Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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73. Jahrgang. Nr. 23. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung' erscheint wöchentlich. Abonnemen ts-prei^: durch Birchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verl riebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 Ul. Redakteur: Gustar» Rarxeles. . - Begründet von Rabbiner D» Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemer Sir. 46/49. Alle Zusendungen . für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung .des Judentums*. Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf. Rlosse, Berlin. Mmr Sorgen. , . . . - Berlin, 1. Juni, riede und Eintracht, Würde und Wahrung der parlamentarischen Anstandsformen,waren bei aller Verschiedenheit der Meinungen die. Signatur der Verhandlungen der ersten zehn deutsch-israelitischen Gemeindetage, die im Verlause der vier Jahrzehnte seit Begründung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes in Leipzig abgehalten wurden. Dem elften Gemeindetage, der in der Vorwoche hier in Berlin abgehalten wurde, war es Vorbehalten, zeitweise von dieser schönen Regel und Tradition abzuweichen. Es ist richtig: keinem der vorhergehenden Gemeindetage war je eine Aufgabe von so eminenter einschneidender Bedeutung gestellt, als dem diesjährigen. So wichtig , die früheren Tagungen auch für die Entwicklung des jüdischen Gemeindelebens und Gemeindewesens oft waren, niemals vorher konnte sich das lebhafte Temperament an einer fundamentalen, prinzipiellen Frage so leidenschaftlich entzünden, wie an derjenigen, die diesmal zur Entscheidung stand. Zum erstenmal auch trat die ultraorthodoxe Richtung, die bisher im separatistischen „Schmollwinkel", allen Gemeinsamkeitsbestrebungen abhold war, in die Arena, und desavouierte damit in eklatantester Weise das Dogma ihres Begründers, daß zwischen ihr und der anderen Judenheit eine Kluft gähne, die größer sei als diejenige zwischen Katholiken und Protestanten. Wir freuen uns der besseren Einsicht, die offenbar in jene Kreise eingezogen ist, und teilen die Auffassung, der der verdienstvolle Vorsitzende des Deutsch-Jüdischen Gemeindebundes, Professor Philippson, und der zweite Vorsitzende, der streng konservative Kommerzienrat Hirsch-Halberstadt Ausdruck liehen, daß diese Einschwenkung in die Arbeitslinie der allgemeinjüdischen Aufgaben mit Freuden zu begrüßen sei. Wenn ihr erstes Debüt sich auch durch ein gewisses Uebermaß an Temperament auszeichnete und eine vielleicht allzu große Rücksichtnahme auf ihre Deduktionen die beklagenswerte Verschiebung des prinzipiellen Hauptgesichtspunktes in der Organisationsfrage verschuldete, so soll uns das doch nicht allzusehr betrüben, da es sich dabei nicht um irreparable Schäden handelt, damit aber vielleicht eine Basis geschaffen ist, in der dritten Lesung des Organisationsentwurfs eine Vorlage zu schaffen, die von dem Gesamtwillen der ganzen Judenheit getragen, das Hauptziel, die Gesamtorganisation des jüdischen Gemeindewesens in Preußen, erfüllt. Diese Hoffnung kann auch nicht dadurch beeinträchtigt werden, daß der ominöse Antrag Friedmann-Glogau eine bunt zusammengewürfelte Zufallsmajorität fand. Ein großer Teil derer, die für diesen Antrag stimmten, war sich, wie inzwischen einwandfrei festgestellt ist, der Tragweite desselben überhaupt nicht bewußt. Hat doch selbst ein Teil der Unterzeichner des Antrags inzwischen mündlich und.schriftlich die Namensunterschrift zurückgezogen. Und daß anderseits bei weitem nicht alle vertretenen Gemeinden an der Abstimmung teilnahmen, daß dagegen manche teilnahmen, die gar kein Recht, dazu hatten, ist an dieser Stelle bereits erwähnt und mit Ziffern belegt worden. Es kann aber auch keine Rede davon sein, daß der Antrag als Ausdruck des Willens der Majorität irgendeine direktive Bedeutung für die Mitglieder der Gemischten Kommission haben kann. Wer den Beratungen mit Aufmerksamkeit folgte, wird unschwer erkannt haben, wie immer und immer wieder sich vorzugsweise drei Gruppen in der ablehnenden Kritik des Gesetzentwurfes zusammenfanden. Da war zunächst ein Teil der Herren Rabbiner und Lehrer, denen die volle Durchsetzung ihrer Forderungen die natürlich conditio sine qua non toa*. Und doch müßte, falls man der Richtlinie des Friedmannschen Antrages folgt, die nur auf eine Nutzbarmachung der starken Kräfte der Großgemeinden zugunsten der kleinen und leistungsschwachen führt, eben im großen und ganzen „alles beim alten" bleiben. Eine zweite Gruppe wurde von einer unmotivierten Ueberbesorgnis für die Autonomie der Einzelgemeinden geleitet. Dabei ist es klar daß die Bestimmungen des Gesetzentwurfes die peinliche Sorgfalt wiederspiegeln, mit der oie Autoren ängstlich darauf bedacht waren, alles auszuschalten, was irgendwie als ein Eingriff in das religiöse und Selbstbestimmungsrecht der Gemeinden inter pretiert werden könnte. Daß es den übereifrigen „Rettern des Vaterlandes" doch gelungen ist, hier und da einen Satz zu entdecken, der nach ihrer Meinung die Möglichkeit eines Einflusses der übergeordneten Organisationen aus diese Autonomie der Gemeinden offen läßt, gab den Vertretern der ultraorthodoxen Richtung die erwünschte Gelegenheit, mit stärkerem Nachdrucke in dieselbe Kerbe zu hauen. Zu diesen Gruppen trat dann eine weitere, die, wie insbesondere die Zionisten, ein Hauptgewicht auf die stärkere Durchsetzung des Entwurfs mit demokratischen Prinzipien drang. Jede dieser drei Richtungen trug ihr wesentlich Teil dazu bei, daß das grundlegende Prinzip der staatlichen Gesamtorganisation ganz in den Hintergrund gedrängt wurde. So boten die Debatten, die zum Teil infolge von Meinungsverschiedenheiten über die formale Behandlung des Gesetzentwurfs zu turbulenten Szenen führten, zu einem großen Teile das Bild der Verkennung der großen Bedeutung des staatlichen Zusammenschlusses. Es war bedauerliche daß die große Versammlung nicht zu jener besonnenen Einsicht gelangtedie uns erkennen läßt, daß ein großes Werk, wie es die Regelung des jüdischen Gemeindewesens darstellt, nur dann zur gedeihlichen Erfüllung gelangen