Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- Seite 276 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Exzesse. In Saloniki wurden 700 Mädchen-und Knaberr, allesamt unter 12 Jahren, miteinander verheiratet, denn die noch nicht geborenen Seelen, welche in ihnen ruhten,-wollte man so schleunig als möglich Körper werden lassen, damit sie sich ebenfalls der Messias-Epoche erfreuen könnten. Zweifler, welche es wagten, ihre schüchternen Einwendungen gegen Sabbatais Sendung laut werden zu lassen, wurden gemißhandelt. In Portoferrajo auf der Insel Elba wurde ein armes Schneiderlein plötzlich von Krämpfen befallen und verkündete Sabbatais Ankunft. In Hamburg griffen die ältesten Mitglieder der Gemeinde nach den Thorarollen und sprangen und hüpften mit denselben, wie von der Tarantel gestochen, um die Synagoge herum. In Avignon rüsteten sich sämtliche Juden zur Wanderung, um für die Reise nach Jerusalem jeden Augenblick bereit zu sein. Eine Sage ging,- daß an den Küsten Schottlands ein Schiff mit seidenen Segeln und Tauen erschienen sei, welches von hebräisch redenden Schiffsleuten geführt worden wäre. Ja selbst Spinozas christlicher Freund, der gelehrte Heinrich Oldenburg, hatte Mühe,' sich dem allgemeinen Wahnwitze zu entziehen. Inzwischen erreichte Sabbatai die Dardanellen, nach stürmischer Fahrt, auf welcher er die Wellenbezwungen, erzählten seine Begleiter. Tausende neugieriger Juden und Türken harrten auf dem Landungsplätze. Als er aus dem Schiff gestiegen war, begrüßte ihn der wachhabende Pascha zunächst mit etlichen schallenden Ohrfeigen. Dann ließ er ihn ins Gefängnis werfen. Man behandelte ihn als Staatsgefangenen, mit geziemender Schonung; aber allmählich wurde dem Messias die Kerkerluft widerwärtig, insbesondere, als man ihm kundtat, daß es im Werke sei, ihn wegen wiederholter Majestätsbeleidigung vom Leben zum Tode zu befördern. „Ich gehe zum Islam über, wenn Ihr mich loslaßt," rief er seinen Gesangenwärtern zu. Und diese meinten, dies sei in der Tat der beste Abschluß der burlesken Mesfiade. Mit großer Feierlichkeit erfolgte sein Uebertritt. Er hat später auch noch, hinter dem Turban verborgen, danach gestrebt, seine Komödie sortzusetzen. Aber wie Wellen vor der Ebbe verliefen sich die Scharen seiner Anhänger und als er im Jahre 1676 starb, war er schon längst verschollen. Sieben Jahre nach Sabbatais Tode begann die Wendungin deren Folge die Türkei von dem Gipfel ihrer Macht herunterglitt. Seitdem ist manchmal auch den Juden, welche unter dem Halbmond wohnendas Leben zur Qual gemacht worden. Aber nicht der Staat bedrückte sie und auch nicht der fremde Glaube. Nur geldlüsterne Provinzpaschas waren es, die sie aussogen, und, wenn sie von Opfern erschöpft waren, blutig peinigten. Wenn die öffentliche Ordnung sich lockert, so sind es überall zuerst die Juden, denen die Mißwirtschaft fühlbar wird. Das letztemal, als von den türkischen Juden eine Kunde durch die Welt ging, war es ein trauriger Anlaß. Von Damaskus ertönte ihr Hilfeschrei. Mehemed Äli, der gewalttätige und schlaue Aegypter, ließ etliche Schufte gewähren, welche die Fabeln von dem Genuß des Chriftenblutes wieder aufwärmten und furchtbare Judenhetzen veranstalteten. Europa tat, als ob es sich der Verfolgten annähme, aber es tat nur so. Schließlich war es doch nur der zartsinnige Sultan Abdul Meschid, welcher dem Greuel ein Ende setzte. Aber gerechtigkeitshalber muß man sagen, daß es nicht Türken waren, welche den blutigen Skandal anzettelten, sondern einige nichtsnutzige Individuen, welche das Abendland ausgespieen hatte. Ihr seht nun, daß die Juden sich über die Türken nicht zu beschweren haben. Man sperrte sie daselbst niemals von ggissisisi der Berührung-Mt den - übrigen Menschenkindern ab) denn in der Türkei wardas Ghetto ^eine unbekannte Sache.' Als-Noch im Jahre 1516 die Republik Venedig ihren jüdischen Bewohnern einen abgesonderten - Pferch anwies, genoß Israel bei - den Jsmaeliten -eine wohlwollende -und duldsame- Gastfreundschaft. Auch die äußerliche Demütigung wurde ihnen' erspart,- 'denn man zwang sie nichtmit dem Radfleck aufden: Gewände und dem gelben Spitzhut auf dem.Haupte durch die Gaffen zu schreiten,. sowenig, als man ihnen jemals in Stambul -oder Salonich auf' offenem Markte den Talmud verbrannte. Sie gaben und empfingen, wie es die Menschenliebe' befiehlt, nicht der finstere Glaubenshaß?- Mosche Christ' war fertig mit seiner Erzählung. Ich hatte ihn nicht unterbrochen und blieb auch nach deren Beendigung still und nachdenklich. Wenn alles, was der alte Vorsänger mir berichtet hatte — und ich habe ihn nur verdeutscht -- in der Tat der geschichtlichen Wahrheit entsprach, so lohnte es sich, danach zu forschen, weshalb das Schicksal der Juden in der Türkei sich um soviel günstiger gestaltet hat, als in dem unzweifelhaft humaneren Abendlande. Es ist gewiß, daß das Beste und Tiefsinnigste am Koran von jüdischen Mitarbeitern Mohammeds herstammt. Aber Mohammed war, wenigstens in seinen alten Tagen, kein Freund der Juden. Sein Beispiel also hat den Kalifen schwerlich die Duldsamkeit gelehrt. Woher aber sonst die merkwürdige Erscheinung? Haben die Juden mehr Haß im Abendlande verdient als im Morgenlande? Gewiß nicht; wenigstens solange nicht, als der Talmud die gemeinsame Richtschnur ihrer Lebensführung war. Sie machten sich nirgends als aufdringliche Proselytenmacher widerwärtig, denn im Talmud steht: „Verpflanze dein Mißtrauen gegen Proselyten bis auf deren zehnte Generation." Sie mißbrauchten auch nirgends durch staatsfeindliche Umtriebe die Gastlichkeit. „Fördert das Wohl der Stadt, in welcher ihr lebt," gebietet der Talmud, indem er hinzusügt, die Landesgesetze, seien für den Juden, wo er immer sei, nicht minder bindend als die eigenen Gesetze. Wodurch aber fielen sie dennoch dem Hasse der Völker anheim? Man ist geneigt, der Rassenverschiedenheit einen verderblichen Einfluß zuzuschreiben. Und in der Tatein Blick - auf die Wohlfahrt Israels in-der Türkei bekräftigt diese Meinung. Aber es ist, wie mich dünkt, nicht genug an diesem Argumente. Die Glaubensverschiedenheit bietet ebenfalls nur eine teilweise Erklärung. Sie hatte wenigstens in dem Verkehr zwischen Türken und Juden den Haß und Fanatismus nicht zur Folge, wenn sie auch in den germanischen und romanischen Ländern, von der Geistlichkeit ausgebeutet, in der Weltgeschichte die blutigsten Schandmale aufrichtete-und auch in Polen der Toleranz auf die Fersen trat, seitdem in Krakau und Warschau die Jesuitenrobe unter dem Hofstaat figuriertes Das mißleitete Nationalgefühl war es, welches Scheiterhaufen ausschichtete und Synagogen anzündete in jenen Tagen, in welchen es durch die Bildung noch nicht gezügelt - wau. Die Türken empfinden sich nicht als Nation sondern als "Glaubensgemeinschaft. Die Juden sind keine Nation. Deshalb fehlten zwischen beiden die Anlässe zu feindseliger Reibung. Wo Nationalität und Glaube miteinander ringen, verhüllt der Geniusder Menschheit sein Haupt, denn nur die Gewalt kann in diesem Kampfeentscheiden. Zwischen Glaube und Glaube richtet, wenn nicht ruchlose Hände die Flammen schüren, die Liebe. . - ' Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin. ... äs