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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-06-04 · Heft 23 (4.6.1909) · p. Seite 274

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 23 (4.6.1909)
Date
1909-06-04
Page
Seite 274 (sequence 10)
Language
German
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Gebetes zu geben, was es ursprünglich war und was es^ geworden. > Das Kaddischgebet hatte weder etwas mit den täglichen, viel weniger-aber noch mit den Totengebeten zu tun; es wurde einzig und allein vom Lehrer oder vom Prediger am Schlüsse des Vortrages zitiert. Die erste Kunde über dieses Gebet stammt aus der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts undwird vom Amoräer Raba (Low 49 a) als „J’he sehmej rabba“ angeführt: „Seit der Zerstörung des Tempels wird die Welt nur durch die Rezitation der Xedduseha und des „J’he“' erhalten." Am Anfänge des 5. Jahrhunderts war es jedoch schon allgemeiner Brauch, im Bethause das „J'he" in hebräischer Sprache zu zitieren. „Das laute Zitieren des „J'he" gewährt dem Menschen Vergebung für seine Sünden und öffnet ihm die Pforten des Paradieses" (Sabb. 119 b). Bis zum Anfänge des sechsten Jahrhunderts ist dieses Gebet unter dem Namen „Kaddisch“ überhaupt unbekannt; als Doxologie erscheint es erst in Masechet1 Soferim XVI, 12. Daß z. B. am Vorabende des Tisch’eh b’ab kein „Kaddisch“ gesagt wird, das. XIX, 1. Merkwürdig ist folgende Stelle: Am Sabbatvorabend versammeln sich die Trauernden in der Vorhalle des Bethauses, nach vollendetem Nachtgebet, treten die Bekannten der Trauernden in die Vorhalle hinaus, ‘ trösten die letzteren und sagen dann (die Bekannten nämlich!) das „Kaddisch“. Wie bereits oben bemerkt, war es; in den babylonischen Lehrhäusern Sitte, nach Schluß des Lehrvortrages Kaddisch in aramäischer Sprache vorzutragen, damit auch eventuell diejenigen, welche der hebräischen Sprache nicht mächtig waren, sich des Inhaltes desselben bewußt werden. (Tosaf. Berak. 3 a). Schon die älteste Form dieses Gebetes wo das „AI Rabanan“ enthalten ist, verweist aus seinen eigentlichen Zweck. Die Form wurde aber je nach Bedarf geändert, so zum Beispiel beim Tode des Exilsfürsten oder beim Ableben eines Oberhauptes der Jeschidah (Jachasiu ed. Filip. p. 219). Wie das Gebet in ältester Zeit begonnen haben mag, ist vollständig unbekannt; erst aus der Zeit der Mystik (siebentes bis achtes Jahrhundert) hat sich folgende Anekdote erhalten: „Der Herr sitzt in den oberen Regionen, und trägt die neue Lehre vor, welche er dem kommenden Messias für die ganze Welt übermitteln soll. Rings um den Herrn sitzen seine Auserwählten und lauschen dem Vortrage, sobald ihn aber der Herr beendet, erhebt sich Serubabel von seinem Platze und spricht „Jitgadel w’jitkadesch“ und seine Stimme dringt von einem Ende der Welt bis zum anderen." (Jalk. Jes. Nr. 429 respektive 296). Das Kaddischgebet muß also bereits im siebenten Jahrhundert mit demselben Wortlaute begonnen haben, wie wir es jetzt kennen. Es bürgerte sich beim Volke aber mit der Zeit so ein, daß es nicht nur beim Ableben eines Gelehrten zitiert wurde, sondern eines jeden Menschen, um letzteren nicht nach dem Tode zu beschämen (Nachmanid. Torat. p. 59). Zur Begründung dieses sich immer mehr einbürgernden Brauches, diente folgende Anekdote, die in verschiedenen Variationen erhalten ist, und dem Anfang des achten Jahrhunderts entstammt: Einst traf R. Akiba einen Mann Holz sammeln, und auf die Frage, weswegen er dies tue, antwortete ihm der Mann, er sei schon lange tot, und müsse er täglich Holz sammeln, und sich selber den Scheiter-. Haufen errichten, und in der Gehenna müsse er täglich den Feuertod erleiden. Entsetzt fragte ihn R. Akiba, weswegen er. denn eine solche Qual zu ertragen habe, und der Mann antwortete, er wäre im Leben Steuereinnehmer gewesen und hätte die Armen gequält, seine Strafe wäre aber längst gesühnt, wenn er einen Sohn hätte, der ihm das „Kaddisch"! nachsagen könnte. Hierauf verschwand der Mann. R. Akiba aber forschte nach und erfuhr, - daß jener Mann einen Sohn hinterlassen hatte; er ruhte solange nicht, bis er jenen gefunden und von ihm erfahren hatte, daß fein Vater sich um seine Erziehung nicht gekümmert hätte. R. Akiba unterrichtete, nun jenen jungen Mann solange, bis er imstande war, das Borchu und das Kaddisch in der Gemeinschaft laut vorzutragen, wodurch sein Vater von der Hölle befreit ward. Der Text des Kaddischgebetes, wie wir ihn jetzt besitzen, findet sich außer im Siddur des Amram Gaon und des Kolbo auch im Jad ha-Chesaka des Maimonides mit jenen Varianten, welche die Sephardim bis auf den heutigen Tag beibehalten haben. Die Zitierung des Gebets erstreckte sich ursprünglich auf die Trauerwoche und wurde von den nächsten Bekannten vorgetragen. Erst auf den Ausspruch des Talmud gestützt, daß die Seelen zwölf Monate lang in der Hölle ihre Sünden abbüßen (R. H. 17a) und daß die Nachkommen imstande wären, diese Pein zu mildern (8anh. 104a), veranlaßte die Späteren, das Kaddisch zwölf Monate lang vortragen zu lassen, und auch darüber spricht erst Moses Jsserles (16. Jahrhundert), allerdings schon im Namen des Kolbo. (Joreh Veah 376,4 Anm.) Weniger bekannt dürfte es aber sein, daß es im Ritualkodex auf angegebener Seite ausdrücklich heißt, daß der Sohn bei Lebzeiten des Vaters nicht die Pflicht hat, das Kaddisch für die tote Mutter zu zitieren, es wäre keine „Mizwah“ sondern nur „Reschut“. Werfen wir zum Schluffe noch einen kurzen Ueberblick über das oben Gesagte, so kommen wir zum folgenden Schluffe: Das Kaddischgebet bestand ursprünglich aus sieben Worten, welche im Bethause in. Gemeinschaft von zehn in hebräischer Sprache vorgetragen wurde. Nachdem den sieben Worten eine Einleitung und ein Schlußsatz beigefügt waren, wurden sie nach einem Lehrvortrage, respektive nach dem Ableben eines Gelehrten oder eines großen Mannes innerhalb der Trauerwoche vorgetragen. Um aber auch die gewöhnlichen Menschen nicht zu beschämen, wurde auch für sie das Kaddischgebet eingeführt. Zu den spätesten Institutionen aber gehört das Kaddischsagen zwölf respektive elf Monate, da es vor dem 16. Jahrhundert nicht nachzuweisen ist. Inhaltlich somit hat es mit dem Seelengedächtnis nichts zu schaffen, und wenn es in diesem Punkte tatsächlich seinen Zweck trotzdem erfüllen soll, so hat Herr Kuttner mit seiner freien Uebersetzung uns den Weg gezeigt, und Sache des westeuropäischen Judentums ist es, diesen Weg weiter zu schreiten und eine Tradition weiter zu erhalten, welche uns lieb und teuer geworden ist, welche wir aber in der Form, wie wir sie jetzt noch haben, direkt als ein Unding als Mizwath anaschim melumada zu betrachten gezwungen sind. Türkische Juden. Von Wilhelm Goldbaum. III. ch mag sie nicht aufzählen, die armen Teufel von Pseudomessiassen, denn wißt: es ist etwas Trauriges um ein Gehirn, in welchem „böse Geister" ihren Unfug treiben. Es ist bald gesagt: Der ist ein Narr und dieser da ein Betrüger. Was können sie dafür, daß ein Rausch über sie kommt? Aber schmerzlich ist es

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