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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-06-04 · Heft 23 (4.6.1909) · p. Seite 266

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 23 (4.6.1909)
Date
1909-06-04
Page
Seite 266 (sequence 2)
Language
German
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kann, wenn dem hohen Ziele kleinere Wünschevon allen Beteiligten geopfert werden. Mit vollstem Recht schob daher der zweite Vorsitzende des Gemeindetages, Dr. Blau-Frankfurt a. M., jenen Herren die. schwere Verantwortung ins, Gewissen, hie durch ihr starres) Festhalten; an unerfüllbaren Forderungen. . das große Einigungswerk und' den so dringend notwendigen Zusammenschluß der preußischen Gemeinden gefährden sollten und auf Jahrzehnte die Erfüllung der unumgänglichen hohen Aufgabe vereitelten. Der Antrag Friedmann-Glogau aber ignorierte diese Seite der Frage durchaus. Er brach dem Gesetzentwurf das Rückgrat, raubte ihm die Größe des . Grundgedankens und degradierte das Fundamentalprinzip , des Organisations - Aufbaus des jüdischen Gemeinde-; Wesens zu dem simplen Gedanken der Errichtung einer freiwilligen Versorgungsinstitution für die leistungsunfähigen Gemeinden. Da dieses der Punkt war, bis zu dem auch die . sonst' in allen Gesamtorgänisationsfragen separatistische Ultraorthodoxie mitmarschiert, so erscheint es nur natürlich, daß diese dem Antrag mit Jubel zustimmte. Und dies um so mehr, als der Antrag außerdem den sakrosankten Charakter der völligen (nicht nur der religiösen) Gemeindeautonomie festlegt, als ob der Entwurf diese Autonomie nicht ohnedies schon mit außerordentlichen Garantien umgeben hätte. Also auch das geringe Maß seines verwaltungstechnischen Einflusses, den der Entwurf den übergeordneten Organen zuteilt, soll nach dem Willen des Friedmannschen Antrages beseitigt werden. In klares Deutsch übersetzt heißt das: Die großen und leistungsstarken Gemeinden haben den minderstarken und leistungsunfähigen Gemeinden zur Erfüllung ihrer Aufgaben die erforderlichen Mittel zur Verfügung zu stellen, dünn aber den Mund zu halten und bei der Verwendung der Mittel nicht dreinzureden. Waren nach der Veröffentlichung des Rosinschen Entwurfes seinerzeit die Rufe nach Garantien für den Schutz der Autonomie der Gemeinden nicht nur erklärlich, sondern auch berechtigt, so erscheint der fanatische Eifer für sie bei diesem jetzt vorliegenden zweiten Entwurf fast wie eine Donquichotterie, wie ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Und doch übte der Reiz, Kämpfer für die vermeintlich bedrohte Freiheit zu sein, auf dem Gemeindetage seine Wirkung in einem - Maße aus, als ob jeder einzelne Satz des Entwurfs die Tendenz der Knebelung der Gemeindeautonomie hätte. Die Ueberraschung der ganzen diesmaligen Tagung, die zufällige Majorität für den Antrag Friedmann, war zugleich der stärkste Mißklang der an Mißklängen reichen Beratungen. Dies Ereignis bewirkte, daß von den Ergebnissen der mühevollen zweitägigen Verhandlungen eigentlich so recht niemand befriedigt sein wird. Zu irgendwelchem Pessimismus aber, liegt ganz gewiß keinerlei Veranlassung vor. Die Annahme des Antrags Mako w er, der - auch dieses Votum der gemischten Kommission 'als 'Material überweist, enthält die Willenskundgebung des elften Gemeindetages, daß die gemischte Kommission Weiterarbeiten soll und in die dritte Lesung des Entwurfs ' einzutreten habe. Es kommt hinzu, daß die geringe Majorität -' von fünf Stimmendie' der Antrag Friedmann infolge der zufälligen Abwesenheit einer Anzahl stimmberechtigter Delegierter und weil viele nicht wußtenworum es sich handle, ' erhalten hat, sich durch die inzwischen erfolgte Zurückziehung von Unterschriften zum Antrag und Zurücknahme von Stimmen, die für1 den Antrag abgegeben waren, in eine entschiedene " Minorität schon jetzt verwandelt hat. Schließlich aber ist r auch der nächste Gemeindetag in seinen Entschließungen souveränund wird, falls dies dann noch erforderlich erscheinen ' sollte, auch zur formellen Kassierung jenes Antrages berechtigt sein. Das Hauptmotiv für eine hoffnungsvollere Auffassung der Organisationsfrage bildet die Erwägung, daß sich Notwendigkeiten durch Zufälligkeiten nicht aufhalten lassen. Die Gesamtorganisation des preußischen Gemeindewesens aber ist eine solche Notwendigkeit, ein dringendes Erfordernis der Zeit; sie ist auf dem Marsche, und wenn es ihr nicht vergönnt ist, im ruhigen Fahrwasser den Hafen zu erreichen, so wird sie auch durch die wogende Brandung in den sicheren Port gelangen. Die preußische Judenheit erkennt zweifellos in ihrer großen Majorität diese Notwendigkeit an, und es wird daher nur notwendig sein, daß sie auf dem nächsten Gemeindetag, der das entscheidende Wort haben wird, ihren Willen zur Geltung bringt. Dazu aber bedarf es vor allem der unbeeinflußten Wahl der Delegierten zum Gemeindetage. Es sind diesmal, wie in der Versammlung des Gemeindetages aus verschiedenen Aeußerungen hervorging, allerhand unangebrachte Machinationen zur Erlangung von Mandaten für den diesjährigen Gemeindetag vorgekommen. Auch uns liegt eine stattliche Zahl von Einwendungen gegen Mandatsinhaber vor. Es erübrigt sich, weiter aus diesen Gegenstand heute einzugehen. Aber man wird, wenn die Zeit des nächsten Gemeindetages herannaht, der Sache größere Aufmerksamkeit zuwenden müssen. Wahlbeeinflussungen, insbesondere auch von autoritativer Seite, sollten unter allen Umständen vermieden werden. Einige Lichtblicke, die der Gemeindetag diesmal besonders bot, seien zum Schluß noch registriert. Das stolze Wort des ersten Vorsitzenden des Gemeindebundes, Professor Philippson, daß nämlich der Deutsch-Israelitische Gemeindebund die demokratischste Konstitution aller großen jüdischen Organisationen habe, fand eine Bestätigung in der weitgehenden Loyalität, die alle Richtungen und Parteien innerhalb der Judenheit hier, aus dem elften Gemeindetag, zu Worte kommen ließ. Und ein Zweites lehren die Verhandlungen: In dem Aufeinanderprallen der Geister, in den teilweise leidenschaftlichen Reden und Auseinandersetzungen, in dem Feuereifer, mit dem man bei der Sache war, bekundete sich die ungebrochene Begeisterungsfähigkeit, bekundete sich das überaus warme Interesse für die Angelegenheiten des Judentums und zeigte sich zugleich, wie sehr man in allen Lagern der deutschen Judenheit die eminente Bedeutung der Frage erkannt hatte, die hier zur Beratung stand. Das Beste aber, was aus allen diesen widerstreitenden Meinungen, Gegensätzlichkeiten und heißen Wortkämpsen als dominierender Unterton überall emporklang, das war die Liebe zum Judentum und der einhellige Wille, zu seinem Besten auch in dieser Frage zu wirken. ' Sir Woche. Berlin, 1. Juni. eit langer Zeit haben unsere Gegner keinen neuen Angriffspunkt gefunden, der gegen die Juden auszunutzen wäre. Jetzt aber find sie auf der richtigen Spur. Natürlich führt die Kreuzzeitung" die Attacke an. Sie hat entdeckt, daß die Haupthetzer in England gegen die Deutschen — Juden sind. Sie weiß ganz genau, daß „fast sämtliche Hauptbeteiligte an allen gegen Deutschland gerichteten Veranstaltungen in England Bankiers und Börsenleüte jüdischer Abkunft mit — leider — deutschen Namen wären." Die Namen dieser jüdischen Bankiers verschweigt sie aber wohlweislich. Uns ist von diesen jüdischen Bankiers, die an der Spitze der Deutschenhetzer stehen sollen, nichts bekannt,

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