Krankheit mehr oder weniger infektiösen Charakters handelt, so ist es wünschenswert, die erregenden Mikroben zu isolieren, sie sorgfältig in Reinkultur gezüchtet vorzuführen, um — hoffentlich — das Serum zu entdecken. Da. nun unsere Geschicklichkeit auf dem weiten Gebiete der Bakteriologie nicht allzu groß ist, so werden wir nicht erwarten dürfen, beim ersten Ansatz, die Studie über das ganze weite Feld, so anziehend und. interessant es sein mag, ausdehnen zu können, werden nicht hoffen dürfen, gleich von der Diagnose das die Versuchskette schließende Serum zu finden. Wir werden uns deshalb darauf beschränken müssen, einige wenige flüchtige Ausschnitte aus dem Gesamtbilde zu geben. Vielleicht führt auch das zum Ziel. / Das Leiden entsteht zum Beispiel — um mit einer Art zu beginnen — besonders leicht in einer von Rivalität und Abgunst getrübten Atmosphäre. Ein Rechtsanwalt, zum Beispiel, dessen . Beruf zum Teil darin besteht, wegen einer ganz bestimmten Art von Beredsamkeit bewundert zu werden,' wegen ' seiner ' graziös geschürzten Phrasen, in denen er spricht, wegen der. heftigen Ausbrüche seiner Ausdrucksweise, wegen seiner Fähigkeit,- unwiderstehliche Waffen der Rede zu schleudern, eine H Redeweise, die er durch ein krampfartiges Hin- und Herwerfen H seines Hauptes begleitet, kurz, ein Anwalt, der mit solchen auf - / das Volk wirkenden Rednergaben gesegnet ist, mit solch feinem J Gerät eines demonstrativen Idealismus, ein solcher Anwalt'ist j in gewissem höheren Grade der Gefahr der Rabbinerantipathie 4 unterworfen als ein Durchschnittsmensch. Sein glühendes und I selbstgenügsames Wesen bietet ein Erdreich, auf dem unser hier > behandeltes Ungemach üppig zu gedeihen pflegt. Sein Rabbiner | wird — nach seiner Meinung — der besonderen Eignung zum V? pathetischen Redner ermangeln, er taugt nicht zum Phrasen- 1 bildner und zur effektvollen Wiedergabe seiner Reden; gleichgiltig weshalb, ob er nun — so empfindungslos ist, die Schwächen j seiner Mitmenschen mit schwacher Klage zu verdammen, oder so / unvernünftig, sich über die Vergeblichkeit seiner Bemühungen Z zu beklagen. Darüber hinaus wird diese Spezies von Rabbinoi phoben in ihrer rücksichtslosen Beurteilung so weit gehen, einen Fehler, der gelegentlich einmal vorgekommen ist, herauszugreifen, oder sonst ein Kennzeichen, angeblicher Seichtheit, '-Z um daraus für ihre Meinung Argumente zu gewinnen. All H das beweist nur, wie eingebildet und eifersüchtig dieser Kranke ist. Z Eine verwandte Unterart von „Rabbinophobie", die fast ,'4 dieselben Merkmale trägt, wie die soeben besprochene, könnte 4 man als die „vereinsmeieiliche" bezeichnen. Auch bei dieser f Art wirkt die Eigenart des betreffenden Rabbiners, als an- H reizendes, verschlimmerndes oder heilendes Agens für unser / Leiden. Vorwürfe aus dieser Kategorie sind: Der Rabbiner kommt nicht regelmäßig genug zu unseren Versammlungen, oder er wartet auf die untergeordneten Boten der Loge nicht geduldig genug, oder, was allerdings das Schlimmste ist, er 4 hat die Unzartheit, sich um ein Amt zu bewerben, nach dem wir gerade auch streben. Es kann auch Vorkommen, daß, er 4 sich bis zu einem derartigen Grade von Wagemut Hinreißen / läßt, daß er es sich beifallen läßt, den Orden oder Verein zu / kritisieren, in seiner Anlage, in seinen Bestrebungen mit seiner hohlen Rhetorik Fehler zu finden, oder die Drahtzieher seiner / 'Politik aufzudecken: Die Rabbiner sind ja so naseweis! Wo sie nicht' ihre Hand im Spiele haben, ist es schon faul — nach ihrer Meinung. Deswegen muß man ihnen ab und zu einen kleinen Stich versetzen, am besten dadurch, daß man sie daran erinnert, daß auch sie noch nicht die Entscheidung, die so heiß und 4 sehnend begehrt wird, gefunden hätten; oder auch dadurch, 4 daß man ihrem falschen Vorgehen alles zur Last legt, was drüber und drunter geht im Haushalt des Judentums. J :! Eine mehr weibliche — dritte Unterart ist entstanden mit der Manie, für Zeitungen und was es in diesem Genre im Himmel, 1 auf der Erde und im Wasser unter der Erde gibt, zu schreiben. J Hier kommt wieder die unglückliche Undankbarkeit des Rabbiners, ... BÜHÜH

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