Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1909)
- Date
- 1909-06-11
- Page
- Seite 286 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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286 daß der Gedanke der Verbesserung ihm weniger als die Praktik einer neuen Religion, vielmehr der Ausdruck für die Verallgemeinerung und Verwirklichung der aus den Ergebnissen der modernen Wissenschaft hervorgehenden freien Bildung sei, da meinte Alexander v. Humboldt kurz und treffend: „Ja, das ist aber doch nicht Religion." Alle die hier geschilderten Freündschaftsbeziehungen des modernen Aristoteles zu Juden und Jüdinnen beruhten in erster Linie auf seiner Menschenliebe und seinem allgemeinen Wohlwollen. Von Liebe für alle göttlichen und menschlichen Dinge war sein Herz erfüllt, darum konnte er sie weit und breit spenden. Was Cicero von der wahren Freundschaft sagt, hat auch Humboldt durch sein ganzes Leben betätigt: „Nicht der Gedanke an den Nutzen, sondern das Gefühl der Liebe erzeugt die Freundschaft und unterhält sie. Nichts ist liebenswürdiger und anziehender, als die Tugend. Hat man sie selbst in sich und findet sie in anderen, so ist der Grund zur Freundschaft gelegt." Lmsn?ig MsrK Mitgift. Novettette von Hans Engel. I. der Table d’höte des Kurhauses in einem beliebten Ostseebade hatte sich eine zahlreiche Gesellschaft eingefunden. Unter den Gästen befanden sich in diesem Sommer verschiedene Ausländer, und eine amerikanische Familie fiel besonders auf durch die eigenartige Zusammensetzung ihrer Mitglieder. Es war ein älteres Ehepaar, das trotz aller äußeren Eleganz des Auftretens das Ursprungsland seiner Herkunft nicht verleugnen konnte. Der Mann ließ in unverkennbarem Dialekt die Laute der galizischen Heimat in seiner Aussprache des Englischen anklingen, und die Frau sah hochmütig und selbstbewußt aus, ohne aber dadurch etwa aristokratisch zu wirken. Es waren Erscheinungen, wie man sie unter den zu großem Reichtum gelangten eingewanderten Amerikanern leider häufig findet. Die Kinder dieses Ehepaars dagegen trugen schon alle Züge modernen Amerikanertmns. Sie waren drüben geboren und erzogen, allerdings im Geiste jenes Protzentums, das rasch und rücksichtslos erworbener Besitz bei ungebildeten Menschen hervortreten läßt. Herr Löwenherz nannte sich jetzt zwar Mr. Lionheart, seine Gattin Rosalie führte den Namen Rita, der Sohn hieß Frank und das Töchterlein Tricksy, aber das Amerikanertum hatte sich trotzdem nicht bei ihnen eingestellt. Die früheren Eigentümlichkeiten kamen bei den Alten immer wieder zum Vorschein in Haltung und Manieren, während sie bei den Jüngeren sich in einem Uebermut äußerten, der Miß Tricksy sehr pikant und amüsant erscheinen ließ, den Bruder blasiert und hochmütig, aber durchaus nicht waschecht in der Wolle gefärbt. Eine Begleiterin, Fräulein Jda Simion, die offenbar in der doppelten Eigenschaft einer Gesellschafterin und Kammerjnngfer den Kreis vervollständigte, machte den gedrückten Eindruck eines Wesens, das in seiner Bescheidenheit gewissermaßen als Folie diente für die Selbstüberhebung und das Selbstbewußtsein von Mutter und Tochter. Tricksy, die mit ihren lustigen, koketten Augen leck und dreist um sich schaute, war ein hübsches Mädchen, dazu angetan, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Der Herr, der neben ihr an der Table d’hote saß, schien diese Erfahrung auch an sich bereits gemacht zu haben. Er lauschte mit Entzücken auf ihr Geplauder, das aus einem Gemisch von amerikanischem Englisch und fremd akzentuiertem Deutsch bestand, und mit Witz und Bosheit sich über einzelne Erscheinungen an der Tafel erging. Ihr Bruder Frank schaute gelangweilt und-apathisch drein und hatte für alle Ansprachen seiner Schwester immer nur die eine Antwort: „0 yes, indeed, liltle Tricksy!“ Little Tricksy! So nannte sie auch die Mutter mit auffallender Betonung, obgleich das junge Mädchen durchaus nicht so klein war, um dieses ewige „Little Tricksy" zu rechtfertigen. Augenscheinlich schien diese Bezeichnung in der Familie für etwas besonders Apartes und Vornehmes zu gelten. Alle Aufmerksamkeit und jedes Interesse mußte nach Ansicht von Mrs. Lionheart nur ihrer Tochter gelten. So war es von früher Jugend an gewesen. Das ganze Haus Lionheart stand im Banne des schönen, launenhaften Geschöpfes. Papa Lionheart, der seine Millionen nur sammelte, um Tricksy glücklich zu machen, die Mutter, deren einzige Lebensaufgabe es war, die Wünsche „dariings" zu erfüllen, Frank, der sich in seinem Phlegma dem Kultus, der mit der Schwester getrieben wurde, anschloß, soweit es sein Temperament gestattete . . . kurz, die ganze Familie! Seit einigen Wochen weilten sie in Deutschland, Um Verwandte zu besuchen, und hatten dieses Seebad zum Sommeraufenthalt erwählt. Auf einem von Rügen nach dem Bade zurückfahrenden Dampfer hatten sie die Bekanntschaft mit Dr. Krön gemacht, einem der wenigen Passagiere, der während eines starken Unwetters von der Seekrankheit verschont auf Deck blieb, and dort neben Fräulein -Tricksy, der seefesten Amerikanerin, in das wilde Stürmen und das tobende Wetter hinausblickte. Es hatte sich zwischen den'beiden ein Gespräch entwickelt, und als man nach einigen Stunden bei wieder heiter gewordenem Himmel landete, war eine jener' raschen und leicht intim werdenden Beziehungen zwischen Lionhearts und dem jungen Gelehrten angeknüpft, wie sie auf Reisen, begünstigt von der Zwanglosigkeit des Verkehrs, schnell geschlossen werden. Seitdem war Dr. Krön stets in Gesellschaft der Ausländer. Er empfand dies mit'um so größeren Behagen, als die junge, reiche Erbin ihn von Tag zu Tag mehr fesselte und ihn ganz vergessen machte, daß, bevor er sie kennengelernt, eine andere sein, wie es schien, leicht zu erregendes Herz entflammt hatte. Und diese andere saß ihm jetzt gegenüber und sprach eindringlich aus ihre neben ihr sitzende Mutter ein, damit sie so wenig wie möglich genötigt war aufzublicken. Ein fataler Zufall, das Arrangement des Kellners, hatte sie an diesen Tisch gesetzt, und sie sah erst, als es bereits zu spät war, um ohne Aufsehen zu erregen, umzukehren, wer ihre Tischnachbarn waren.-Kein Blick, keine Miene verriet, was in ihrem. Jnpern vorging. Mit ruhiger Würde erwiderte sie Dr. Krons Begrüßung und sah ihre Mutter, die beunruhigt und erschreckt ihre Tochter bei dieser Begegnung beobachtete, mit einem ermutigenden Blicke an, als wollte sie sagen: „Sei unbesorgt und ruhig, Deine Tochter weiß sich zu beherrschen und vergibt sich nichts.";-Der Doktor war jedenfalls zuerst mehr frappiert, als die beiden Damen es scheinbar waren, da er sich ihnen so unerwartet gegenüber sah . . . Er faßte sich aber ebenfalls rasch und gab sich bald wieder dem Zauber hin, den die temperamentvolle Amerikanerin auf ihn ausübte, die ihm übrigens sehr unverhohlen zeigte, daß er auch ihr gefiel. Nur hin und wieder warf er einen Bilks