Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1909)
- Date
- 1909-06-11
- Page
- Seite 279 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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WWWM "'"t L79 Samyslowski, Vertreter der russischen Bevölkerung im Gouvernement Wilna, Gehilfe des dortigen Staatsanwalts, sprach so heftig, daß ihn der Vorsitzende mehrfach zur Ordnung rufen mußte. Er erklärte, sich aufrichtig zu freuen, wenn so wenig Juden als möglich im Heere dienten, „da sie diesem nur zur Schande und Schaden gereichten, durch Feigheit, Mangel an Mannszucht und als politische Aushetzer." Man müßte sie daher aus dem Heere entfernen', natürlich gegen Geldzahlung. Der gleichfalls der Rechten angehörende Berichterstatter Chwoschtschinski, höherer Beamter im Landwirtschaftsministerium, erklärte dem Vorredner, daß die Judenfrage nicht Sache der Landesverteidigung sei, vielmehr eine innere Landesfrage. Das Verhalten der Juden bei der Einberufung zum Heere wäre dadurch hervorgerufen, daß sie in allen ihren' Rechten beschränkt seien. Diese Erklärung rief einen derartigen Entrüstungssturm aus der Rechten hervor, daß der Vorsitzende Chomjakow die strengsten Maßregeln androhte, unter dem Beifall der Linken. Aus anderen, wenngleich gemäßigteren Reden ging leider auch der tief eingewurzelte Haß gegen die Juden hervor, wie er kaum bei anderer Gelegenheit und an solcher Stelle zur Sprache gekommen und wohl in keinem anderen Lande vorhanden sein dürfte. Dagegen konnten die freisinnigen Elemente kaum aufkommen. Trotzdem gelang es diesen, das Schlimmste abzuwenden und die völlige Un Haltbarkeit der gegen die jüdischen Soldaten vorgebrachten Verleumdungen nachzuweisen. Zum Schluß wurde der Antrag der gemäßigten Rechten angenommen, die sich dem Kriegsdienst Entziehenden mit einer Kriegssteuer zu belegen, die als Unterstützung für die bedürftigen Angehörigen eingezogener Rekruten verwendet werden soll. Auch der Gesetzentwurf über die Glaubensfreiheit, der der Duma jetzt vorliegt, wird den Juden nichts Gutes bringen. Hat doch Herr Stolypin schon in der Eröffnungsrede davor gewarnt, die orthodoxe Kirche mit „Heidentum, Mohammedanismus und Judentum" auf eine Stufe zu stellen!' Folgerichtig erklärte darauf der Führer derRechtenderDuma, Markow, wenn man den Orthodoxen den Uebertritt zu anderen Konfessionen gestatten würde, so wäre das ebenso, „als wenn man den Besuch öffentlicher Häuser und Schnapsbuden für erlaubt erklären wollte;" der Staat müsse vielmehr gerade im Gegenteil die Bekehrung aller zur Religion der Mehrheit anftreben! Leider drohen den russischen Juden jetzt auch von anderer Seite neue Beschränkungen. Wie aus Petersburg berichtet wird, hat das Kabinett den Regierungsentwurf für das Gesetz über die Semstwowahlen begutachtet. Der Entwurf schließt die Juden vom Wahlrecht aus. Sie dürfen weder in Kreiselt noch in Regierungsbezirken mit Selbstverwaltung Abgeordnete werden. Ob die Duma diese Beschränkungen gutheißen wird? & Auch in Amerika stellen die politischen Zeitungen mit Vorliebe jüdische Uebeltäter an den Pranger, während sie bei Nichtjuden deren Konfession wohlweislich verschweigen. Diese die Juden in der Achtung ihrer Mitbürger herabsetzende Tatsache hat den Präsidenten des Bnai Britb-Ordens, Rechtsanwalt A. Kraus, veranlaßt, bei der Direktion des offiziellen Telegraphenbureaus der amerikanischen Preßvereinigung Beschwerde zu erheben, mit dem Erfolge, daß die Zentralleitung ihre Agenten anwies, .in Zukunft die Angabe des Religionsbekenntnisses bei allen Gesetzesübertretern zu unterlassen, uamentlich wenn die Konfession mit dem Delikt nicht das mindeste zu tun hat. Die Erlangung dieser Verfügung nennen die „B'nai B’rith News“ mit Recht „einen großen Sieg". In Deutschland haben wir einen solchen Sieg noch nicht gefeiert, obwohl wir Anlaß genug zum Kampfe | hatten. Erst jüngst haben sogar liberale Blätter sich von den ' Verfehlungen des „jüdischen Hauptmanns Marix" telegraphieren * lassen — als aber wenige Tage später die Marineskandale des Herrn Dupont berichtet worden, fiel es natürlich keinem dieser Blätter ein, dessen Konfession anzügeben. Oder sollte dies vielleicht am Ende gar ein Kompliment für die Juden sein? Wir wundern uns in der Tat, daß noch kein Antisemit auf diese Idee gekommen ist. * Der amerikanische Staatssekretär des Aeußern hat soeben eine Sammlung von Dokumenten betreffend den Anteil der amerikanischen Diplomatie an der Marokko ko nferenz veröffentlicht. Aus diesen Dokumenten geht hervor, daß die Delegierten der Vereinigten Staaten in der Konferenz auch die Judenfrage zur Diskussion stellten und im Namen ihrer Negierung die Forderung vorlegten, daß in das Marokko- Abkommen ein Punkt ausgenommen werde, wonach den Juden in Marokko volle Gleichberechtigung zugesichert wird. Dieser Antrag wurde jedoch abgelehnt. Die Konferenz einigte sich bloß dahin, daß der Wunsch ausgesprochen werde, daß die Juden in Marokko in Hinkunft eine bessere Behandlung erfahren mögen. Aus den Dokumenten ist ferner ersichtlich, daß die amerikanischen Delegierten, die sich anfangs mit allem Nachdruck für die Gleichberechtigung der marokkanischen 7 Juden eingesetzt hatten, schließlich diese Forderung selbst fallen ließen. Diese Wendung wird damit erklärt, daß die englischen und französischen Diplomaten auf ihre amerikanischen Kollegen einwirkten und sie baten, die Frage.fallen zu lassen, um durch das „Aufwerfen nebensächlicher Fragen" nicht die Hauptsache - zu gefährden. Ueberdies versicherten die englischen und französischen Delegierten, daß die judenfeindlichen Gesetze in Marokko mehr aus dem Papier als in der Praxis bestünden, was allerdings leider nicht der Fall ist. Auch in der russischen Paß frage scheint die amerikanische Diplomatie keinen Erfolg zu haben. Zunächst befürchtet die russische Negierung, daß im Falle der Anerkennung der Pässe voir amerikanisch-jüdischen Bürgern, zahlreiche Juden bloß zu dem Zwecke nach Amerika fahren würden, um dort das Bürgerrecht zu erwerben und dann mit amerikanischen Pässen versehen nach Rußland zurückzukehren, sich daselbst ständig niederzulassen und die Rolle amerikanischer Bürger in Anspruch zu nehmen. Außerdem hat die russische Negierung das Bedenken, daß die Anerkennung der amerikanisch-jüdischen '; Pässe seitens der übrigen Staaten als Präzedens betrachtet und auch von diesen die gleiche Forderung gestellt werden könnte. Schließlich meint man in Rußland, habe Amerika überhaupt nicht das Recht, eine solche Forderung zu stellen, denn auch in den Vereinigten Staaten werden nicht die Pässe aller Ausländer respektiert, indem auch dort für bestimmte Kategorien, so z. B. bezüglich der Chinesen, Ausnahmsi bestimmungen bestehen. Zur Frage der Gemeinde-Organisation. Berlin, 8. Juni. on allen Seiten gehen uns zu dieser Angelegenheit Beiträge ltnb Anregungen zu. Wir veröffentlichen heute nur die folgenden Mitteilungen: Die Annahme des Antrages Friedemann durch ■ den elften Gemeindetag hat den Entwurf eines Gesetzes betreffend die Verfassung ,