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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-05-28 · Heft 22 (28.5.1909) · p. Seite 264

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 22 (28.5.1909)
Date
1909-05-28
Page
Seite 264 (sequence 12)
Language
German
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großes dabei? Als die Mauren in Spanien herrschten, hatte.? jeder Emir einen Juden zum Leibarzte, und viele von ihnen hgtten Juden zu Ministern. Neben jeder Moschee stand eine Medresse, und neben jeder Synagoge ein Beth Hanüdrasch.; Mauren saßen zu den Füßen jüdischer und Juden zu den Füßen maurischer Weiser. Edle Poetengestalten wandelten durch die Hallen, und hebräische Lieder klangen durch die Gassen. Damals sangen Jbn Gabirol und Jehuda Halevi ihre unsterblichen Weisen, blühte die Weltweisheit bei uns wie niemals zuvor und jemals nachher. Dann kam über die ' Mauren das Verderben und mit ihnen traf es die Juden. Wißt Ihr etwas von den Marannen? Von diesen Unseligen, welche, um den Flammen zu entgehen, mit' den Lippen den fremden Gott bekannten, während sie imHerzen zum Hüter Israels beteten? Man kann ein Menschenkind nicht mitten entzwei reißen und sagen: die eine Hälfte schwört auf den Nazarener, bje andere aus den Herrn, der vom Sinai sich offenbarte. 2)as ist wider die Natur, und weil diesen armen „juden-christlicheu" Marannen auf der pyrenäischen Halbinsel bei Strafe der lebendigen Verbrennung eine solche Selbstschändung zugßmutet wurde, deswegen flohen sie insgeheim, die einen nach Holland, die anderen nach der Türkei. Unter denen, welche nach Holland kamen, ging ein Stern auf, der noch heute lepchtet: Baruch Spinoza. Unter denen, welche die Türken gastfreundlich aufnahmen, erglänzte ein anderer: Joseph Nassi, der Wesir. Viermalhunderttausend Marannen bettelten in der Fremde um eine Zuflucht. Vielen war das Herz gebrochen, als sie von dannen ziehen sollten, denn die gewaltigen Moscheen und die zierlichen Minarets, welche sie hinter sich ließen, hatten eine zauberische Gewalt über sie gehabt und sie an lichte Tage erinnert, welche ihnen mitten im Exil beschieden gewesen. Es war ein Wagnis, nach Stambul zu rudern. Denn unter den Jawanim (Griechen und Slawen) war es einst den Juden recht kläglich ergangen, und die von Salonichi haben eine Geschichte, welche blutig ist von Mord und Verfolgung. Aber wider alles Verhoffen ließ man sie ruhig herein. Der Sultan Bajazid wollte ihnen wohl, die Sultane Selim und Soliman nicht minder. Und bald sah man, wie unrecht uns geschieht. Denn wenn nur ein Fünkchen Freiheit uns beschieden wird, so ist uns keine Arbeit zu sauer und kein Ziel zu hoch. Sechsunddreißigtausend jüdische Seelen zählte bald die Gemeinde von Stambul, aus Deutschland, Polen, Spanien, und Italien zusammengewürfelt. Und ebensoviel siedelten sich in Salonichi an. Die einen brachten Geld mit, die anderen Kenntnisse, und alle gediehen der neuen Heimat zu großem Nutzen. Einer ihrer Dichter, Samuel Usque, sagte: „Die große Türkei, ein weites und ausgedehntes Meer, hat unser Herr mit dem Stabe seiner Barmherzigkeit geöffnet, damit darin das Mißgeschick Jacobs untergehe. Dort hast Du die Pforten .der Freiheit und die Stellung auf Gleich und Gleich zur ruhigen Befolgung Deines Glaubens alleweil offen. Dort kannst Du Dein Inneres erneuern. Deinen Stand ändern, die Gebräuche abstreifen, falsche Lehrer und Jrrtümer verlassen und Deine alte Wahrheit wieder in Dich aufnehmen." Und Salonichi besang dieser nämliche Poet als „eine Mutter des Judentums". Der Großrabbiner von Konstantinopel hatte Sitz und Stimme im Divan, und neben ihm standen geehrt und angesehen die jüdischen Leibärzte des Serails, deren mancher zugleich als Astronom und Mathematiker sich in die Chronik der Wissenschaft einschrieb. Als Joseph Nassi zum Wesir und bald darauf zum Herzog der Cycladen erhoben wurde, war großes Staunen in I ganz Europa. Schier;,eLenso großes, als bei der Kunde, daß - die Magnaten in Polen hinein Juden die Krone ihres Reiches auf das Haupt gesetzt hätten. Aber die Sache war gar nicht so wunderlich. Es hatte sich eben gezeigt, daß man die Juden, wenn ihnen erst die menschliche Freiheit gelassen würde, zum Vorteile des Gemeinwesens benützen könne. Nassi, der Wesir, war der Urheber des Gedankens, den Venezianern die Insel Zypern abzunehmen, Md von dem Handelsgeiste, den die Juden entwickelten, füllten sich die Kassen des mohammedanischen Staates, wie das Ansehen desselben an ihm wuchs. Daher kam es auch, daß Sultan Soliman bei dem Papste Paul eine sehr dringende Fürbitte für die Marannen einlegte, welche, an die italienische Küste verschlagen, von fanatischen Widersachern geplündert und verfolgt wurden. Auch muß man nicht meinen, daß nur hie und da aus der Menge ein Einzelner auftauchte, der sich dem gastfreundlichen Staate verdienstlich machte. Die Marannen waren es, welche die Osmanen den Gebrauch des Pulvers und der Feldgeschütze lehrten. Ein deutscher Jude, Salomon Aschkenasi aus Udine, leistete als Diplomat vortreffliche Arbeit. Er war ursprünglich Arzt und als solcher am Königshose in Krakau sehr beliebt. - Die Wahl des Prinzen von Valois zum Herrscher Polens war sein Werk. Dann geriet er nach Konstantinopel und erlangte die Gunst des Sultans. Man verwandte ihn als Vermittler zwischen Venedig und Stambul, und so dankbar war ihm die Dogenrepublik für sein uneigennütziges Wirken, daß man beschloß, seine Söhne aus Staatskosten erziehen zu lassen. Sogar jüdische Frauen gelangten zu hohen Ehren. Da war eine kluge und arzneikundige Jüdin, Esther Kiera mit Namen, welche an das Bett des Prinzen Selim berufen wurde, als dieser an den Masern erkrankt war. Da ihr die Heilung gelungen war, so nahm 'sie fortan eine sehr einflußreiche Stellung im Serail ein. Man befragte sie in wichtigen Staatsangelegenheiten und widersprach ihr nicht, sooft sie für erledigte Posten geeignete Werber begünstigte. Ob es wahr ist, daß König Kasimir der Große von Polen die schöne Jüdin Esterka, welche er in einer Marktbude zu Krakau fand, zu seiner Gemahlin erhob, das kann man so bestimmt nicht Nachweisen. Aber Esther Kiera ist kein Phantom. Und auch Grazia Mendesia samt ihrer Tochter Reyna ist es nicht, welche auf ihre eigenen Kosten große jüdische Druckereien in Konstantinopel anlegten und eine Menge eingewanderter Talmudisten an ihrem Vermögen teilnehmen ließen. Glaubt aber nicht etwa, daß bloß in den beiden Städten Konstantinopel und Salonichi die Juden blühten. In Brussa und Sased, in Smyrna, Damaskus und Kairo erging es ihnen nicht minder gut, und daß man nicht denke, sie hätten ihre Wohlfahrt zu unfruchtbaren Grübeleien und zu ausschließlichem Schacher benützt, so muß man sich gegenwärtig halten, daß die türkischen Juden niemals sich als tiefe Talmudisten hervortaten. Eher noch gaben sie der Poesie die Ehre. Am meisten aber schätzten sie den redlichen Erwerb, und die schwere Arbeit im Ackerbau und in der Schiffahrt war ihnen kein Greuel. Freilich, freilich, das Glück macht übermütig. Und die Juden find am ersten geneigt, an seinem Schimmer sich mehr als billig zu erfreuen. Es kam plötzlich wie ein Schwindel über sie, und an allen Ecken und Enden sprangen wüste Schwärmer aus der Erde, welche sich als Messiasse ausgaben. (Schluß folgt.) Druck und Verlag van »Ludvlf Masse in Berlin. Deranlwortlich für die Redaktion: Max Bauchweh in Berlin.

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