Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- Seite 267 (sequence 3)
- Language
- German
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267 obwohl es ja nicht ausgeschlossen ist, daß sich unter den konservativen Hauptschreiern gegen Deutschland auch einige Juden befinden, zumal ja in England, wo ein Politischer Antisemitismus nicht existiert, viele Juden der konservativen Partei angehören. Was aber die deutschfeindliche Presse anlangt, so gehört die sogenannte Harmsworthpresse, an der Spitze die „Daily Mail", gewiß nicht zur „Judenpresse". Ihr Besitzer, der sich nach seiner Nobilitierung Lord Northclifs nennt, ist jedenfalls ein unverfälschter Arier. Die „Deutsche Zeitung" des Herrn Dr. Friedrich Lange sieht in dieser politischen Hetze nur ein „frevles Parteimanöver der Unionisten" und erklärt, daß die schlimmsten Artikel in der „Morningpost", also dem vornehmsten konservativen und gewiß keinem Judenblatt, gestanden haben. Solange aber die Namen nicht genannt werden, müssen jene Behauptungen dahin gelegt werden, wo sich alle anderen antisemitischen Angriffe bereits befinden. Es ist sehr treffend bei dieser Gelegenheit bemerkt worden, daß in Rußland die Deutschenhetzer, wie der hervorragendste Mitarbeiter der „Kreuzzeitung", Professor Schiemann, oft genug nachgewiesen hat, die Mitglieder des antisemitischen Verbandes der „echt russischen Leute" sind, und in Oesterreich und Deutschland gerade die christlich- und deutsch-sozialen Blätter am meisten den Haß gegen England geschürt haben. * Der rumänische Konsul Spencer in New Hork hat in einer amerikanischen Zeitung einen. Aufsatz über Rumänien veröffentlicht, worin er über die Lage der Juden in diesem Lande folgendes bemerkt: „Ein Löffel kostet ll/2 Pence, und eine ganze jüdische Familie muß sich mit einem Löffel begnügen, da sie nicht einen zweiten kaufen kann. Ein neugeborenes Kind wird in Papier gewickelt, weil Leinwandwindeln zu teuer sind. Die Lage der Juden in Rußland ist eine bessere als die ihrer Brüder in Rumänien. In Rußland besteht die Hoffnung, daß die Progressiven und Gerechten zur Regierung gelangen; in Rumänien aber ist gar keine Hoffnung auf Besserung vorhanden, da die Konstitution dort das Unrecht sanktioniert und alle Parteien daran beteiligt sind. Aus Mangel an Mitteln zur Flucht aus der Knechtung ist jede Rettung unmöglich. Die rumänischen Juden leiden unter dem schweren Druck von besonderen Steuern und Abgaben." Wie trostlos muß es um die Juden in Rumänien bestellt sein, daß selbst sein offizieller Vertreter sich zu solchen Bemerkungen gedrängt fühlte! I In den deutschen Müttern werden die Verhandlungen der russischen Duma nur stiefmütterlich behandelt. Um so mehr sind wir unserem geschätzten L. A. ^.-Korrespondenten zu Danke verpflichtet, daß er uns alles, was sich auf Juden und Judentum in diesen Verhandlungen bezieht, regelmäßig mitteilt, so auch heute die Rede, die der Führer der freisinnigen Partei, Professor Miljukow, in der 96. Sitzung über den gegenwärtigen Minister der Volksaufklärung Schwarz, und über dessen Verhältnis zu den Juden gehalten hat. Der treffliche Redner sagte folgendes: „Jetzt, meine Herren, gehe ich zu den Maßregeln der Einwirkung auf die Schüler über, vor allem zu der Zusammensetzung der Schüler. In dieser Beziehung beobachtet der neue Minister ungewöhnlich eifersüchtig die bekannte Prozentnorm. Selbst dann, wenn durch .Allerhöchsten Befehl es den Kindern von Personen, dir den russischjapanischen Feldzug mitmachten, gestattet ist, ohne Norm in die Schulen einzutreten, bestrebt sich der Minister auch diese Allerhöchste Erlaubnis bei Personen, die ihr Leben opferten, außer Kraft zu setzen... Einem dieser Männer ist es erst nach langem Drängen, durch Vermittlung des Kurators des Odessaer Lehrbezirks gelungen, eine Bewilligung, seine Kinder über die Norm unterzubringen, zu er? halten. Dies geschah am 17. Oktober, und am 14. November erhält der Kurator des Wilnaer Lehrbezirks vom selben Minister eine neue Erklärung, daß der Allerhöchste Befehl jetzt abgeändert, weil der Krieg beendet sei. Und am 11. März 1909 lehnte der dritte Kurator, Nämlich der Charkower, auf Grund dieser Erklärung, eine ähnliche Forderung ab. Hier, meine Herren, sehen Sie, welche Verwickelungen sich zeigen, selbst in scheinbarunbestreitbaren Fällen, durch den Allerhöchsten Willen.-bekräftigt. Sie verstehen wohl, daß dort, wo diese Hindernisse nicht vorhanden sind, das Ministerium mit viel größerer Freiheit arbeitet. (Markow II. vom Platze: „Wohl ihm!") Im jüdischen Ansiedlungsrayon, dort, wo die Juden, wie es schitzn, -das vollkommene Recht haben, ihren Kindern eine Erziehung zü geben, dort, nicht in der Kreisschule, meine Herren, sondern in Privatlehranstalten, errichtet ausschließlich aus jüdischen Mitteln. — das heißt zum speziellen Zweck sich das zu geben, was ihnen die Regierung versagte — in diesem Falle schien es unstreitig — erweist es sich jedoch, wiewohl es. dort entweder gar keine lokale russische Bevölkerung, oder nur eine sehr geringe, und nicht hinreichende gibt, um die Schule zu erhalten, daß die Prozentnorm trotzdem beobachtet wird. (Stimmen rechts: „Richtig!") Eine Privatgesellschaft im Dnjeprower Kreise (im Taurischen Gouvernement) wendete sich an den Minister: nun, möge es so sein; aber später, nachdem die russischen Kinder schon ausgenommen sein werden, das heißt, man nicht sagen können wird, daß es keinen Raum für die russischen Kinder gibt, gestatten Sie doch wenigstens, die übrigen Plätze durch jüdische Kinder, ohne Norm, auszufüllen. Dieser Bittschrift -schließen sich selbst , die Eltern der russischen Kinder an. Und, meine Herren, diese Bitte wurde nicht genehmigt! — Meine Herren, ich werde Sie nicht überzeugen, — ich weiß, daß es unmöglich ist, viele von Ihnen zu überzeugen (eine Stimme rechts: „Nutzlos!"), daß für die neue Einrichtung, damit dieselbe sich verwirkliche, es notwendig fei, auch die Ideen der vollkommenen bürgerlichen Gleichberechtigung zu realisieren, und daß jener Staat, in dem der Jude kein Bürger ist, nicht als ein Staat, der zu einer neuen Organisation überging, gezählt werden kann. (Zamyslowsky vom Platze: „Dies ist eben gut!"); diese Idee ist Ihnen fremd, sie ist Ihnen fremder, als sogar der Türkei, hinter der wir nun zurückgeblieben sind; (Beifallklatschen links, Ausrufe rechts: Oho!) weil dort, in dieser modernen Türkei, es den Begriff eines türkischen Bürgers gibt. (Eine Stimme rechts: „Zur Sache, er will eine türkische Reform!"): Als türkischer Bürger wird der Grieche, der Armenier und der Jude angesehen; und die erste Aufgabe dieses neuen Staates, welche vielleicht die kranke Türkei retten wird, die erste Aufgabe ist, eine Schule zu schaffen, in der, ohne Unterschied des Glaubens und der Nationalität unterrichtet werden soll ... Das ist in einem Staate, welcher festwurzelt in den Ideen des Islam. Wir, meine Herren, sind in Rußland, wir leben jetzt nicht nur sogar nach der russischen, sondern nach der türkischen Praxis, wir stellen das wieder her, was die Türkei beinahe zum Untergange brachte... (Lärm links). Aber, meine Herren, mit Ihnen ist es unnütz, über gewisse Dinge zu sprechen ... (Stimmen rechts: „Zur Sache!" Lärm. Die Glocke des Präsidenten). Deshalb werde ich mich auch an einem bekannten Teil dieser Versammlung mit dem Anträge, die Idee der bürgerlichen Gleichstellung anzuerkennen, nicht wenden. (Stimme rechts: „Ja, dies werdet Ihr niemals erleben!"). Leider! Aber, meine Herren, ich lenke Ihre Aufmerksamkeit darauf, daß sogar diejenigen, welchen diese Idee des zivilisierten Lebens fremd ist, auch fremd bleiben wird, selbst diese, in der Frage über die Bildung eine ganz andere Position einnehmen könnten, weil die russische Regierung jene Position im Laufe von hundert Jahren eingenommen hat. Diese russische Regierung stand schon in den Statuten der Mittelschule im Jahre 1804 auf jenem Standpunkte, daß es notwendig sei, die Juden zur Bildung heranzuziehen. Dieselbe erwog wahrscheinlich, wie viele von Ihnen, daß die Juden eine ganze Reihe negativer Eigenschaften besitzen, die ihre'Gegenwärt in der russischen Gesellschaft unangenehm machen. " (Stimmen rechts: „Schädlich und zerstörend!"). Und die russische Regierung zog die Juden in die Schulen. Im Jahre 18Y4 wurde 'gesagt, daß diese