Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1909)
- Date
- 1909-06-11
- Page
- Seite 285 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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»MWWWWW - -- 265 weniger intime Berührung trat, sei hier noch seiner Beziehung zu einigen Damen jüdischen Ursprungs in aller Kürze gedacht. In dem Salon der bekannten Henriette Herz, der Gattin des schon erwähnten Dr. Markus Herz, verkehrte er viel. Markus Herz las in seiner Wohnung philosophische Collegia, zu denen sich ein sehr gewähltes Publikum einfand. Auch der junge Humboldt erschien dort, von dem Hausherrn und seiner schönen Frau besonders ausgezeichnet. Diese Berührung gestaltete sich mit der Zeit zu einer innigen Freundschaft für das Leben, die, wie er selbst sagte, seine heiteren Tage verschönt und seine düsteren Tage erhellt habe. Auch in dem sogenannten „Tugendbund", einer eigentlichen Lesegesellschaft, an der die ausgezeichnetsten Männer der preußischen Hauptstadt aus allen Schichten der Bevölkerung teilnahmen, kam Humboldt mit der geistreichen Jüdin zusammen. Doch wurde im Tugendbund nicht bloß gelesen, sondern man amüsierte sich auch nach Herzenslust. So wurde z. B. dem Tanz seitens der Jugend mit Eifer gefrönt. Noch als Matrone erinnerte sich Henriette Herz mit Entzücken daran, daß der junge Humboldt sie an einem jener Abende, die damals noch neue Nennet ä la Reine lehrte, und daß sie im Sommer mit ihm allerlei gesellige Spiele im Freien gespielt, Ball geschlagen habe usw. Leider sind uns die Briefe von Henriette Herz nicht erhalten geblieben, sie würden über dieses anziehende und jedenfalls sehr interessante Verhältnis manches Licht verbreiten. Die Freundschaft zwischen beiden beruhte auf einer Art natürlicher Verwandtschaft zwischen edlen, gleichgesinnten Seelen, die sich einander nähern und anziehen. Henriette unterrichtete den Junker Alexander in der jüdischen Kurrent-Schrist, deren wir schon oben Erwähnung getan haben. In ihren Memoiren r) erzählt die Dame, daß, wenn Alexander v. Humboldt in jenen Jahren einem gemeinschaftlichen Freunde und ihr von dem seiner Familie gehörenden Schloß Tegel aus schrieb, er den Brief gewöhnlich von „Schloß Langeweile" (in jüdischer Kurrentschrift) datiert habe. Freilich tat er dies nur in solchen Briefen, die er in Kurrentschrift schrieb. In den Zuschriften, deren Inhalt jedem zugänglich gewesen wären, kund zu tun, man unterhalte sich besser in der Gesellschaft junger jüdischer Damen als auf dem Schloß der Väter, wäre damals für einen jungen Edelmann nicht ganz unbedenklich gewesen. Als die Hofrätin Henriette Herz Witwe wurde, lernte. sie Frau Sorge, die ihr sonst stets fernblieb, kennen. Infolge ihrer unbegrenzten Wohltaten und ihrer Krankheiten geriet sie in finanzielle Not, aber so geheim sie auch ihre Erdennot hielt, sie kam doch zur Kunde ihres alten Freundes Humboldt- Dieser wußte, daß Friedrich Wilhelm IV. sich für die edle Frau interessierte. An diese ihm selbst öfter geäußerten Teilnahme knüpfte er an, um den Monarchen um eine einmalige Subvention und eine kleine Pension für die Freundin zu bitten. Friedrich Wilhem IV. bewilligte die erstere nicht nur sofort, sondern fügte hinsichtlich der letzteren noch hinzu: „Für eine Frau, die solange es ihre Kräfte erlaubten, so tätig für das allgemeine Beste mitgewirkt hat, muß' ich mehr tun, als Sie von mir begehren. Für sie muß ich auch tun, was in meinen Kräften steht." Nach sofort vorgenommener Revision des betreffenden Unterstützungssonds, verfügte der König noch an demselben Abend die Bewilligung des Doppelten der erbetenen Pension. Aber die zarte und schonende Form der Königlichen Bewilligung erhöhte noch die Gabe weit über ihre pekuniäre Bedeutung hinaus. In einem Handschreiben an den Geheimen Kabinettsrat Müller erklärte der König, daß, da die Hofrätin Herz, eine Frau, deren Namen er von frühester Kindheit an mit - Henriette Herz von I/Fürst. S. 129 ff. innigster Hochachtung habe /aussprechen hören, selbst nichts erbeten habe und überhaupt die ganze Sache ohne ihr Wissen geschehen sei, er es angemessen finde, keine Kabinettsorder hinsichtlich der Bewilligung an sie zu richten, vielmehr die ganze Angelegenheit durch Herrn v. Humboldt gehen zu lassen. So wurde denn die Matrone durch eine sofortige Unterstützung von fünfzig Stück Friedrichsd'ors und eine jährliche Pension von 500 Talern, beides aus der Privatschatulle des Königs, nicht nur von drückender Sorge befreit, sondern noch durch die so ehrende Aeußerung der Teilnahme, deren Kunde ihr nicht vorenthalten blieb, erfreut und mit neuem Lebensmut erfüllt. Der wohlwollende Monarch ließ es hierbei nicht bewenden. Er stattete ihr am 6. Juli 1857 auch einen Besuch ab und unterhielt sich aufs teilnehmendste und freundlichste mit ihr, zugleich durch lebendige Erinnerungen selbst an Kleinigkeiten, die sie betrafen, ein ehrendes Interesse bekundend. Ich habe schon erwähnt, daß Humboldt viel im Salon der Rahel, der genialen Gattin seines intimen Freundes Varnhagen v. Ense, verkehrte: Ihr Scharfsinn, ihre treffenden Bemerkungen, ihr tiefer philosophischer Geist hatten für ihn etwas ungemein Fesselndes. Von seinen Reisen auch sandte er ihr wiederholt Zuschriften, die sein lebhaftes Interesse für die Denkerin bekundeten. Als ihn unterwegs die Nachricht vom Unwohlsein Varnhagens und seiner Gattin ereilte, schrieb er besorgt an den erfteren: „Ich höre mit Schmerz, daß Sie und Ihre geistreiche Freundin nur ein klein Stückchen Gesundheit haben, das Sie höflichst gegenseitig ableihen. Eine Art des Wechselunterrichts oder Azaisscher Kompensation, über welche ich tief trauere." Als er das Hinscheiden der Rahel erfuhr, schrieb er schmerzbewegt an den untröstlichen Gatten eine tiefempfundene Kondolation. Darin heißt es unter anderem: „Sie wissen, welche warme, lang geprüfte, nachsichtsvolle Freundin ich an ihr, der Zierde ihres Geschlechts, verliere! So tief mit allem Hinfälligen des Lebens vertraut und doch so heiter und so milde! Bei soviel Geist, so gemütlich und herzlich! Lange wird Ihnen die Welt öde erscheinen, aber das Bewußtsein, bis zum letzten Hauch einer so schönen Seele gegeben zu haben, was Geist und Herz und Gemüt der Sitten wie die Ihrigen, teurer Varnhagen, gewähren können, ist doch ein Balsam für die Wunde." Henriette Herz und Rahel Lewin waren die berühmtesten Jüdinnen des Jahrhunderts. Sie verkörperten weibliche Schönheit, Anmut und Verstand. Auch waren sie Trägerinnen der zartesten und holdesten Weiblichkeit. Noch mit einer anderen Dame jüdischer Abstammung, Fanny Lewald, stand er in freundlichem Verkehr. Die aufgeklärte und geistreiche Dame gefiel ihm sehr. Speziell ihr Buch über England fesselte ihn in hervorragendem Maße, r) Nur eins gefiel ihm in dem angeführten Buche nicht. Fanny Lewald spricht darin einmal die Ansicht aus, daß man das Christentum verbessern und eine neue Religion gründen müsse. Eine neue Religion zu gründen, so meinte Humboldt, scheine ihm ebenso unmöglich, als in Preußen eine Pairskammer zustande zu bringen. Man habe schon mit der Politik soviel zu tun, daß man die Welt nicht noch obendrein mit solchen Ideen beunruhigen sollte. Als der Betreffende, mit dem sich Humboldt über diesen Gegenstand unterhielt, hierauf erwiderte, *) Briefwechsel und Gespräche Alexander Humboldts mit einem jungen Freunde aus den Jahren 1848 bis 1856. Berlin, 1861. Seite 82 ff.