Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- Seite 275 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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275 doch, wenn tiefe Köpfe so jäh auf Abwege geraten. Da fitzt ein bleicher, hagerer Mann, vertrocknet und entkräftet im andauernden Talmudstudium; feine'Augen glühen und feine Hände zittern, aber wie ein Zucken von heimlichem Feuer geht es durch seinen Leib, so oft er feine dunkeln Formeln vor sich hermurmelt. Draußen flutet heiter das Leben, die Natur strahlt in ihrem Frühlingsgewande, und der Himmel ist blau. Der Aermste aber rechnet und rechnet, stellt die Buchstaben in den Wörtern künstlich um, bis er zu wissen meint, wie lang die Arme Gottes sind, wieviel'Meilen weit sein Atem reicht, wie lange er schläft und wann er wacht. Der Schelm ist ein Kabbalist. Schließlich erfaßt ihn ein Taumel, der ihm alle Besonnenheit fortschwemmt. Er beginnt zu tanzen vor Verzückung, sinkt in Ohnmächten vor Müdigkeit, führt unverständliche Redensarten wie ein Wahnsinniger. Er hat eine Braut gefunden für Gott und frohlockt, indem er sie ihm. vermählt; er hascht an den Wänden umher nach Schattenbildern, die ihm gute Geister, Lichtstrahlen von Gottes Wesen zu sein dünken. Im Orient, wo die Sonne heißer brennt und das Blut stürmischer durch die Adern der Menschen rollt, sind solche Schelme häufiger als im Abendlande. Und auch die Gläubigen sind zahlreicher. Der vermeintliche Zauber hat eine ansteckende Kraft. Wie schnell ist eine Sekte gebildet, welche dumm und willig hinter einem solchen Wundermanne herläust! Das aber ist jedwedes Glaubens Verderbnis, wenn er zersplittert, verunstaltet, gemißbraucht, in eitlen Sektenwahn entartet. Und deshalb bleibt es bei allem Glück, welches dem Judentums in der Türkei widerfuhr, doch wieder ein namenloses Unglück für dasselbe, daß soviele Schwärmer unter der Sonne des Morgenlandes gediehen. Was wollt Ihr mehr? Ein Mann wie Joseph Karo, gepriesen als tiefster und scharfsinnigster Kenner des Talmud, wurde schließlich Kabbalist, und Männer' wie Salomon Lurja, Salomon Molcho, Vital Calabrese, die nicht wert waren, ihm die Schuhriemen zu . lösen, thronen neben ihm in der Erinnerung des Judentums, denn die Kabbala macht alle gleich und alle gleich betört. Es ist so leicht nicht, dieses Unwesen zu erklären. Das aber scheint sein vornehmster Inhalt zu sein, daß Gott als meßbarer Körper gedacht und jede seiner Bewegungen berechnet und in Zahlen ausgedrückt wird. Daraus ergibt sich zuletzt eine wunderliche Menschenweisheit, ein Abgrund von unsaßlichen Irrungen. Ein' Beispiel diene zur Klarheit. Der Name Gottes, aus vier Buchstaben bestehend, darf laut eines talmudischen Verbots nicht ausgesprochen werden. Er wird im Gebet durch das Wort „Adonai" ersetzt. Da kommt ein Pseudo-Messias und indem er das Herannahen des ewigen Reiches verkündet, spricht er das „Jahweh" vor allem Volke keck und vernehmlich aus. Denn das Verbot, sagt er, hatte bloß einen Sinn, solange die durch Gott verkörperte sittliche Weltordnung infolge der Bedrängnis Israels gestört war. Jeder Buchstabe bedeute eine der Funktionen Gottes; da diese letzteren aber in der Zerstreuung nicht zur Ausübung kommen, also die Buchstaben, welche ihre äußeren Zeichen sind, gleichsam auseinandergedrängt wurden, so durften sie auch nicht im Vereine miteinander ausgesprochen werden. Weil aber der Messias im Anzuge sei und mit ihm die Tätigkeit Gottes wieder in alter Herrlichkeit sich entfalte, so stehe kein Hindernis mehr im Wege, das „Jahweh" zu sprechen, Das ist eines der harmlosesten Exempel des kabbalistischen Wünderschwindels. Die sonderbarste und namhafteste unter den Messias- Figuren der morgenländischen Judenheit war Sabbatai Zwi, ein Zeitgenosse Spinozas. Er stammte .aus Smyrna/ war schön von Gestalt und ernsthaften Temperaments. Weil er sich stets schon als Jüngling von seinen Altersgenossen absonderte,, mit sich selber Zwiesprache hielt und geflissentlich die Einsamkeit suchte, galt er, kaum zum Manne gereift, bereits als ein apartes Menschenkind. Zu seinem Unglücke fanden sich bald auch müßige Schwätzer, welche ihm zuflüsterten, er sei zu etwas Höherem geboren, und ihn in die mystische Wirrsal der Kabbala einführten. Nun begann das Büßerleben. Zur Winterszeit tauchte er ins Meer hinab, fastete drei Tage in jeder Woche und sang mit einer schönen weichen Stimme, welche ihm die Natur verliehen hatte, traurige Weisen- Den Weibern, die ihm lüsterne Blicke zuwarsen, ging er scheu aus dem Wege. Bald waren allerhand Wundermären über ihn im Schwange. Sein Leib dufte von Wohlgeruch, erzählte man sich, und er sei nicht von dieser Welt, da sich keine Spur von Sinnlichkeit an ihm zeige. Als er das zwanzigste Jahr erreicht hatte, befand er sich — er wußte selbst nicht warum — inmitten einer großen Anzahl von Jüngern, welche begehrten, von ihm in die Mysterien der Kabbala eingeführt zu werden. Da er, als der Sohn eines wohlhabenden Handelsmaklers, um sein tägliches Brot nicht zu sorgen hatte, so stieg ihm der Hochmut zu Kopfe. Und eines schönen Tages stand es in ihm fest, daß nur er ganz allein der Messias sein könne, dessen Ankunft die Kabbalisten auf das Jahr 1666 festgesetzt hätten. Aber vorläufig zählte man erst das Jahr 1648 — was tun, um die Frist zu verkürzen? Sabbata fand ein Mittel; er erklärte, die Erlösungszeit beginne zu tagen. So plump die Komödie war, sie fand ihre Bewunderer. Es gibt Zeiten, wo ein ansteckender Stoff in der Lust zu schweben scheint, vor dessen Wirkungen niemand sicher ist. In dem verständigen Norden sträubt sich das kalte Blut gegen derlei krankhafte Affektionen; im Süden aber kommtdas Temperament dem Miasma aus halbem Wege entgegen. Sabbatais Ruf war schnell bis Konstantinopel und Rom verbreitet. Er zog mit einem zahlreichen Gefolge von Jüngern nach Jerusalem, und man huldigte ihm als dem Sohne Davids. Er setzte seinen Triumphzug nach Kairo fort und auch dort sank die Menge anbetend vor ihm nieder. Man erzählte ihm von einer epileptischen Dirne, namens Sara, welche, von jüdischen Eltern in Polen geboren, aus einem Kloster, in welchem sie sestgehalten wurde, entflohen sei; er ließ sie kommen und vermählte sich mit ihr, weil sie schön und klug genug war, um die Lücke seiner Messianität, die sinnliche Anlockung, auszufüllen. Aber die Kunde von seinen geräuschvollen Länderfahrten kam allmählich nach Konstantinopel, und der Großsultan ward begierig, den Burschen zu sehen, der gepredigt hatte, er sei der Messias und werde alle weltlichen Reiche, auch dasjenige des Khalifen, zerstören. Sabbatai wurde vor den Padischah zitiert. Er machte sich auf den Weg, wie ein Fürst. Als die Juden sahen, daß er sich auch vor dem Khalifen nicht fürchte, war ihr Glauben an seine Messianität entschieden. Und nun begann in Israel, vom Euphrat bis zur Alster und von der Weichsel bis zum Mittelmeere, ein wüstes Bacchanal von Verzückung und Kasteiung, wie es seltsamer sich vielleicht niemals in dem ganzen Bereich der Universalgeschichte wiederholt hat. Tausende von Juden zogen aus aller Welt Enden nach Konstantinopel, um dem Einzug des Messias beizuwohnen. Die Daheimbleibenden fasteten inzwischen, gingen wochenlang nicht zu Bett und badeten im tiefen Schnee. Dann wieder tanzten und sprangen sie frohlockend durch die Gassen, berauschten sich im Wein und versanken in den Schlamm erotischer^