Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1909)
- Date
- 1909-06-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228877--65611-3277746- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 11. Juni 1909. 73. Jahrgang. Nr. 24. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Redakteur: Gustav' Rarxeles. Begründet von Rabbiner D»- Ludwig Philipxson Verlgzs-LxpeMoll: Berlin, Jerusalemer Sir. 46/19. X Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße ^6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. Der „jüdische" Vater. . Berlin, 8. Juni. ie krausen Gedankengänge des Antisemitismus treten immer sofort in Aktion, sobald sie irgendwo, irgendwann und irgendwie uns das Wort „Jude" stoßen. Da hat neulich eine politische Montagszeitung so nebenbei die Bemerkung gemacht, daß der Vater des bekannten sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Hoffmann, des sogenannten Zehn-Gebote-Hoffmänn, Jude gewesen sei. Diese Mitteilung wurde von dem Betreffenden selbst im Parlament sehr grob und entschieden dementiert. Aber die „Kreuzzeitung" die doch auf vornehme Formen ein gewisses Gewicht legt, hatte bereits diese Meldung dazu benutzt, um einen rassenantisemitischen Ausfall gegen die Juden zu inszenieren, der umso peinlicher wirkt, als er sein hetzerisches Gepräge offen zur Schau trägt. Das Blatt arbeitet dabei nach der bekannten Methode : das, was ihm nicht gefällt, was seinen Aerger und Zorn erregt, einfach zu einem Erzeugnisse des Judentums zu stempeln. Herr Hoffmann ist bekanntlich ein radikaler Gegner jeder positiven Religion, nicht nur des christlichen Glaubens, sondern, ebenso sehr des jüdischen. Das hat er erst kürzlich betätigt, als er in der Schlachthofdeputation zu Berlin, der er als Stadtverordneter angehört, den direkten Antrag auf Verbot des Schächtens nach jüdischem Ritus im Berliner städtischen Schlachthof stellte. Wer indeffen unter den Juden etwa auf die Vermutung gekommen wäre, daß diese feindliche Gesinnung gegen das" jüdische Ritualgesetz seitens des Herrn Stadtverordneten Hoffmann darauf zurückzuführen sei, daß er als „Christ von einem natürlichen Haß" gegen die Juden beseelt sei, den hätte man einfach ausgelacht, und zwar am lautesten innerhalb der jüdischen Kreise. Herr Hoffmann wettert aber auch gegen das Positive Christentum, und da die „Kreuzzeitung" nun die Mär erfährt, daß der Vater des Herrn Hoffmann Jude gewesen sei, knüpft sie an die „bewährten" Traditionen an und leistet sich die folgende Pückleriade: ,pDie fanatische Agitation, die der Abgeordnete Hoffmann gegen das Christentum betreibt, läßt sich vielleicht dadurch erklären, daß sein Vater, wie neulich ein Berliner radikales Montagsblatt berichtete, ein Jude war. Vielen Juden steckt ja die Abneigung gegen das Christentum tief im Blute und bei jeder Gelegenheit suchen sie diesem Gefühl Ausdruck zu geben, mehr als die Freidenker von deutsch-christlicher Abstammung. Innerhalb des Gebietes der christlichen Kirche soll alles nivelliert werden. Von Zeit zu Zeit regen, sich die jüdisch-liberalen Blätter heftig über die religiösen Friedhöfe aus; nur gegen die jüdischen Friedhöfe sagen sie ' kein Wort. Die Synagoge-soll als ein unerschütterlicher Turm in dem Chaos der „Aufklärung" erhalten bleiben." Die „Kreuzzeitung" huldigt hier also wieder einmal dem radikalsten Rassenantisemitismus. Dabei vergißt sie, daß, wenn man dem Rassenantisemitismus irgendeine Begründung beimißt, sie selbst ein Judenblatt genannt werden müßte. Denn der Vater jener konservativen Weltanschauung, deren sie zu sein sich rühmt, war ein Jude, der Jude. Stahl, von dessen geistigen Brosamen die gesamte, konservative Partei sich noch heute ' nährt. Diesem Juden Stahl „steckte die Abneigung gegen das Christentum" offenbar so tief im Blute, daß er die „allerchristlichste" Partei ins Leben rief, die jetzt der roch er de bronce des Pietismus ist. Wenn die „Kreuz-Zeitung" von einer „Abneigung gegen das Christentum" spricht, so hat sie insofern nicht Unrecht, als nicht viele Juden, sondern sehr viele Christen jenem Christentume, wie sie es vertritt, nicht besondere Sympathien entgegenbringen. Das. ist nicht weiter verwunderlich, denn diesen Leuten gelten am Ende noch Folter und Inquisition als zeitgemäße Machtmittel, die man noch heute den Hütern des „rechten Glaubens" zuerkennen müsse. Jenes echte Christentum dagegen, das in Anknüpfung an seinen Ursprung Leben und Lehre in Einklang zu bringen sucht, begegnet ganz gewiß keinerlei Abneigung seitens auch nur eines deutschen Juden, der nur das wünscht, daß man ihn nach seiner Fasson als Jude selig sein lasse. Die „Kreuz- Zeitung", die alles, was nicht ihrer Art und ihres Wesens ist, am liebsten mit Feuer und Schwert ausrotten möchte, deren Abneigung gegen die israelitischen Mitbürger so weit geht, daß sie ihnen selbst die geschriebenen und verbrieften Rechte vorenthalten möchte, die hat am wenigsten ein Recht, von der Abneigung der Juden gegenüber dem Christentume zu sprechen. Welche Tatsachen können denn für diese ungeheuerlichen Behauptungen angeführt werden? Herr Hoffmann ist dem Religionsbekenntnis und der Abstammung nach einer der ihrigen, so gut oder so schlecht wie jene hunderte und tausende von Renegaten, um deren Zuführung zum Christentum sich die Missionare bemühten, die mit Prämien von Staatswegen bedacht wurden, weil sie dem Glauben ihrer Väter entsagten und ihre „Abneigung gegen das Christentum", die ihnen allen ja im Blute stecken soll, überwanden. Wenn man auf dem Raffen-Antisemitenftandpunkt steht, dann darf man nicht die Mission unter den Juden gutheißen, dann muß man mit uns Schulter an Schulter dagegen kämpfen, daß auf die Taufe des Juden die Prämie von Aemtern und Würden gesetzt werde. Aber es ist nicht wahr, daß irgend einem deutschen Juden der Haß gegen das Christentum im Blute steckt. Es ist eben ein altes Taschenspielerkunststück, das schon die Ahlwardt und Pückler viel gewandter vollführten, daß sie die schlechten Taten der Renegaten, ja daß sie alles, was ihnen politisch, sozial gesellschaftlich, wirtschaftlich von