Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1909)
- Date
- 1909-05-28
- Page
- Seite 263 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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: „Aber umOotteswillen/ sagen Sie nicht, daß Sie ein Jude sind!" rief/ er ihm noch nach, äls Julius Fürst erwartungsvoll zur Audienz führ. -? * v Der genannte Monarch behandelte ihn, wenn - auch ün seiner kürz angebundenen Weise, noch gnädig genug. ‘ Es schien alles gutzu gehen/ schon hatte sich der König mit einem gewissen Wohlwollen von ihm verabschiedet, da, im letzten Augenblick, wandte er sich, ihn scharf fixierend/ noch einmal dem Petenten zu: „Jude?" fragte er finster. „Ja, Majestät!" ' /' Noch ein Wink und Fürst war entlassen. Aus seiner Anstellung würde natürlich nichts. ' Der preußische Untertan, der sich, in solcher Weise zurückgesetzt' sah, versuchte nun in Sachsen sein Glück. In der Tat wurde er dort, allerdings sehr langsam, befördert. 1857 wurde er l-eetor publieus an der Leipziger Universität und 1864 daselbst Professor der aramäischen und talmudischen Sprachen. Doch brachte er es zu einem preußischen Orden, und den verlieh ihm Friedrich Wilhelm IV. aus Humboldts Anregung. ' Dieser verkehrte häufig in Berlin in den Salons des ausgezeichneten Arztes und bekannten Kantianers, des Waldeckschen Hosrates und Professors Dr. Markus Herz, der Juristen Gans und Hitzig, sowie von Moritz Veit, Michael Sachs und anderen. Mit all diesen Männern war er befreundet, auch gehörten siezu seinen politischen Gesinnungsgenossen. Mit Michael Sachs, dem hervorragenden Kanzelredner und meisterhaften Uebersetzer hebräischer Poesien, stand er allezeit aus bestem Fuße. Schon zu einer Zeit, als Michael Sachs noch in Prag lebte, unterhielt er mit.ihm einen regen Briefwechsel/ Wir wissen aus den Tagebüchern von Varnhageu v. Ense, daß Humboldt eine sehr hohe Meinung von dem geistreichen Rabbiner und Prediger hatte. Wer den ganzen edlen Charakter Alexander v. Humboldts im allgemeinen und seine spezielle Vorliebe sür hochbegabte und strebsame,.nur der Wissenschaft lebende Juden insbesondere beurteilen will, dem empfehlen wir die Betrachtung der Beziehungen des Königs der Wissenschaft zu dem jungen, so unglücklichen jüdischen Mathematiker Gotthold Eisenstein. Hier zeigte sich Humboldt nicht nur als hochherziger und uneigennütziger Gönner und Protektor, sondern auch als echter Wohltäter, der im Stillen aus dem Eigenen gab, obschon er zu den wenig begüterten Aristokraten gehörte und fast sein ganzes Vermögen durch seine wissenschaftlichen Reifen, seine kostspieligen Instrumente üsw. konsumiert wurde. Die Geschichte dieses Verhältnisses ist erst vor einigen Jahren in der „Allgem. Zeitung des Judentums" ausführlich dargestellt worden. Mit dem Komponisten Giacomo Meherbeer und dessen Familie, speziell seiner Mutter Amalie Beer, der edlen Wohltäterin,, die sich namentlich in den. Befreiungskriegen von 1813/15 um die Pflege der Verwundeten in Preußen unverwelkliche Verdienste erworben hatte, und seinen Brüdern, dem dramatischen Dichter Michael Beer und. dem Selenographen Wilhelm Beer, war er sehr befreundet. Der Komponist hatte es ihm zu verdanken, daß er durch ihn, der Kanzler der. Ordensklafse pour le m6rite tt>ar, diesen hohen Orden seitens des . Königs Friedrich. Wilhelm IV. erhielt. Ebenso war er mit Georg Beer, einem Sohne Wilhelm Beers, befreundet, als dieser zur Vervollkommnung seiner Handelskenntnisse nach London reiste, an den Preußischen Gesandten in der englischen Hauptstadt Josias von Bunsen (Potsdam den 8. Juni 1848) einen warmen Empfehlungsbrief mitgab, worin es unter anderem hieß: .Der Nesse eines Mannes, der mir sehr lieb ist, dessen Gesinnungen "so edel. Äs seine schöpferischen Talente großartig sind, der Neffe von Meyerbeerbringt Ihnen diese Zeilen. Sie enthalten eine Bitte. Der sehr junge Reisende, der sehr gute klassische Studien gemacht, sich aber dem Küufmannsstande widmet, heißt Georg Beer. Der Vater hat das Verdienst, gemeinschaftlich mit Professor Mädler eine vortreffliche Mondkarte angefertigt /und mit vieler Geldaufopferung publiziert zu haben. Die sehr opulente Familie ist durch große patriotische Wohltätigkeit, die sich aus alle Religionsverwandte ausdehnt, wie durch gastliche Aufnahme aller fremden und einheimischen Gelehrten und Künstler in der reizenden Villa im Tiergärten berühmt. Der junge Mensch wird nur wenige Monate in England verweilen zur Vollendung seiner geistigen Ausbildung. Sie werden mich sehr verpflichten, teurer Freund, wenn Sie dem jungen Georg Beer Ihren Schutz und einiges Interesse schenken würden." Empfehlungsschreiben sür irgend bedeutende und verdienstvolle Persönlichkeiten waren überhaupt eine Spezialität Humboldts, und dieser seiner Befürwortung hatten es, wie gesagt, gar viele Gelehrte, Schriftsteller, Künstler usw. zu verdanken, wenn sie im Kämpfe üms Dasein vorwärts kamen und obsiegten. Es würde mich aber zu weit führen, wollte ich alle die Schutzbefohlenen des „Zeremonienmeisters der Wissenschaften" hier Revue passieren lassen. Nur einige wenige wollen wir aufs Geratewohl noch hervorheben. Dem späteren französischen Finanzminister Achille Fould empfahl er dem genannten Josias v. Bunsen von Paris aus (21. Oktober 1831). Bei demselben Adressaten führte ec-den praktischen Arzt Dr. Behrend (Berlin, 19. März 1840) mit folgenden Zeilen ein: „Ein jüdischer, aber allerdings sehr ausgezeichneter Arzt, Dr. Behrend, ist von den gescheitesten Männern hier, von Dieffenbach, Jüngcken, sehr empfohlen, er hat sich in Zürich um eine Stelle als Kliniker der Hochschule gemeldet. Er hat schon in Königsberg medizinische Preise gewonnen, hat eine sehr gute Schrift über Hautkrankheiten herausgegeben und genießt eines sehr unbescholtenen Rufes. Er versichert mich, daß neben Schönleins Stelle der speziellen Therapie und Klinik noch zwei andere kleine Stellen bei der Hochschule vakant sind. Dr. Wehrend hat eigenes Vermögen und ist vorläufig erbötig, auch ohne Gehalt jede untergeordnete Stellung, selbst interimistisch, anzunehmen. Meine Bitte, hochverehrter Freund, geht also dahin, daß Sie, wenn Sie können, einige belobende und schätzende Worte über den Mann fallen lassen." (Schluß folgt.) Türkische Juden. Von Wilhelm Goldbaum. II. mosche Christ sprach etwa so: Wenn einmal nn Abendlande ein. Jude zum Volksvertreter gewählt oder zum Professor ernannt wird, so ist namenloser Jubel in ganz. Israel. Die Alten verwahren das Zeitungsblatt, worin die Meldung enthalten ist, neben ihrer Pfeife in der hinteren Rocktasche, und ziehen es bei jedem zehnten Schritte hervor, um es im Lehrhause, in der Schenke, auf offenem Markte der lauschenden Jugend zu zeigen. Was istdenn aber 263