Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1909)
- Date
- 1909-06-11
- Page
- Seite 284 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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284 AleMnder o. Humboldt. Von Dr. Adolph Kohut. /. , . . III.;, , / ' israelitische Weltreisende I. I. Benjamin II.. aus Foltischeny an der Moldau, der Asien, Afrika und Amerikabereiste, wandte sich wegen eines Empfehlungsschreibens an Alexander v. Humboldt. Dieser kam dem Wunsche mit Freuden nach und empfahl ihn in einer Zuschrift vom 25. März 1858 aufs wärmste, den edlen Zweck der Weltreise Benjamins hervorhebend, die dahingehe, auf weiten Landreisen die Zustände eines zerstreuten und unterdrückten Bestandteils des jüdischen Stammes zu ergründen. Als I. I. Benjamin 1858 ein Werk unter dem Titel: „Acht Jahre in Asien und Afrika" herausgab, gab Humboldt dieser Schrift im Vorwort einen Geleitbrief mit auf den Weg, aufs neue auf den schönen und edlen Zweck hinweisend, den der Verfasser auf diesen Reisen zur Erforschung und Durchforschung der jüdischen Ansiedlungen oder Gemeinden verfolgte, die in jenen fernen Gegenden, Opfer Politischer Unduldsamkeit, ein trauriges Dasein fristen. Es heißt dann wörtlich: „Der ehrenwerte Herr Benjamin steht jetzt auf dem Punkte, den Fußstapfen Benjamins von Tudela folgend, aufs neue eine ähnliche Reise zu unternehmen und deshalb wage ich, die politischen Agenten, Konsuln und alle diejenigen Personen, welche, meinen Namen und meine Arbeiten mit ihrer gütigen Teilnahme beehren, zu bitten, sie wollen sich lebhaft auch für dieses neue Unternehmen interessieren und zur Erweiterung und Vermehrung der Mittel beitragen, welche eine Reise M begünstigen vermögen, die durchaus uneigennützig und zu? einem rein philanthropischen Zweck unternommen wird. Der Vater der deutschen Sozialdemokratie, Ferdinand Lassalle, der in feinem Nebenberuf auch Philosoph war —; er schrieb unter anderem ein treffliches geschichts-philosophisches Werk in drei Bänden: „Die Philosophie Herakleitos des Dunklen von Ephesos" — hatte es lediglich Humboldts Empfehlung bei dem König Friedrich Wilhelm IV. zuzuschreiben, daß er nach seiner Ausweisung aus Berlin wegen seiner Beteiligung an der. Revolution von 1848 wieder nach der preußischen Hauptstadt zurückkehren durfte. Nachdem sich Lassalle als Fuhrmann verkleidet nach Berlin eingeschmuggelt hatte, begab er sich zu seinem Gönner Humboldt und erhielt durch dessen Fürsprache von dem Monarchen die Erlaubnis zum ungehinderten Aufenthalt in Berlin. Diese freundschaftlichen Beziehungen zu Humboldt bewirkten es, daß Lafsalle mit Männern wie Boeckh, Förster, Ziegler, Hans v. Bülow in Verbindung trat. Ebenso wurde er auch auf Humboldts Empfehlung in die „Philosophische Gesellschaft" ausgenommen. Der Naturforscher hegte große Hochachtung für den geistvollen Agitator, den er stets das „Wunderkind" nannte. Das erwähnte Werk Lasfalles „Die Philosophie Herakleitos des Dunklen von Ephesos" interessierte ihn außerordentlich, wie wir dies aus den Briefen Humboldts an Varnhagen v. Ense wissen?) Sogar für die Industrie, die einzelne namhafte Israeliten betrieben, hegte der Meister der Naturwissenschaft, dem auch die Technik soviel zu verdanken hatte, lebhaftes Interesse. Als z. B. der Schöpfer der ungarischen Porzellan-Industrie zu Herend bei Vesprim (Ungarn), der wegen seiner- Verdienste um die ungarische Porzellan-Fabrikation in.den Adelstand erhobene Moritz Fischer, an Humboldt zu dessen 88. Geburtsi) Briefe von Alexander v. Humboldt an Varnhagen v. Ense 1860. 3. Auslage, S. 385. tag ein reiches, sinnig ausgewähltes Sortiment seiner Fabrik- Erzeugnisse sandte, unterließ dieser nicht, an den jüdischen Fabrikanten ein eingehendes Dankschreiben zu richten. Von den. hervorragenden deutschen Dichtern jüdischen Glaubens, mit denen Humboldt noch nähere Beziehungen hatte, seien hier noch zwei hervorgehoben, Ludwig August Frankl, der seine Religion nicht „changierte" und Heinrich Heine, der. bekanntlich konvertierte. .. Giacomo Meherbeer war es, der ersteren am 21. Oktober 1857 Humboldt vorstellte. Der Dichter überreichte demselben ein Exemplar sesnes-„Colombo" mit Widmung. Der große Lyriker und ungezogene Liebling der Grazien, Heinrich Heine, und Alexander v. Humboldt lernten sich in den Salons der Rahel kennen. Der Naturforscher schwärmte' für das Buch der Lieder des berühmten Dichters. Während eines zehnjährigen Aufenthalts in der französischen Hauptstadt kam Humboldt auch mit Heine in persönliche Berührung. Es. war daher natürlich, daß Heine, als er im Jahre 1846 wegen seines entsetzlichen Rückenmarksleidens deu Jugendfreund Prof. Dieffenbach, den weltberühmten Arzt, in Berlin konsultieren wollte, sich an Alexander v. Humboldt wandte, damit dieser ihm die Wege der ihm polizeilich verbotenen Rückkehr nach Berlin wieder ebene. In der sogenannten Radowitzschen Sammlung der Berliner Königlichen Bibliothek findet sich die Zuschrift Heines an seinen Gönner. In derselben Radowitzschen Sammlung findet sich nun auch die Kopie der Antwort Humboldts auf diese Zuschrift: „Wenn nach einer so langen Reihe von Jahren Sie .mir wieder ein Zeichen des Lebens geben, wenn Sie sich der alten Bewunderung Ihres herrlichen, ein tiefes Naturgefühl atmenden „Buches der Lieder" erinnern, so darf ich nicht besorgen.. daß Sie an der Aufrichtigkeit meines Dankes zweifeln, der Ihrem Vertrauen in eine so rein menschliche Angelegenheit gebührt. Noch ehe ich Ihren Brief vom 21. Januar erhielt, hatte ich durch meinen geistreichen Freund Dieffenbach Kunde von Ihrem schweren physischen Leiden erhalten. Ihr Wunsch beschränkte sich auf die Erlaubnis, ohne Gefahr für Ihre persönliche Sicherheit Berlin von Hamburg aus dieses Frühjahr auf einige Tage besuchen zu können, zu Ihrer Erholung, um hiesige Freunde einmal zu sehen und Berliner Aerzte zu konsultieren. Da mir nicht unbekannt sein konnte, daß in dem, was Sie als alte Registratur bezeichnen, viele sehr bittere Anklagen gegen Sie liegen, so habe ich gehofft, Ihren Wünschen am besten zu entsprechen, wenn ich auf das zweite Motiv Ihrer Reisegründe Wert legte. Ich habe mit Wärme gehandelt und habe mir keine Art des Vorwurfs zu machen — aber es ist mir garnicht geglückt. Die Verweigerung ist sogar so bestimmt gewesen, daß ich Ihrer persönlichen Ruhe wegen Sie ja bitten muß, den preußischen Boden nicht zu berühren. Ich glaube, gegen Sie die Pflicht erfüllen zu müssen, Ihnen ganz mit der Offenheit zu schreiben, die Schriftsteller sich einander schuldig sind. Empfangen Sie den Ausdruck meiner ausgezeichneten Hochachtung und die innigsten Wünsche für die Wiederherstellung Ihrer so tief erschütterten Gesundheit. Ihr gehorsamster A. v. Humboldt. Ebenfalls von der Hand Humboldts rühren die folgenden, charakteristischen Randbemerkungen zu diesem Briefe her: „Meine Antwort eine vorsichtige. Der König, der für die Gedichte unverwüstliche Vorliebe hegt, fand es hart, trotz der schändlichen Spottgedichte auf Preußen, ihn zurückzuweisen, da. es menschlicher wäre, ihn den Arzt konsultieren zu lassen, es auch bald sichtbar würde, daß hier das Publikum sich nicht um den alten Mann mit dem Gesichtsschmerz bekümmere. Die Polizei aber wußte dem ihr fremden Zartgefühl zu widerstehen." Neben den hier genannten, flüchtig skizzierten jüdischen Persönlichkeiten, mit denen Humboldt in eine mehr ode^