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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-05-28 · Heft 22 (28.5.1909) · p. Seite 256

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 22 (28.5.1909)
Date
1909-05-28
Page
Seite 256 (sequence 4)
Language
German
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Juden nahmen das größte Interesse au diesen primitiven Brüdern, nnd man Projektierte schnell — allzu schnell — die Schaffung eines Lehrerseminars in Erythrea, das falaschische Lehrer äusbilden sollte, deren Aufgabe .es wäre, in den Heimatbezirken der Falaschas Schulen zu gründen. Es ist nur natürlich, daß Herr Faitlowitsch sich selbst als den gegebenen Leiter betrachtete. Die Alliance, zur Teilnahme an dem Unternehmen eingelnden, lehnte ab. Sie hatte zu der Eignung des Herrn Faitlowitsch kein großes Vertrauen. Sie hegte, sogar einige Zweifel hinsichtlich der Behauptungen seines Berichts über die Lage der Falaschas. Um die Frage endgültig zu lösen und die jüdischjournalistische Kampagne aufzuklären, entschied sich die Alliance, eine neue Expedition nach Abessinien abzuordnen. Herr Nahum wurde zur Leitung ausersehen. Ein junger russischer Mediziner begleitete ihn. Sie haben den Bericht des Herrn Nahum gelesen. Die Alliance wird Prüfen, was innerhalb der sehr vorsichtigen Grenzen der Nahumschen Vorschläge geschehen kann. Unter allen Umständen kann nicht davon die Nede sein, wesentliche Aenderungen in das moralische Leben der Falaschas zu bringen. Man würde damit für sie mehr Schaden als Nutzen stiften. VI. - Sie haben die langatmigen Angriffe verfolgt, deren Gegenstand unsere Schulen seit ungefähr zweiJahren in der orthodoxen jüdischen Presse gewesen sind: „Man lehrt nicht hebräisch, man erzieht schlechte Juden, man erzieht sogar schlechte Söhne; die Schulen stehen in üblem Ansehen bei der Bevölkerung, deren Bedürfnisse und Wünsche sie nicht kennen." Ich will hier nur Worte des Friedens und der Versöhnung sprechen. Es würde mir aber nicht schwer sein, Ihnen zu zeigen, daß, wenn diese Angriffe zuweilen auch von frommen und gutgläubigen Männern ausgingen, die außer dem religiösen kein anderes Interesse kennen, die Angriffe in vielen Fällen nicht gerade in religiösem Konservatismus wurzelten. Diese Kampagne bildete vielmehr einen Teil des allgemeinen Angriffsplanes, der darauf abzielte, der Alliance die freundliche Gesinnung ihrer Anhänger, namentlich der Strenggläubigen, und im besonderen der deutschen Juden zu entziehen. Diese Schilderhebung ließ das Zentral-Komitee zunächst ziemlich kühl. Das Zentral-Komitee legte ihr so wenig wie dem Geschrei einer mißvergnügten Presse besonderes Gewicht bei. Aber gegenüber der Hartnäckigkeit nnd Erbitterung, die jene Angriffe zur Schau trugen, entschloß sich das Zentral-Komitee. einer Anregung der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft zu folgen und eine Abordnung zu delegieren mit dem Aufträge, die Anschuldigungen zu untersuchen und Aufklärung zu schaffen. Ich will nicht wiederholen, was die beiden Mitglieder der Expedition auf Pflicht und Gewissen als Rabbiner und Gelehrte erklärt haben. Sie haben ihre unzweideutige Antwort gelesen. Was bleibt von den Anklagen übrig, die man gegen den in den Allianceschulen erteilten Unterricht erhoben hat? Nichts bleibt übrig! Aber die Tatsache bleibt bestehen, daß unser Werk systematisch 'und periodisch der Gegenstand der ungerechtesten und gehässigsten Angriffe ist. Das ist das Schicksal aller großen Dinge, besonders der vielleicht erfolgreichen. Wohl aber möchte ich die Leichtgläubigkeit beklagen, die unser Publikum gewissen Informationsquellen entgegenbringt. Ta Sie den bedeutsamen Bericht des Herrn Dr. Porges gelesen haben und über den Wert unserer Schulen belehrt sind, und über die Wohltaten, die sie in alle jüdischen Gemeinden der muselmanischen Welt tragen, so lassen Sie mich Ihnen jetzt zeigen, wie ausgedehnt und tief dieses Erziehungswerk ist, welche Mannigfaltigkeit der Mittel es anwendet, und welche Wurzeln es in den verschiedenen Ländern seines Wirkens geschlagen hat. VII. Die Alliance besaß keine 1000 Mark, als sie ihre erste Schule in Marokko schuf. Das war im Jahre 1862. Im Jahre 1864 schuf sie eine in Tanger, 1865 gründete sie die von Bagdad im äußersten Süden der asiatischen Türkei. Im Jahre 1875 betrug die Zahl der Schulen erst 24. In diesem Jahre schenkte Baron Hirsch, der damals einen großen Teil des Jahres in Konstantinopel lebte und aus der Nähe sah, wie die Alliance Gutes wirkte, der Alliance eine Million Franken zur Einrichtung neuer Schulanstalten in der Türkei. Das war der Ausgangspunkt für einen neuen Aufschwung. Im Jahre 1884 hatte die Alliance bereits 34 Knaben- und 19 Mädchenschulen. Im Jahre 1887 verloren Baron und Baronin Hirsch ihren einzigen Sohn Lucien. Diese großherzigen Wohltäter heiligten gewissermaßen ihre Trauer durch großartige philanthropische Schöpfungen. So empfing die Alliance ein Geschen von seltener Freigebigkeit, das ihr gestattete, ihr Schulwerk immer mehr auszuweiten. Im Jahre 1900 hat die Alliance bereits 100 Schulen mit 26 0OO Schülern, und im Jahre 1908 142 Schulen mit 41 000 Schülern. Was es der Alliance ermöglicht hat, diese beträchtliche Ausdehnung ihres Werkes in den letzten 10 Jahren vorzunehmen, war ein Legat der Frau Baronin Hirsch in Höhe von' fast 16 Millionen Franken. Im Jahre 1908 hat die gesamte Ausgabe für das Schulwerk allein 2 300 000 Franken überstiegen. Hiervon hat die Alliance 1 400 000 Franken, haben die Gemeinden 900 000 Franken beigesteuert. Der stattliche Beitrag der Gemeinden, die im allgemeinen arm sind, zeigt besser als Worte, daß die Schulen den Wünschen der Bevölkerung entsprechen. Es genügt, darauf hinzuweisen, daß von den 900 000 Franken mehr als zwei Drittel aus dem Schulgeld der Kinder herrühren. Würden die wahrlich nicht wohlhabenden Eltern das zuweilen recht beträchtliche Schulgeld auf sich nehmen, wenn sie nicht den Wert des ihren Kindern erteilten Unterrichts und den für deren ganze Zukunst daraus entspringenden Nutzen zu schätzen wüßten! Die Erfahrung ist tausendmal wiederholt worden, daß die Eltern an einer Schule um so mehr hängen, je mehr Opfer diese verlangt. Auf solche Weise sind wir dahin gekommen, uns von den Ausgaben für einen Teil unserer ältesten Schulen zu entlasten, um unsere Mittel neuen Schöpfungen zuzuwenden. Anfangs und eine Reihe von Jahren hindurch mußten wir mit dem Notwendigsten beginnen, mußten wir uns begnügen, in unsere Schulen einen Teil der schulfähigen Bevölkerung aufzunehmen. Allmählich haben wir unsere Tätigkeit auf die Talmud-Thora-Schnlen ausgedehnt, in denen die physische und geistige Gesundheit der Jugend dahinsiechte. Mit der Zeit haben wir in den großen Zentren die Talmud-Thora-Schulen förmlich aufgesogen. Wo sich dem Schwierigkeiten entgegenstellten, haben wir ihre Leitung übernommen. In dieser Art sind wir in Adrianopel/Smyrna, Bagdad, Damaskus, Beirut, Tunis, Tanger, Mogador und einzelnen Teilen von Konstantinopel vorgegangen. Nach der Reorganisation der Talmud-Thora-Schulen haben wir begonnen, auch Kindergärten zu schaffen. Diese sind zwar weniger dringend, doch von unzweifelhafter Nützlichkeit; wir werden hierbei in der methodischen Art fortfahren, die uns bei allen unseren Maßnahmen leitet. VIII. Wenn unsere Zöglinge die Schule verlassen, hören wir noch nicht auf, ihnen wenigstens die moralische Führung weiter zu gewähren. Wo es irgend möglich war, haben wir versucht, sie in besonderen Vereinigungen zusammenzuhalten; gegenwärtig bestehen bereits 20 Vereine ehemaliger Alliance-Zöglinge, die ihren Klub, ihren Lesesaal, zum Teil ihre eigene Musikkapelle haben, Die Absicht dieser Vereine ist, ein dauerndes Band zwischen den Mitgliedern herzustellen. Sie beschäftigen sich mit der Unterbringung junger Kameraden in Werkstätten und Handelshäusern und bilden vortreffliche Gelegenheit zu gegenseitiger Hilfe. Schon in der Schule ermutigen wir die Bildung derartiger Gegenseitigkeitsgesellschaften. Wir glauben, daß wir denen, die lange Zeit die Macht eines solchen Förderungsmittels zum Wohlbehagen und zu. sozialem Fortschritt nicht gekannt haben, auch hierdurch einen wesentlichen Dienst leisten. Die Mehrzahl dieser Gesellschaften veröffentlicht regelmäßig Berichte über ihre Tätigkeit. Sie stehen auch untereinander in Verbindung. Aus diese Weise ist eine Art „junger Alliance" entstanden. Neben den Schulen haben wir fast überall Lehrlingsschulen für Knaben und Mädchen eingerichtet. Auch hier hat uns die Erfahrung — zuweilen in recht kostspieliger Weise — gelehrt, wie wir am sparsamsten und zugleich wirksamsten Vorgehen könnten. Die Unterbringung unserer Lehrlinge begegnete der Feindseligkeit der christlichen und muselmanischen Meister, so daß wir zuweilen den Versuch gemacht haben, besondere Werkstätten einzurichten. Nach ein bis zwei Jahren mußten wir sie schließen, da die erwünschten Ergebnisse ausblieben. Es ist besser, die Lehrlinge bei Meistern in der Stadt unterzubringen. Man hat auf jede Weise versucht, die nichtjüdischen Meister zu gewinnen. Nack einigen Jahren haben.unsere Lehrlinge

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