Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1909)
- Date
- 1909-05-28
- Page
- Seite 259 (sequence 7)
- Language
- German
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gegen die Fremdlinge (Jnorodzy). Mit einer besonderen Wut fiel er über die Juden her, und die empörendste Geschichte — die Entziehung der elementarsten Rechte einer fünf Millionen starken jüdischen Bevölkerung — würbe durch Ministerzirkulare produziert; dieser ganze Anschlag auf die elementaren Rechte des russischen Bürgers erscheintals Produkt des persönlichen Willens des Herrn Ministers. - ‘ Man sagt, daß es nämlich notwendig sei, der christlichen Bevölkerung Raum zu geben, aber uns ist es hinlänglich bekannt, auf welche Weise das Ministerium operiert, um Universitäten zu eröffnen.. Es genügt an die Geschichte der Saratower Universität, an die Ignorierung der Vorstellung der kaukasischen Bevölkerung, derselben die Möglichkeit zu geben, wenigstens mit ihren eigenen Mitteln eine neue Universität zu gründen, , zu denken, um zu sehen, wieviel Wahres in jenen Argumenten sich befindet. Es gibt ein anderes Argument: Die Fremdlinge schaden in der Universität. Darf es denn Wunder nehmen, daß die am meisten unterdrückte Nationalität am energischsten gegen den Druck und die Willkür protestiert? Aber die Unruhen fanden und finden auch in solchen Lehranstalten statt, wo man die Juden gar nicht aufninnut. Ich halte es für meine Pflicht, diese schmachvolle Feindseligkeit eines Ressorts, welches sich vermessen Ministerium der Volksaufklärung nennt, zu brandmarken. Ich bin aber davon überzeugt, daß es Herrn Schwarz nicht gelingen wird, den Geist der Aktivität und das Bestreben des Selbstbewußtseins in den Volksmassen zu vernichten. Der Sieg der Reaktion ist nicht langlebig, und die altersschwachen Hände von Schwarz und seinen Kollegen werden die russische revolutionäre Bewegung nicht zum Stehen bringen. Schwarzs Politik kann es nur dahin bringen, wozu es die alte Politik gebracht hat — zur Revolution, und die wahre Autonomie der höheren Schulen kann nur als die Folge der revolutionären Bewegung erscheinen/ * Ueber die Juden in Tripolis macht der bekannte Reisende Ernst v. Hesse-Wartegg die folgenden interessanten Mitteilungen: „Unter den 80 000 Einwohnern von Tripolis sind mindestens ein Zehntel Juden. Nicht nur Abkömmlinge jener, die zu Torquemados Zeit aus Spanien vertrieben worden sind, und sich wie überall im Mittelmeere, auch hierher flüchteten, sondern auch die Nachkommen der ägyptischen und römischen Juden! Im alten Oca und den anderen Römerstädten Tripolitaniens gab es blühende Judenkolonien, selbst Karthago besitzt eine solche, wie der dortige Jndensriedhof beweist, und sind auch die Römer verschwunden, die Juden haben sich mit den Ureinwohnern des Landes, den Berbern, erhalten und sitzen heute nicht nur in allen Städten, sie weilen auch draußen im Gebirge unter den Berbern und sind unter den Troglodyten desDschubel Gharian und Dschubel Nefoussa selbst Troglodyten geworden. Daß diese Höhlenbewohner dort schon lange ansässig sind, sah ich selbst aus alten Grabsteinen aus dem elften und zwölften Jahrhundert. In manchen Oasen bewohnen sie ganze Dörfer. So zum Beispiel fand ich sogar in der die Stadt Tripolis umgebenden ungeheuren Oase, mitten im Palmendickicht verborgen und einige Kilometer von der Stadt entfernt, das Dorf Amruß mit über tausend Einwohnern, die fast durchweg Juden sind. Sie haben ihre eigenen Synagogen, Rabbiner, Talmudschulen, und beobachten ihre alten religiösen Sitten und Gebräuche unverfälscht bis auf den heutigen Tag. Ja., sie halten eifersüchtig jeden fremden Einfluß fern, wollen von Europa, von Reisen, modernen Sprachen und Schulen nichts wissen und vegetieren lieber in Schmutz, Aberglauben und Elend weiter. Auch in der Hara, dem großen Judenviertel von Tripolis, find die Verhältnisse nicht viel besser. Nur ein kleiner Teil der dortigen Juden hat sich emanzipiert und ist dadurch zu großem Wohlstand und Einfluß gelangt. Handel, Industrie und Gewerbe liegen in Tripolis ganz in ihren Händen, sogar der Karawanenverkehr nach dem Sudan wird fast ausschließlich von jüdischen Häusern geleitet. Von der Verachtung, welche die Marokkaner und Algerier den Juden zeigen, ist in Tripolis nichts zu bemerken. Sie werden hier sogar zu Beamtenposten zugelassen, sind Konsuls und Dragomanen, ja selbst der mächtige Generalsekretär des Wali ist ein Jude. Während sie in Marokko in ummauerten Ghettos zusammengepfercht wohnen, ist diese Absperrung hier längst gefallen, und in der Umgebung des einzigen hervorragenden Denkmals aus der Römerzeit, einem herrlichen skulpturenbedeckten Triumphbogen, stehen mitten in der Stadt friedlich türkische Moscheen, eine schöne neue katholische Kirche, ein protestantisches Bethans und eine Synagoge nahe beieinander." Ler Dkuttch-Ararlitilche Gemeindetas.; '' ' ■ ii. Berlin, 18. Mai. ir setzen heute den Bericht über den ersten Verhandlungstag fort. In der an das Referat des Direktor Dr. Minden sich anschließenden Debatte beantragt Levy-Hechingen, die Hohenzollernschen Lande von dem Geltungsbereich des Entwurfs auszuschließen, da letzterer für Hohenzollern einen Rückschritt bedeute, j Ob der Entwurf den Einzelgemeinden genügende Selbständigkeit gewähre und erhalte, wird von der einen Seite bejaht, von der anderen lebhaft bestritten. Der Entwurf führe vielmehr durch die Befugnisse, die er der Provinz- und Landesgemeinde einräumt, indirekt die süddeutsche Konsistorialverfassung ein. i Es ' genüge, die leistungsunfähigen kleinen jüdischen Landgemeinden zu freiwilligen leistungsfähigen Bezirksverbänden zusammenzufassen. Das sei aber auch unter dem bestehenden Judengesetz von 1887 möglich. Blumenthal.Kassel tadelt, daß nicht genügend Gewicht auf die kulturellen Aufgaben der Gemeinde gelegt wird. Es fehle ferner die Bestimmung über die religiösen Aufgaben der Gemeinde, es fehle ferner die Bestimmung, daß jeder Jude einem Rabbinat angehören muß. Gut möge der Entwurf sein, jüdisch sei er nicht. Den Rabbinern sei nicht eine hinreichend autoritative Stellung durch den Entwurf gewährleistet. Die Vorlage müsse abgelehnt werden. FeiNer- Hamburg tritt lebhaft für das aktive und passive Wahlrecht der Lehrer in den Gemeinden ein und begründet eingehend die Anträge des Lehrerverbandes. Direktor Minden-Berlin stellt hinsichtlich des Wahlrechts ein Entgegenkommen gegen die Lohnforderungen in Aussicht. Die Besoldungen selbst könne ein Organisationsgesetz nickt normieren. Löb-Franksurt plädierte vom orthodoxen Standpunkte für Ablehnung des Entwurfs. Es genügten, solange die religiöse Selbständigkeit der Gemeinden nicht hinreichend garantiert sei, obligatorische Unterstützungskassen für leistungsschwache Gemeinden. Kommerzienrat V. Hirsch-Halberstadt bestreitet, daß die Freiwilligkeit der kleinen Gemeinden genügendes leiste. Ihr Jndifferentismus sei zu groß. Hier müsse Zwang geübt werden und deshalb werde das Brauchbare aus dem Entwurf herausgezogcn und zu einer Erfolg versprechenden Vorlage gestaltet werden müssen. Sanitätsrat Dr. Apfel-Köln beantragt direkte Wahlen für die jüdischen Gemeindeverwaltungen in allen Instanzen, er befürwortet bessere Berücksichtigung der jüdischen Volksschule und der Lehrerforderungen. Auch wünscht er, daß die Stellung der Rabbiner im Gesetzentwurf verbessert werde, ebenso, daß die Wünsche der Lehrer, berücksichtigt werden. Besonders die Forderung der Gründnng und Subventionierung von jüdischen Volksschulen, eine Forderung, welche der Rheinische Provinzialverband schon früher gestellt hat, halte er für durchaus notwendig. Dr. Vogelstein-Stettin: Aus dem freiwilligen Zusammenschluß mehrerer leistungsunfähiger Gemeinden wird noch keine leistungsfähige. Dazu bedarf es des Zwanges aus die leistungsfähigen Einzelgemeinden. Cr beantragt die obligatorische Zugehörigkeit jedes preußischen Juden zu einem Rabbinat. Den Rabbinern müsse in religiösen. Fragen mindestens ein suspensives Veto zugestanden werden. Amtsgerichtsrat Blumenfeld-Insterburg empfiehlt die Einrichtung ständiger Schiedsgerichte bei Streitigkeiten zwischen Gemeindevorständen und Gemeindebeamten. Darauf wird die Abstimmung über.sämtliche. Anträge zu' dem ersten Abschnitt ausgesetzt, die Anträge selbst werden der gemischten Kommission zur Berichterstattung in der dritten Lesung überwiesen. . Es folgt das Referat von Professor Vlaschke-Berlin über Abschnitt II (Gemeindebeamte). Referent beschäftigt sich wesentlich mit