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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-06-04 · Heft 23 (4.6.1909) · p. Seite 273

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 23 (4.6.1909)
Date
1909-06-04
Page
Seite 273 (sequence 9)
Language
German
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nicht bloß auf dem Wege von innen nach außensondern häufiger aus dem umgekehrten Wege von außen nach innen als Bewußtsein und Pflichtleistung hervorgebracht wird? Wir leben in einer konkret gearteten Welt. Alles innere Leben, soweit es sich nicht um reines Denken handelt, will wirken und sich äußern in Erscheinungsformen. Auch die Religion, so sehr sie Idee ist, sie muß konkret erscheinen, sonst verflüchtigt sie sich wie der Duft einer Blume. Und 'was insbesondere das Judentum anbelangt, so ist dasselbe nicht eine Religion im allgemeinen, eine Summe von Glaubensmeinungen und Sittenlehren, sondern eine durch geschichtliche Merkmale und sogar durch Rasseneigentümlichkeiten bestimmte Religion. Wir dürfen uns durch die Notwendigkeit des apologetischen Verfahrens über das Besondere und Eigentümliche des Judentums nicht hinwegtäuschen lassen. Werfen wir alles geschichtlich Ueberkommene beiseite, so haben wir eine Allerweltsreligion und kein Judentum, und wir können unser Hauptgebet nicht mehr einleiten mit dem Hinweis auf den Gott unserer Väter. *) Ein paar allgemeine Gedanken und Sittenlehren bilden keine Religion, keine lebendige und lebendigmachende Religion. „Die jüdische Religion vermag sich der Zeitanschauung entsprechend fortzuentwickeln, ohne daß dadurch ihr Wesen, ihr Bestand nnd ihr Zusammenhang mit der Vergangenheit sich verändert-" Das ist der Kardinalsatz des Liberalismus, der nicht angefochten werden soll und kann. Im Gegenteil behaupten wir, daß das Judentum, in welchem es keine Starrheit der Dogmen und keine Bindung der Geister gibt, die einzige Religion ist, die dem alles Lebendige beherrschenden Gesetzeber Entwicklung folgen darf, und es ist oft genüg darauf aufmerksam gemacht worden, daß auch der Pharisäismus im Grunde genommen nichts anderes ist, als eine Phase' der Weiterentwicklung der mosaischen Gesetze und Rechte unter Berücksichtigung der Zeitbedürfnisse. Aber eins darf nicht außer acht gelassen werden. Der Ausdrück und der Begriff der Entwicklung ist der Biologie entnommen, und man versteht darunter' die allmähliche Entfaltung der Eigenart von Organismen unter Bedingungen, die wie Licht und Wärme von außen kommen. Das Maßgebende und Bestimmende für das Wachstum und die Entwicklung von Organismen sind die im Keime derselben gegebenen inneren Impulse und Triebkräfte, während die von außen kommenden Einflüsse und Einwirkungen trotz ihrer Wichtigkeit darum kein entscheidender Faktor sein können, weil sie gegen die Natur der Dinge nichts ausrichten können. Auch das Judentum, das ja gleichfalls eine Pflanzung genannt wird, kann dem Schicksal der Entwicklung sich nicht entziehen, dem auch die Gebilde des Geistes unterworfen sind. Aber das Maßgebende und Bestimmende für seine Entwicklung trägt das Judentum in sich selbst, in seiner Natur und in seiner Eigenart, nicht in den zufälligen und wechselnden Bedingungen und Einflüssen seiner Umgebung. Ist nun aus diese Gesichtspunkte in dem durch Veröffentlichung bekanntgewordenen Programm der Liberalen Vereinigung genügend Rücksicht genommen worden? Ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich behaupte, daß das Programm der Liberalen Vereinigung, das man ja spater abzuschwächen versucht hat, auf viele wirklich Liberale eine geradezu abschreckende Wirkung geübt und ihren Anschluß an die Bewegung verhindert, hat. Das. Programm der Orthodoxie ist, mit zwei Worten aüsgedrückt, der Scliulchan 1) Vergl. Steinthals ergreifenden Artikel über das Thema: „Unser Gott und Gott unserer Väter" (Ueber Juden und Judentum, Seite 55)/ ' : . äruch/ Nichts dazu und nichts davon. Im Gegensatz dazu ist Liberalismus gleichbedeutend mit Subjektivismus. Darin liegt nicht bloß die Gefahr der Willkür und Beliebigkeit, sondern auch die Unmöglichkeit der Aufstellung eines allgemein gültigen, die verschiedensten Standpunkte umfassenden Programms. Daher die Unbestimmtheit und Dehnbarkeit der einzelnen Punkte und Leitsätze des Programms. „Die deutschen Juden müssen unter pietätvoller Anlehnung an die Vergangenheit ihr äußeres Leben mit ihren inneren Anschauungen in Uebereinstimmung bringen." Das haben sie meines Wissens schon bisher getan, sogar mit sehr wenig pietätvoller Anlehnung an die Vergangenheit. Oder sollen mit dem Vorwurf der Nichtübereinstimmung von Leben und Anschauungen die Rabbiner gemeint sein? „Insbesondere darf kein Gewicht auf die Jnnehaltung veralteter Vorschriften und Gebräuche und abgestorbener Sitten gelegt werden." Weiß man es denn nicht, daß es Leute gibt, welche das ganze Judentum für veraltet und jede Religion für eine abgestorbene Weltanschauung erklären? „Der Gottesdienst ist gemäß den Bedürfnissen der Zeit auszugestalten." Welches sind die Bedürfnisse der Zeit, und soll für diese Rücksichtnahme keine Grenze geboten sein durch andere Rücksichtnahmen? „Die gesicherten Resultate der Wissenschaft" sollen beim Religionsunterricht berücksichtigt werden. Es dürften aber nach den Erfahrungen auch nur des letzten Jahrzehnts die gesicherten Resultate der Wissenschaft von den ungesicherten sehr schwer zu unterscheiden sein. Die Schüler sollen nicht in einen Gegensatz gebracht werden zum. Elternhause. Dann müßte man den Religionsunterricht in einen bloßen Moralunterricht verwandeln. .Mit einem Worte: das Programm enthält nur Zugeständnisse und keine Forderungen. Was bleibt dann noch Festes übrig im Judentume? Im deutschen Judentum sieht es jetzt aus wie im deutschen Reichstag. Partei steht gegen Partei; an Stelle der Einheit sind die Vereinigungen getreten. Zu welcher von all den Parteien ich mich bekenne, die einen edlen Wetteifer entfaltet haben in Ausrufen zur Neubelebung des . Judentums, die eine in der Richtung des entschiedenen Fortschritts, die andere in der Richtung des entschiedenen Rückschritts, und die dritte endlich als Vertreter der mittleren Linie? Einst im Altertum wurde ein Hrophet gefragt: „Welchem Volke gehörst Du eigentlich an?" Und er antwortete: „Ich bin ein Jude und ehrfürchte, den Gott der Welten!" Das ist auch mein Standpunkt gegenüber den Parteien. Im Judentume sollte, es nur eine Partei geben, die Partei derjenigen, deren Losungswort lautet: „Ich bin.ein Jude und ehrsürchte den Gott der Welten". Im Judentum sollte es nur einen Wetteifer geben: „Es eifere jeder seiner unbestochenen, von Vorurteilen freien Liebe nach." Höher als die Zinne der Partei ragt der Turm des Judentums. ->O<- Dgs Ksddilch-Gedet. , Von Dr. S. Ochfer-Kuttenplau. 3n Nr, 18 Ihres geschätzten Blattes stand als Leitartikel eine sehr zu Herzen gehende Uebersetzung des Kaddischgebetes, welche, ohne viel oder fast gar nicht den aramäischen Text ändernd, dieses Gebet erst dazu macht, was es eigentlich sein sollte, nämlich eine Verherrlichung Gottes, die Ergebenheit in seinen unabänderlichen Ratschluß und im Anschlüsse daran eine Seelenandacht für geliebte. Verstorbene Es dürfte sich deswegen verlohnen, an dieser Stelle den Lesern Ihres Blattes einen kurzen historischen Ueberblick über die Entwicklung dieses

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