Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1909)
- Date
- 1909-06-11
- Page
- Seite 283 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- 263 — Enthüllungsfeier mit ihren ernsten Weisen. Die Weihrede hielt ihm sein Biograph Dr. Anton Bettelheim. Er hatte in den Kriegstagen 1870 als Jüngling den Dichter kennengelernt. Er ist sein bester Kenner und sein warmer Freund geworden. Den feinsinnigen Ausführungen sei folgendes entnommen. Die Auerbachlinde ist ein Sinnbild seines Schaffens und Fortwirkens gewesen: sie schlug immer tiefere Wurzeln im heimischen Erdreiche und trug in ihrer Blütezeit weithin ihre lieblichen Düste. Aber eines Tages fehlte die Inschrift, „Auerbachlinde". Wetterstürme hatten die Buchstaben unkenntlich gemacht. Aber auslöschen konnten sie sie nicht. Die Tafel wurde erneuert, und heute erhebt sich der Linde gegenüber das gewaltige Haupt des entschlafenen Denkers und Dichters. Und verdient hat er dieses Denkmal. Die Schwarzwälder Dorfgeschichten gehören zum festen Bestand deutscher Volksschriften. Auerbach wollte wie unsere großen Epigonen das Volk veredeln und die Geister befreien. In seiner Heimat ruhten die Wurzeln seiner Kraft, da war auch zugleich die Heimat seines besten Schaffens. Die deutscheBauernschastund das deutscheJudentum, die beiden Welten seiner Nordstekter Heimat, sie gewannen Einfluß auf sein empfängliches Dichtergemüt, sie bildeten den fruchtbaren Nährboden seiner Geschichten. Noch nicht mündig, steht der kleine Berthold am Versöhnungstage in der Nordstetter Synagoge. Stundenlang hielt er darin aus. Aber es war ihm bang und schwül unter den Männern in ihren Totenkleidern in der dumpfen, stickigen Luft, in der Hunderte von Wachskerzen brannten und knitternd schwelten. Es trieb ihn hinaus. Es war draußen ein Heller Herbsttag, er läuft über Felder und Wiesen zum Neckar. Dort sieht er ein Bauernmädchen im roten Rock Gras mähen, und sie sang dabei ein helles Lied. Der Gegensatz der Welt zog dem Kleinen voll durch den Sinn. Er hatte absichtslos beim Hinstarren und Hinhorchen eine Tannennadel zerbissen und damit sein freiwilliges Fasten gebrochen. Er kehrt eilends zu den Seinen zurück und kommt zur Synagoge, als man das ergreifende Schlußgebet verrichtet. Dieser Doppelklang von Synagogenmelodie und Volkslied tönt auch durch sein Schaffen. Synagogenlied und Volkslied wechseln vor seiner Seele und beide gewinnen Gewalt über ihn. Er hat den Zwiespalt zwischen beiden nie anders gelöst als an jenem Versöhnungstage: Er wurde den Seinen nicht untreu und hat dem einheimischen Menschenschlag der deutschen Bauernschaft die Treue gehalten. Seine Erstlingsromane lassen die Jugenderinnerungen aus dem Elternhause, aus der Synagoge wieder neu aufleben und seine schwäbischen Dorfgeschichten schildern das erste bis letzte Bauernhaus in Nordstetten. Unzählig fast ist die Reihe seiner Nachfolger. Und doch haben die Klaffen- und Nassenkämpfe des ersten Jahrzehnts im neuen Deutschen Reich den Idylliker irre gemacht an seinem Lebenswerk, an seinem Streben nach wahrer Menschlichkeit und Duldung. Erst der Besuch der Spinozastätten in Holland, auf dem er Rembrand, Hals und andere Darsteller des Volkslebens kennen gelernt hat, zeigte ihm, daß er doch das Rechte getroffen. Diese Künstler waren ihm verwandt, ihr Kunstevangelium das seinige, und er kleidet seine und ihre Ueberzeugung in die Worte: „Diese Kunst ist Freude am Leben und das soll doch das ernste Streben aller Kunst sein". Dieses künstlerische Glaubensbekenntnis ist dasselbe, wie wir es bei Schiller, Lessing, Herder und Goethe finden. Auerbach sagte von Hebel: „Er hat eine Jugend voll Armut und Verlassenheit durchlebt und er blieb ein Menschenfreund bis an sein Ende". Genau dasselbe rühmte Rosegger von^Auerbach: „Die Wurzel von Auerbachs Größe ist lein unzerstörbarer Optimismus, der seinen Schriften etwas Klassisches, seiner Poesie etwas rührend Kindliches gibt. Er ist kein universaler Kopf, aber ein Weltherz gewesen, das arm undreich, hoch und niedrig den Sieg des Wahren und Guten predigte. Es wäre verhängnisvoll für Volk und Vaterland, wenn die Apostel solcher Gesinnungen unzeitgemäß oder vergeffen werden könnten." Auerbachs Persönlichkeit ist aus der Entwicklung des deutschen Volkslebens des 19. Jahrhunderts, seine Dorfgeschichten aus der deutschen Literatur nicht wegzudenken. Die seltene Seelengüte und die flammende Menschenliebe Auerbachs wird unsere Zeitgenossen und die künftige Generation laben wie milder Sonnenschein dieses strahlend schönen Maientages. Die zahlreich anwesende Auerbachgemeinde gab durch herzlichen Beifall ihrer Uebereinstimmung mit den Worten des Redners Ausdruck. Geheimer Hofrat, Professor Dr. Güntter, der Vorsitzende des Denkmalkomitees, übergab das schöne Denkmal dem Brunnenverein in Cannstatt. Am Fuße des Denkmals häuften sich dann die Lorbeerkränze zum Zeichen herzlichen, dankbaren Gedenkens. Die beiden Söhne des hier ganz besonders populären Dichters zollten zuerst den Tribut kindlichen Gedenkens. Dann folgten herrliche Kranzspenden vom „Schwäbischen Schillerverein", vom Cottaschen Verlag als treue Hüterin des Denkmals, das er sich selbst gesetzt hat, vom „Literarischen Klub Stuttgart", von Wien Palme und Lorbeer als Zeichen des Friedens und des Sieges. Besonders frisch klangen die Worte, mit denen der Sprecher der Tübinger Burschenschaft „Germania" den Kranz am Denkmal ihres Alten niederlegte. Stand doch Auerbach mit seiner Burschenschaft im vordersten Treffen bei den Kämpfen zwischen einem nach Freiheit ringenden Volk und einer kurzsichtigen, reaktionären Negierung. Mit einer zweimonatlichen Festungshaft mußte Auerbach seine politische Ueberzeugung büßen. Der Sohn seines treuen Freundes Jakob Auerbach, Ernst Auerbach, begleitete das Zeichen der Dankbarkeit seitens der „Loge zur ausgehenden Morgenröte" in Frankfurt mit den Worten: „Dem ernsten Denker, der sein Lebenlang gerungen nach Licht und Wahrheit, dem feinsinnigen Dichter, dem wackeren Menschen, dem unermüdlichen, edlen Kämpfer für echte und wahre Humanität." Lehrer Grünfeld widmete als Vertreter des Geburtsorts des Dichters dem Gefeierten einen Kranz. Den Schluß bildeten der Berthold Auerbach-Verein Stuttgart, und ein Anverwandter der Familie. Ueber eine Stunde hatte die Weihefeier gedauert, in welcher gefeiert worden der Mann, der wie „eingewurzelt erschien in das eigentliche deutsche Volksleben", der Mann, der aber auch mit seinem Optimismus, mit seinem unzerstörbaren Glauben an den Sieg der Gerechtigkeit, an die Menschheit, mit seinem Glauben an die messianische Idee, an das Reich Gottes aus Erden fest eingewurzelt war im Judentume. Das gemeinsame Essen der Festteilnehmer war von zirka 50 Personen besucht. Noch manches ernste und schöne Wort wurde dort dem Gedächtnis des Dichters gewidmet, so daß erst in vorgerückten Nachmittagsstunden die stimmungsvolle Feier ihren schönen Abschluß fand. Möge das Denkmal in seiner herrlichen Umgebung dem stillen Wanderer den Namen unseres schwäbischen Erzählers künden und-möge es in seiner bestimmten, ausgeprägten Gestalt ihn Hinweisen aus eine große Persönlichkeit, auf den Schöpfer der lebenswahren Idylle.