Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1909)
- Date
- 1909-06-11
- Page
- Seite 278 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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278 Uebel erscheint, einfach den. Juden in die Schuhe schoben. Weil der Konservatismus den Liberalismus bekämpft und haßt, wird die liberale Weltanschauung mit dem Signum des jüdischen Wesens stigmatisiert. Weil dieSozialdemokratieden Konservativen als die verkörperte Teufelei erscheint, wird der Sozialismus zu einer „jüdischen" Institution deklariert; kurz alles, was den Herren ein Dorn im Auge ist, wird dem blinden Anhänger als jüdisches Produkt denunziert. Die „Kreuz-Zeitung" erzählt auch, daß sich die jüdischliberalen Blätter heftig über die konfessionellen Friedhöfe aufregen. Sie meint natürlich die politisch-liberalen Blätter, denn die jüdisch-liberalen Blätter regen sich darüber gar nicht auf. Unser Blatt zum Beispiel darf für sich den Titel jüdisch-liberales Organ in Anspruch nehmen, und es wird niemandem gelingen, auch nur eine Zeile in den 73 Jahrgängen unseres Blattes aufzustöbern, in denen etwas gegen die konfessionellen Friedhöfe enthalten wäre. Ebenso vergeblich wäre ihr Suchen in der gesamten jüdischen Presse. Aber wiederum wird hier das kleine Taschenspielerkunststück vollsührt, liberale Blätter einfach zu jüdischen zu stempeln, liberale Organe, die sich niemals anmaßen würden, zu behaupten, daß sie andere als politische Interessen vertreten. Es ist auch nicht einmal richtig, daß dieliberale Organe sich über die konfessionellen Friedhöfe aufgeregt haben. Das geschah nur, wenn krasse Unduldsamkeitsfälle, die mit den konfessionellen Friedhöfen in Zusammenhang standen, zu verzeichnen waren. Wenn die liberale Presse von solchen krassen Unduldsamkeitsfällen auf jüdischen Friedhöfen weniger zu berichten wußte, so lag dasnicht an einer Rücksichtnahme der liberalen Presse, sondern , daran, daß solche Fälle auf jüdischen Friedhöfen eben nicht s zu verzeichnen waren. Daran hat in der Tat die Pietät schuld, die wir jedem fremden Glauben entgegenbringen. Lächerlich aber macht sich ohne weiteres jeder ernste Kenner unserer politischen Zustände, der sich die scherzhafte Bemerkung leistet, daß die „Synagoge als ein unerschütterlicher Turm" in dem Chaos der „Aufklärung" erhalten bleiben solle. Ein Blick in die jüdischen Blätter kann jeden Unbefangenen lehren, wie schlecht es leider Gottes mit der Festigkeit der Synagoge bestellt ist, wie sie nichts weniger als ein unerschütterlicher Turm ist; und ein Blick in die antisemitischen und konservativen Organe, die den Ton zur Musik angeben, kann auch den Blödesten belehren, wie es heute um die „Aufklärung" in unserem Geschlecht bestellt ist. Die Mache. Berlin, 8. Juni. Theodor Barth, der am 3. d. M. verschieden ist, haben die deutschen Juden einen, wahren und aufrichtigen Freund, einen warmen Fürsprecher ihrer Sache verloren. Seit Beginn der antisemitischen Bewegung stand er in der vordersten Reihe derer, die gegen diese in Wort und Schrift ankämpften. In dem großen Rahmen seiner kosmopolitischen Lebensarbeit mögen diese Kämpfe an sich klein erscheinen, für uns aber sind sie bedeutungsvoll und unvergeßlich. Einem Manne wie Barth, dessen humane und freisinnige Lebensanschauung geradezu vorbildlich erscheinen muß, war ja der ' Haß gegen die Juden von vornherein im tiefsten Grunde unsympathisch. Mit seinem starken Temperament und seinem scharfen Verstände erkannte er auch sofort den tieferen Kern dieser Bewegung. „Der Antisemitismus", so sagte ec schon vor 15 Jahren, „ist eine Art Sozialismus der Junker, von den Junkern und für die Junker. Das Nationale und Religiöse dabei ist nur Hülle und Schein. Die kleinen Junker sind durch die moderne Entwicklung in das Verderben gedrängt und dem Untergang bestimmt. Sie vertragen sich mit den Tendenzen der ökonomischen Entwicklung nicht. Ihr Verfall ist unaufhaltsam. Natürlich ergeben sie sich nicht ohne Widerstand, sondern wehren sich nach Kräften, was freilich nichts helfen wird, weil der Drang der ökonomischen Prozesse unwiderstehlich, unüberwindlich ist. Daher ihr Hatz gegen diese Entwicklung, die sie tötet — und der handgreiflichste Ausdruck dieser Entwicklung ist der Jude. Daher ihre heftige Begierde, sie um jeden Preis zu hemmen und gewaltsam zu verzögern, indem sie die Macht des Staates gegen sie mißtrauisch machen und auf die Seite der Vergangenheit bringen möchten —und das beste, Mittel die Macht des Staates von der Entwicklung abzuschrecken, ist wieder der Jude, die Hetze gegen die Juden. Es ist ganz natürlich, daß sie die -Juden hassen, weil die Juden fstr sie gleichsam ein Symbol der verhaßten Zeit sind, die ihr Ende bedeutet. Es ist ganz praktisch, daß sie gegen die Juden hetzen, weil nur Aufruhr und Tumult im Pöbel die Macht des Staates vielleicht ängstigen und in der natürlichen Entwicklung beirren kann. Die richtigen Katilinarier, die Ausruhr, Lärm und Verbitterung brauchen, um im Trüben zu fischen. Ob darüber der Frieden des Landes verdirbt, ja selbst das Königstum, das sie doch immer im Munde führen, in Gefahr kommt, das ist ihnen gleichgültig. Sie wollen immer nur den eigenen Vorteil, sie brauchen Verwirrung, Unzufriedenheit und den Schein wachsender Empörung in den Massen." So sprach Theodor Barth schon vor mehr als einem Jahrzehnt. Als Mann der Tat und der politischen Entschlußkraft hatte er auch während seines ganzen Lebens diese Bewegung mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln bekämpft. Einer der Begründer des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus", übernahm er 1902 nach dem Tode des unvergeßlichen Rickert den Vorsitz in diesem Verein und arbeitete auch in diesem Amte mit dem Eifer und der Energie, die ihm zu eigen waren. Mögen sie sich jetzt über seine politische Bedeutung immerhin streiten — wir stehen trauernd an der Bahre eines der besten deutschen Männer, dessen Andenken wir stets in treuer Erinnerung bewahren werden. £ Die „Deutsche Tageszeitung" läßt sich aus Rom von ihrem dortigen Berichterstatter die folgende Tatarenbotschaft telegraphieren: „Wie die Zeitungen melden, hat die Türkei ein Abkommen mit jüdischen Engländern, vertreten durch Rotschild, abgeschlossen, betreffend die Ueberlassung des Ostteiles des Vilajet Tripolis an die Jewish Territorial Organisation zwecks Besiedelung und kommerzieller Ausnutzung. Die Erwerber werden unterstützt von der englischen Negierung und zahlen eine Milliarde Franken zur Ablösung aller türkischen Rechte. Ter Ostteil von Tripolis würde eine unabhängige Provinz. Durch dieses englische Vorgehen, das dem italienisch-englisch-französischen Mittelmeervertrage widerspricht, werden Italiens vitalste Interessen verletzt. Hier herrscht darob stärkste Verstimmung gegen England und gegen die Türkei. In der Kammer erwartet man baldige Erklärungen der Regierung." Es versteht sich von selbst, daß die ganze Nachricht von A bis Z unrichtig ist. Der famose Berichterstatter oder dessen Gewährsmann hat wahrscheinlich etwas von dem Cyrenaika- Projekt der 1. 1'. 0. läuten gehört, weiß aber nicht, daß dieses Projekt bereits begraben ist und auch niemals so weit gediehen war, als es nach der obigen, tendenziös zugespitzten Mitteilung den Anschein hätte. £ Wir haben schon über die Sitzung der russischen Duma berichtet, in der über die Ergebnisse der letzten Rekrutenaushebung gesprochen wurde und die Rechte wahreOrgien des Juden- ' Hasses gefeiert hat. Der dieser Partei angehörende Abgeordnete