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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-06-04 · Heft 23 (4.6.1909) · p. Seite 272

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 23 (4.6.1909)
Date
1909-06-04
Page
Seite 272 (sequence 8)
Language
German
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Zweck zu befördern sucht. Gebt uns' Kunde von dem Erfolg Euerer Bemühungen für diese Angelegenheit, wie für andere das Jüdenthüm betreffende' Zeitfragen. Möge Gött dazu seinen Segen verleihen und unsere theuersten Hoffnungen nicht unerfüllt lassen! ' München im August 1848. - - ' - Im Namen des israelitischen Fortschrittsvereins: Der Ausschuß: Jacob Oberdörfer, Antiquar. Jacob Gotthelf, cand. philol., i .. d.. Z. Vorsitzender. d. Z. Schriftführer. I. L. Kohn, Kaufmann. Julius Stein, Praktikant. - Jgn. Ortenau, eaod. zur. Dr. A. Dreh, prakt. Arzt. Otto Feldmann, Kaufmann. - Das Programm, auf welches in diesem Aufruf Bezug genommen ist, hatte folgenden Wortlaut: Programm des israelitischen Fortschrittsvereins. Der'Geist der wiedererwachten Freiheit, der mächtig Europa durchweht, bringt den Juden Deutschlands in nächster Zukunft ihre holle Berechtigung. Nur durch Engherzigkeit konnten ihnen, trotz ihres bewährten Bürgersinns und ihrer glühenden Liebe zum deutschen Vaterlande, trotz ihrer von der reinsten Moral getragenen Religion, bei gleichen Pflichten die gleichen Rechte vorenthalten werden. So fallen denn alsbald die schmählichen Ausnahmsgesetze, welche allein der Grund, von jenem oft so tadelnswerthen Thun und Lassen einzelner unserer Glaubensgenossen sind; es schwindet die beleidigende Behandlung, die dem Juden als solchem gar häufig sogar von den Behörden ward. Allein nichtsdestoweniger werden Neid, Unverstand uns noch häufig zum Gegenstand aufreizender Angriffe machen. Ihnen gegenüber zu treten durch Schrift und Wort ist vorzugsweise Sache des Juden sebst. Unbegründetes soll durch Darlegung der Wahrheit zurückgewiesen, Verdächtigung der Gesammtheit wegen der Fehltritte ^Einzelner entkräftet, zugleich aber immer dahin gewirkt werden, daß die verschuldete oder unverschuldete Veranlassung für hie Folge aufhöre. Ein anderes Gebiet, das den Juden zur Thätigkeit auffordert, ist die Läuterung der religiösen Verhältnisse. Unsere Religion, die reine Gottes- und Sittenlehre, ward im Laufe der Zeit mit so manchen Formen umgeben, die für uns alle und jede Bedeutung verloren, ja theilweise Anstoß zu geben geeignet sind. Die Ausübung der Religion soll in jener Reinheit hergestellt werden, zu der ihr innerer, unantastbarer. Gehalt sie befähigt. Aber nicht religiöse Spaltung möge die neue'Bahn bezeichnen. Nur im gemeinsamen Fortschritt blühet Heil für uns. Bereits wurde von vielen Seiten eine allgemeine deutsche Synode angeregt. Dort wird jede Ansicht ihre Würdigung finden; die Gesammtheit unserer deutschen Glaubensgenossen wird durch ihre Vertreter den Weg der Verbesserung unserer religiösen Verhältnisse bestimmen. Das Umfassende all/ dieser Aufgaben gibt die Ueberzeugung, daß die Rabbinen und Vorsteher der israelitischen Cultusgemeinden die Interessen der Juden in allen Gezeichneten Richtungen nicht, allein vertreten können. Die Theilnahme des Einzelnen muß hier Platz greifen; jene wichtigen Fragen müssen von Allen, die Kraft und Willen hierzu besitzen,, angeregt und durchfprochen werden. Die gewonnene Ueberzeugung muß mit Rücksicht auf den Zweck ruhiger Einigung verbreitet, sie soll möglichst zum Meinungs-Ausdruck der Gesammtheit werden. In diesem Sinne anregend und vermittelnd sich mit allen jenen Fragen eifrig zu beschäftigen, hat sich in München ein israelitischer Fortschrittsverein gebildet. Möge die Theilnahme an ihm sich stärken; mögen gleichartige Bestrebungen andern Orts und gleichgesinnte Männer mit uns in Verbindung treten und mithelfen, den Dank für unsere junge Freiheit dem geliebten deutschen Vaterlande auch dadurch darzubringen, daß wir nicht die letzten bleiben an Sinn für geistigen und religiösen Fortschritt. . München im August 1848. ' •; . . . , II. Was würde Ben Akiba sagen, wenn er in der Lage wäre, mit dem Aufrufe und dem Programm des „Israelitischen Fortschrittsvereins" vom Jahre 1848 den Aufruf und das Programm der „Vereinigung für das liberale Judentum" vom Jahre 1908 zu vergleichen? Abgesehen von dem politischen Hintergründe, der im Jahre des Völkerfrühlings auch die religiöse Freiheitsbewegung im eigentümlichen Lichte jener Zeit erscheinen läßt, besteht zwischen den beiden Aufrufen und Programmen eine Aehnlichkeit und Verwandtschaft wie zwischen Vater und Sohn. Den Unternehmern des „Israelitischen Fortschrittsvereins" darf man bei allem Verständnis für ihre damaligen Bestrebungen heute vom Standpunkte der rückwärts schauenden Betrachtung nachsagen, daß sie in einem doppelten Irrtum befangen waren, einmal in dem Vorurteil, das sie hatten, daß die Juden dem Staate für die von ihm in. bürgerlicher Beziehung zu gewährende Freiheit einen Dank schuldig wären und diesen Dank durch Bekundung für geistigen und religiösen Fortschritt abstatten müßten, sodann aber auch in der Meinung und Erwartung, daß man wie von den Tribünen einer Volksversammlung durch große Worte und flammende Aufrufe die Geister und die Herzen der Massen unter Preisgebung von veralteten Formen) die man als guter Staatsbürger nicht in die neue Aera mitnehmen , dürfe, für das Wesen und den Gehalt des Judentums würde erobern können. Seitdem sind 60 Jahre verflossen. Sollten wir in 60 Jahren nichts gelernt haben? Die Männer der Liberalen Vereinigung verdienen, gewiß für ihre vortrefflichen Absichten und für. ihren Mut des Ankämpfens gegen die Gedankenträgheit der Massen die größte Anerkennung auch von solchen, die den religiösen Standpunkt mit ihnen nicht teilen. Es ist ein Sichaufbäumen unserer gebildeten Glaubensgenossen gegen die Möglichkeit des Verfalls und Untergangs und erinnert in der Beziehung an den Zionismus. Aber auch abgesehen davon, daß die Krankheit des. Judentums doch nur die allgemeine Zeitkrankheit ist, glaubt man im Ernste, diese Krankheit mit Aufrufen und Programmen heilen und bereits abgestorbenen Gliedern neues Leben einhauchen zu können? Wo das heilige Feuer in denKerzen erloschen ist, da werden auch die geistvollsten Vorträge und Aufsätze keine bessere Wirkung erzielen als das Hineinblasen in kalte Asche. Ehemals waren es die frommen Bräuche und Uebungen, welche das religiöse und geschichtliche Bewußtsein im Hause und im Leben eines Israeliten genährt und unterhalten haben von.der Dämmerung des Morgens bis zur Dämmerung des Abends. Ich will gewiß einem leeren Formendienste nicht das Wort reden. Religion ist Enthusiasmus der Seele, eine innere Angelegenheit. Daß diese Seelenstimmung der Anregung und Erwärmung durch von außen kommende Mittel bedarf, wird auch der Liberalste nicht bestreiten. Nur wird er die Formen der Religion als gewordenes Produkt der Entwicklung ansehön und sich ihnen gegenüber die Freiheit der Anerkennung oder Nichtanerkennung Vorbehalten. Welches Kriterium soll aber dafür maßgebend sein? Die Formen sind das Band, welches die Gegenwart mit der Vergangenheit und den Einzelnen mit der Gesamtheit Zusammenhalten soll. Möchte jemand in unserer Zeit diese Bande lockern? Die Form muß unterschieden werden vom Wesen. Schon Güdemann hat im Vorwort seiner „Apologetik" bemerkt, daß mit den Untersuchungen über das Wesen des Judentums viel Unwesen getrieben worden ist. Merkt man es denn noch immer nicht, oder will man es nicht zugeben, daß im Gegensatz zu den Kirchenreligionen gerade Gesetz und Tradition das eigentlich Originelle im .Jnhentüm sind, daß es sich dabei um ein überaus ernstes , und durch nichts zu ersetzendes System der Heiligung, des Lebens handelt, oder wenigstens daß Religion

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