Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- Seite 271 (sequence 7)
- Language
- German
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271 für Zuwendungen bis zu einer bestimmten Höhe^ Daß dieser befreite Betrag aber auch dann frei bleibe, wenn die Zuwendung selbst höher ist, läßt das Gesetz nirgends zu, und dieser Gedanke kann deshalb auch nicht für die durch eine sittliche Pflicht gebotene Schenkung fruchtbar gemacht werden. Auch die Beschwerde über Nichterhebnng des angebotenen Beweises über die in jüdischen Kreisen herrschenden Anschauungen über die Verpflichtung zur Wohltätigkeit kann nicht zur Aufhebung des Urteils führen. Dieser Beweis könnte nur zur Feststellung führen, daß in jüdischen Kreisen entsprechend den Lehren ihrer Religion die allgemeine Pflicht zur Wohltätigkeit überhaupt und besonders bei Erbfällen vielleicht mehr betont wird und mehr geübt wird als in anderen Kreisen; für die nach dem Erbschaftssteuergesetze erforderliche besondere sittliche Pflicht würde daraus nichts zu folgern sein." So bedauerlich diese Abweisung der Klage auch für die Interessen aller Humanitären Institutionen sein mag, so wird man doch dem vortrefflichen Syndikus des Vorstandes der jüdischen Gemeinde dafür Dank wissen müssen, daß er diesen Prozeß durch alle Instanzen führte. Denn die ablehnende Entscheidung birgt doch, worauf der über diesen Rechtsstreit referierende Gemeindevertreter in der letzten Repräsentantenversammlung hinwies, eine praktische Nutzanwendung in sich. Man wird in jedem einzelnen Falle, in welchem an eine Wohltätigkeitsanstalt eine Schenkung gelangt ist, zu prüfen haben, ob zwischen dem Geschenkgeber und der Institution nicht irgendwelche persönlichen Beziehungen bestanden haben. Diese persönlichen Beziehungen können sich schon darauf beschränken, daß der Geschenkgeber zum Vorstande oder zum Kuratorium des betreffenden Institutes gehört und so durch seine Tätigkeit demselben nahegestanden hat. Diese Beziehung würde bereits genügen, um einem Anträge aus Befreiung von der Stempelsteuer — es handelt sich immerhin um fünf Prozent — die Erfüllung zu gewährleisten oder im Falle der Abweisung eine Klage gegen den Stempelfiskus als erfolgreich erscheinen zu lassen. Linige Srmrrkungen über Seuliberslismus im Judentums Bon Auch Einer. I. elegenklich des ersten Geburtstages der „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland", welcher unlängst ganz unbemerkt und ungeseierthingegangen, dürfte eine rückwärts blickende Betrachtung von einem Freunde des religiösen Freisinns vielleicht nicht ganz ohne Interesse ausgenommen werden. In der konstituierenden Versammlung, welche am 3. Mai 1908 in Berlin mit einem Hauch erwärmender Begeisterung einen neuen Frühling des liberalen Judentums ins Leben zu rufen unternommen, hat man viele bemerkt, die durch Abwesenheit geglänzt; viele, die man in diesem Kreise von intellektuellen Israeliten gern gesehen hätte und ungern vermißt hat. War es Zufall? War es Absicht? Ueber 50 von den in Deutschland amtierenden Rabbinern sind mit ihrer Unterschrift der Vereinigung beigetreten. Das ist eine auffallende Minderheit. Wo sind die übrigen zirka 200 Rabbiner von Deutschland geblieben? Sollte ihnen die Not des Judentums weniger ans Herz -?) Wir haben diesem Aufsatz, obwohl wir nicht mit allen Ausführungen — namentlich soweit es sich um die „Liberale Vereinigung" handelt — einverstanden sind, doch Aufnahme, gewährt, da er von einem der angesehensten freisinnigen Rabbiner herrührt, und um — nach unserem Prinzip — allen Richtungen und Strömungen Gelegeneit zur Aussprache zu geben. Die Red. gegangen sein als ihren Kollegen von der Minderheit, die mit einem sie ehrenden Mute der Ueberzeugung sich an die Spitze einer Bewegung stellten zu dem ausgesprochenen Zwecke, die sogenannten Aufgeklärten durch weitere Aufklärung zu belehren, die Freigesinnten zu wecken aus scheintodähnlichem Schlafe und dadurch nach einer Zeit tiefer Erschöpfung einen neuen Morgen zu wecken für das liberale Judentum in> Deutschland? Wo Kampf ist, da ist Leben. Warum sind sie zu Hause geblieben, die zahlreichen berufenen Vorkämpfer, bei ihren Hürden oder bei ihren Büchern, anstatt sich zur Fahne zu melden? — Nun dachte ich in der Unbefangenheit meines Herzens, was aus irgendeiner Rücksicht persönlich unterlassen wurde, das müßte auf einem anderen Wege und durch andere Mittel demnächst nachgeholt werden, und es würde bald in dieser Zeitung,' die auf ihrer grünen Vorderseite als ein „unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse" sich bezeichnet, ein heiliger Federkrieg entbrennen oder wenigstens ein lebhafter Meinungsaustausch erregter Geister sich vernehmen lassen. Aber ein Jahr ist hingegangen und dennoch über allen Gipfeln ist Ruh', auf allen Wipfeln spürest du kaum einen Hauch. Und diese Ruhe eines Friedhofes ist beängstigender als die Unruhe eines Schlachtfeldes. Handelt es sich denn nicht um eine ernste Bewegung, in welcher jeder denkende Jude und zumal jeder denkende'Theologe — nichtdenkende Theologen gibt es bekanntlich überhaupt nicht — durch Zustimmung oder Widerspruch Stellung nehmen muß? Nur einer, ein Mitglied der liberalen Vereinigung, ist (in Nr. 46 vorigen Jahrg.) vorgetreten und hat erklärt, daß liberal nicht gleichbedeutend sei mit radikal und daß wir uns in Uebereinstimmung mit den Propheten und Priestern Israels ein entkörpertes Judentum nicht denken können. Darf ich als „Auch Einer" in dieser Frage mit einigen Bemerkungen mich zum Worte melden? Darf ich es mit Aussicht auf Gehör und Beachtung in dieser den Tendenzen des Liberalismus huldigenden Zeitung auseinandersetzen, aus welchen Gründen ich der Liberalen Vereinigung nicht beigetreten bin? Um jedoch dem Verdachte der Zugehörigkeit zur Orthodoxie auszuweichen, möchte ich zunächst aus der Jugendzeit des Liberalismus eine Ausgrabung von zwei meines Wissens sämtlichen Historikern unbekannt gebliebmen Aktenstücken vornehmen, die es zumal mit Rücksicht auf unsere Zeitverhältnisse gewiß verdienen, der Vergessenheit entrissen zu werden. Im Jahre 1848 erschien folgender Aufruf: Glaubensbrüder! Die deutschen Gauen wiederhallen von dem Rufe nach Fortschritt im politischen wie im religiösen Leben. Auch das Judenthum, das der Neuzeit so große Errungenschaften verdankt, darf hier nicht unthätig bleiben. Aus den düstern Jahrhunderten des mittelalterlichen Druckes klebt ihm noch vieles an, was seinem Wesen fremdartig ist, und in die neue Aera nicht mitgebracht werden darf. Durchdrungen von dieser Ueberzeugung trat hier vor einiger Zeit ein Verein von Israeliten zusammen, um nach Kräften das schöne Ziel des Fortschritts zu erstreben. Seine Tendenzen sind in dem beifolgenden Programm niedergelegt. Doch dieses Streben wird nur ein vereinzeltes und darum fruchtloses bleiben, wenn es nicht auch in den übrigen Kreisen unseres Vaterlandes kräftige Unterstützung und Nachahmung findet. Deßhalb ergeht an Euch, Mitbürger und Glaubensbrüder! der Ruf, mitzuarbeiten an dem heiligen Werke der Läuterung des Judenthums, und - vor allem in ähnliche an uns sich anschließende Vereine zusammenzutreten. In einigen Monaten soll eine General-Synode für ganz Deutschland, bestehend aus sreigewählten Abgeordneten der Gemeinden, sehen es Rabbiner oder Laien, an einem noch zu bestimmenden Orte sich versammeln. Wohlan! bethätiget Euern Eifer dadurch, daß Ihr in engern und weitern Kreisen diesen wichtigen