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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-06-11 · Heft 24 (11.6.1909) · p. Seite 287

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 24 (11.6.1909)
Date
1909-06-11
Page
Seite 287 (sequence 11)
Language
German
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heimlichen Blick auf sein vi8-a-v!s, und dann , verglich er die beiden Mädchen miteinander, und so sehr Little Tricksy ihn begeisterte, mußte er sich doch gestehen, daß auch Sophie Liebreich ein ganz entzückendes Mädchen sei. Es überkam ihn ganz merkwürdig zwischen den beiden Mädchen. Hier die übermütige Amerikanerin mit ihren grünlich schillernden Augen, unergründlich wie das Meer, und dort die feine, vornehme deutsche Jüdin, mit tiefem, seelenvollem Blick aus Augensternen, schön wie die See, wenn sie träumerisch und unbewegt das Bild des Himmels in sich wiederspiegelt. — Aber neben den persönlichen Eigenschaften fielen bei der Amerikanerin noch ihre Millionen ins Gewicht; ein junger Doktor, der, als Oberlehrer an einem Realgymnasium angestellt, als Jude keine Aussicht auf eine Karriere hatte, darf solche Vorteile doch sicher nicht außer acht lassen — ein Glück also, daß er sich bei Liebreichs nicht fest engagiert hatte.. Allerdings, er hatte ja ziemlich unverholen seine Bewunderung zu erkennen gegeben und Interesse zu erwecken gestrebt, aber das letzte Wort war noch nicht gesprochen worden und deshalb . . . Als er, so bemüht, sein Verhalten vor sich zu beschönigen, an diesem Punkte seines Gedankenganges angelangt war, mußte er Sophie die Salatschüssel hinüberreichen. Sie nahm sie aus seinen Händen mit einem Ausblick aus ihren klaren Augen, der ihn doch in Verlegenheit setzte, aber schon nahm Tricksy ihn wieder in Anspruch, indem sie ausrief: ,M3ter Krön, \ve will go to sea at seven o’clock!“ „Please!“ antwortete er, bereit jeden ihrer Wünsche sofort zu erfüllen. Sophie plauderte mit ihrer Mutter. Frau Dr. Liebreich, die Witwe des Direktors Dr. Liebreich, hatte ihren Gatten verloren, als Sophie zwölf Jahre alt war, und lebte von den Zinsen eines bescheidenen Vermögens, das sie in die Ehe eingebracht hatte, und einer kleinen Pension in stiller Einfachheit, ganz der Erziehung ihres Kindes hingegeben. Der tiefe Schmerz um den Verlust des Gatten wurde dadurch in jene stille Wehmut aufgelöst, die es ihr möglich machte, heiter und befriedigt neben ihrem Kinde zu sein, so daß Sophie nicht etwa in Trauer und Mißmut ihre Kindheit verbrachte, sondern daß diese umstrahlt war von jener anmutigen, schönen Heiterkeit echter Mutterliebe, die dem Wesen des Kindes einen eigenen Liebreiz aufdrückte. Sophies Unterricht, ihre ganze Entwicklung wurde von der Mutter sorgsam überwacht und mit genauer Berücksichtigung ihrer Individualität geleitet. Ihre kleinen Talente wurden gepflegt, und so erwuchs Sophie zu einem jener seltenen Mädchen, das Adel der Seele und Schönheit des Körpers in voller geistiger und körperlicher Harmonie vereinte. Sie hatte das Selbstgefühl-vornehmer Naturen, das Bescheidenheit nicht ausschließt, und verriet in ihrem Wesen eine gewisse ruhige Sicherheit, die heute der nunmehr gealterten und etwas müde gewordenen Mutter die Stütze zu werden versprach, die sie . sich in ihrer Tochter großgezogen hatte. Frau Direktor Liebreichs Stirn schien jetzt öfter umwölkt. Sophie hatte ihr sechsundzwanzigstes Lebensjahr zurückgelegt, und noch hatte sie keinen Bewerber für sie gesunden, trotz aller Vorzüge, denn — sie gestand es sich seufzend — die Mitgift fehlte. Aber auch Sophies Herz hatte noch nicht gesprochen, und Frau Direktor Liebreich dachte oftmals mit bitteren Empfindungen daran, daß ihr geliebtes, behütetes Kind nach ihrem Tode vielleicht den Kampf mit dem Leben würde aufnehmen müssen, daß sie eines ihrer Talente vielleicht würde ausnützen müssen, um ihr Brot zu verdienen. Sie malte — — — ihr Lehrer rühmte ihre starke Begabung außerordentlich und meinte, daß sie besonders für Stimmung und Farbe von Wasser- und Seebildern sehr viel besäße. Deshalb waren sie in diesem Sommer an den Oftseestrand gegangen, und dort im weißen Sande der Dünen gelagert, um sich ihre Malapparate, suchte Sophie ihre Motive und malte flott und froh. — Die Mutter saß dann gewöhnlich lesend in der Strandhütte und suchte nur zuweilen mit den Blicken ihrer: Liebling. Eines Vormittags hatte Sofie ihre Tour etwas weiter ausgedehnt nach der Spitze des langen Berges zu. Dort hatte sie vor einigen Tagen auf dem Strandweg, hinüberblickend nach der dem Meere entgegengesetzten Seite, ein prächtiges Landschaftsbild in einem kleinen, länglichen Binnensee gefunden, an dessen Ufer eine laubumsponnene Hütte stand, während etwas höher aufwärts liegend eine Windmühle vom Horizont sich scharf silhouettierte. — Es sah köstlich aus, voll Lieblichkeit und idyllischer Ruhe. Sie hatte sich daran gemacht, es zu malen und hurtig ging sie auch heute ans Werk, stellte die Feldstafielei auf, nahm Pinsel und Palette zur Hand und malte so eifrig, daß sie es garnicht bemerkte, wie sich von hinten jemand ihr im weichen, lautlosen Dünensand näherte, und über die Schulter geneigt, ihrer Arbeit zusah. — Der Strand und die Wege waren um die Mittagszeit menschenleer, der große Hut beschattete ihr Gesicht so tief, daß sie von der Gestalt hinter sich gar nichts merkte. Da — ein/ leichte Bewegung, ein leichter Aufschrei — sie hatte den Beobachter gesehen. „Pardon, mein gnädiges Fräulein ... es war zu verlockend und dann" — —. Sie hatte zusammenschreckend einen breiten, flachen Pinselstrich aus den gestern gemalten, etwas unruhig bewegten, wie von leichtem Lufthauch geschwellten See gemacht und schickte sich an, diesen unfreiwilligen Strich zu korrigieren . . . „O, nicht doch . . . finden Sie diesen glatten, flachen Streifen nicht originell in der: kurzen, stark aufgetragenen Wellen, die Sie gemalt haben? — Bitte, sehen Sie nur! Zum Aendern und Verbessern haben Sie immer noch Zeit." . . . Sie ließ die erhobene Hand mit dem Pinsel sinken und sah ihn halb belustigt, halb zweifelnd an, noch immer keines Wortes mächtig . . . Das war eine merkwürdige Art, sich einer Fremden zu nähern, endlich starnmelte sie: „Mein Herr!" „Ich weiß, was Sie sagen wollen, gnädiges Fräulein, daß ich unbescheiden, zudringlich, keck bin . . . zugestanden! Aber weshalb malen Sie auch so reizend? So . . . so . . ., als ob die Lorbeeren Gudes Sie nicht schlafen ließen" . . . Sie lachte leise auf. „O, mein Herr, Ihr Scherz geht zu weit," erwiderte sie und blickte wie suchend um sich, und in der Tat, dort kam Frau Direktor Liebreich an, die, wie immer nach dem Töchterlein ausspähend, die Annäherung eines Mannes gesehen und sich sofort aufgemacht hatte, um bei ihr zu sein. Etwas schwerfällig keuchte sie durch den Sand heran, auch Dr. Krön bemerkte sie und begriff den Zusammenhang. „Verzeihung, mein Fräulein," sagte er daher hastig, „ich würde mir nicht erlauben. Ihnen Komplimente zu machen, aber dieses Bildchen wird entzückend. Es ist voll poetischer Stimmung, künstlerisch erfaßt und ausgeführt — und sehen Sie, dieser breite, unwillkürliche Schreckensstrich macht sich wirklich gut"... In diesem Augenblick war die Mutter herangekommen und er wendete sich zu ihr und sagte, sich vorstellend: „Dr. Krön, Gymnasialoberlehrer aus Berlin." . . . Er machte vor beiden Damen hierauf eine tiefe Verbeugung, so war die Bekanntschaft gemacht. (Schluß folgt.)

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