Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1909)
- Date
- 1909-05-28
- Page
- Seite 262 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Gerneindetag wird, nach kurzer Debatte . über dieses. Referat mit den üblichen Dankreden geschloffen.-. Die Verhandlungen des. DeutschMIsraelitischen Verbaudstags. .haben "sich., unter Vorsitz von Professor M. Philippson viel ruhiger und sachlicher abgespielt. Der erste Referent Dr. A. Kahn sprach über die Bekämpfung des Wanderbettels und wies darauf hin, daß der größte Teil jüdischer Wanderbettler Ausländer . sei, daher sei die Frage des Wanderbettels mit der Aus- und Rückwanderung verknüpft. Redner empfiehlt Arbeiterkolonien, Wanderarbeitsstätten, Brockenanstalten, Arbeitsnachweise nach einheitlichem Grundplan durch Zusammenschluß der erwähnten Institutionen, darm bestimmte Marschrouten für Wanderbettler. Außerhalb derselben und ohne vorherige Arbeit sollten keine Unterstützungen an arbeitsfähige Auswanderer gewährt werden. — Apfel-Köln verlangt Gründung einer Zentralwanderkasse in jeder Provinz und einer Generalwanderkasse zur Unterstützung insolventer Zentralwanderkassen. — Laskar-Hamburg bezweifelt die Durchführbarkeit dieser Vorschläge und empfiehlt schnelle Abschiebung der Wanderbettler über die Grenze. Dagegen protestiert Rabb. Tr. Neuhaus-Ostrowo, weil die meisten dieser Leute ohne Pässe sind und daher nicht über die Grenze geschafft werden können. Beschlossen wird die Bildung , einer Kommission von Praktikern der Armenpflege und der Vertreter großer jüdischer Verbände,- die Vorschläge zur einheitlichen Bekämpfung des Wanderbettels machen soll. .. ' Professor. Türk referiert sodann über Nutzbarmachung der durch das preußische Schulunterhaltungsgesetz den jüdischen Gemeinden zustehenden Ansprüche, auf kommunale und staatliche Beihilfen zu den Kosten des Religionsunterrichts. Redner empfiehlt energisches Eintreten für die Beseitigung der Gesetzesbestimmung, welche Kommunalbeihilfe von der Minimalzahl von zwölf Kindern in einer und derselben Volksschule abhängig macht. In angemessener Zeit soll eine Enquete über die Wirkung des Schulunterhaltüngsgesetzes veranstaltet werden. Dr. Apfel-Köln teilt eine Regierüngsentscheidung an die Synagogengemeinde Kirn mit, welche eine entgegenkommendere Praxis, für Staatsbeihilfe aufweist. Rabb. Dr. Munk teilt eine Ministerialentscheidung mit, wonach der Rabbiner Mitglied der Schuldeputation sein muß, wenn 20 jüdische Volksschüler/ einschließlich derjenigen der jüdischen Volksschulen, an dem betreffenden Orte vorhanden sind. Mehrere Redner empfehlen zur Erlangung von Beihilfen mündliche Verhandlungen mit den Landräten und Regierungspräsidenten. Von anderer Seite wird verlangt, daß die ganze Arbeit auf diesem Gebiete in der Hand besonderer Schutzkommissionen bei den Provinzialverbänden auf Grund einer zu beschaffenden zuverlässigen Statistik zentralisiert sein -muß. . Hieraus folgt ein Austausch von Erfahrungen auf dem Gebiete des Religionsunterrichts und zur Beseitigung des Mangels an Kultusbeamten; speziell handelt es sich um die Revision der Religionsschulen. Generalsekretär Dr. Neumann beantragt als Referent die obligatorische Inspektion seitens der Provinzialverbände. Bei der Auswahl der Inspektoren soll auf dessen religiöse Richtung im Verhältnis zu .derjenigen des inspizierten Lehrers Rücksicht genommen werden. Endlich wurde -noch beschlossen, den Verbandstag nicht wie bisher in beliebigen Zwischenräumen, sondern alljährlich abzuhalten. Die drei letzten Punkte der diesmaligen Tagesordnung, diewegen vorgerückter Zeit zurückgestellt werden mußten, sollen die ersten Beratungsgegenstände . der nächstjährigen Tagung bilden. Mit den üblichen Dankesworten wurde dann der Verbandstag geschlossen. Im Anschluß an die Verhandlungen teilen wir die Kopie eines Schriftstückes mit, das dem D. I. G. B. am 23. d. M. zugegangen: Die Herren Rektor Dr. Gutmann-Berlin und Rektor Feiner- Hamburg halten es für ihre Pflicht, dem geehrten Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes folgendes zur Kenntnis zu bringen: Wir haben auf dem Gemeindetage am Montag den 17. d. M. infolge eines Mißverständnisses irrtümlich für den Antrag Friedmann gestimmt weil wir den zweiten Satz des wenig klargefaßten Antrages so aufgefaßt hatten, als ob durch.ihn nur verlangt würde, daß bei' einer Organisation, der Provinzgemeinden und der Landesgemeinde ‘ die r e l i g i ö s e Selbständigkeit der Gemeinde nicht beeinträchtigt, werde. Kamen uns schon 'bei dem Beifall; den die Annahme des. Antrages bei Gegnern des Entwurfes fand, Bedenken über die Richtigkeit unserer Auffassung, so ist es uns bei der Lektüre des in den jüdischen Zeitungen veröffentlichten Berichts' erst recht klar geworden, daß eine so absolute Selbständigkeit der Gemeinden durch den Antrag FriAmarin gefordert wird, daß wir ihm nicht zugestimmt hätten, wenn wir ihn. nicht infolge des großen Tumultes der besonders in der Gegend des Saales herrschte, in der wir saßen und der Leidenschaftlichkeit, mit der dort gerade' über die gefürchtete Beeinträchtigung der religiösen Selbständigkeit der Gemeinden debattiert wurdet mißverstanden hätten. Das allerdings hatten uns die Verhandlungen gezeigt, daß eine. Organisation nur möglich ist, wenn die religiöse Autonomie der Gemeinden unangetastet bleibt. Wir bedauern dieses Mißverständnis um so mehr, als der Antrag Friedmann abgelehnt.uvorden wäre, falls wir gegen ihn gestimmt hätten. Mit vorzüglicher Hochachtung Rektor Dr. Gutmann-Berlin. Rektor Josef Feiner-Hamburg. Aehnliche Erklärungen sind von verschiedenen Seiten angekündigt. Sonnt hat die Annahme des Antrages Friedmann jede Bedeutung verloren^ : - ' ■; MkMndrr o. Humboldt. Von Dr. Adolph Kohut. II. umboldt ging sehr diplomatisch vor, um die Wahl von Nieß zum Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften möglich zu machen, beziehungsweise um die Bestätigung seitens des Monarchen sich zu sichern. - Als auf den Vorschlag Humboldts die Akademie den Genannten zu ihrem Mitglieds aufnehmen wollte, - benachrichtigte unser Naturforscher den König. schon im voraus von dem Vorhaben des Instituts. Der König erwiderte,, er würde die Wahl ohne alles Bedenken bestätigen. Trotz alledem war dem Kultusminister Eichhorn die Sache unangenehm, daher ließ er das Gesuch der Akademie um die Königliche Bestätigung volle sechs Wochen liegen und schrieb dann an die hohe Körperschaft, ob sie denn auch gewußt habe, daß Rieß Jude sei. Ueber diese sonderbare Frage war die Akademie begreiflicherweise sehr aufgeregt und antwortete einstimmig, sie halte sich an ihre Statuten wo von der Konfession nicht die Rede sei, habe nach diesen gewählt und weise daher die Frage des Ministers als eine ungehörige zurück, ohne sie erst zu beantworten. Diese Grobheit steckte Eichhorn ruhig ein, beeilte sich aber, das Bestätigungsgesuch an .den König abgehen zu lassen, der es auch sogleich bewilligte. Julius Fürst, der Verfasser der Werke „Die Sprache der Väter" (Leipzig 1839), „Die israelitische Bibel" (Berlin 1838), „Kultur- und Literaturgeschichte der Juden in Asien" (Leipzig 1849), „Geschichte der biblischen Literatur und das jüdisch-hellenistische Schrifttum" (Leipzig 1867—70. 2 Bände) usw., der bekannte Lexikograph und Orientalist (geboren 12. Mai 1805 in Zerkowo, Provinz Posen, und gestorben 9. Februar 1873 in Leipzig), hatte dem Wohlwollen Humboldts gleichfalls viel zu verdanken. Seit 1833 in Leipzig als Privatdozent habilitiert, ging es ihm finanziell sehr schlecht, und so wandte er sich in seiner Notlage an den großen Mäzen der Wissenschaft, um dessen Protektion bittend. Seine Bitte ging dahin, durch Vermittlung Humboldts eine Anstellung als Sekretär bei der preußischen Gesandtschaft in Konstantinopel zu erhalten. In der Tat verschaffte ihm der Kammerdiener Friedrich Wilhelms Hl. eine Audienz bei diesem Monarchen. > ■■■- ■ r - -