Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1909)
- Date
- 1909-05-28
- Page
- Seite 255 (sequence 3)
- Language
- German
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Deputierten sind drei Zöglinge der Alliance, und mehrere muselmanische Deputierte rechnen es sich zur Ehre an, moderne Kultur auf/den Bänken unserer Schulen kennengelernt zu haben. Man darf sich' also, nicht wundern, daß es wiederum einer unserer Schüler,'einer unserer Schützlinge ist, ein Rabbiner von umfassender und tiefer Gelehrsamkeit, der auf den wichtigen Posten des Großrabbiners der.Türkei berufen worden ist. Noch lag, möchte man sagen,', der Reisestaub von Abessinien auf Haim Nahum, als ein Delegierter der Gemeinde Könstantinopel nach Paris kam, um ihn zu suchen, und' ihm nicht einmal Zeit ließ, mündlichen Bericht über seine Sendung zu den Falaschas zu erstatten. In gewissen Kreisen, namentlich Deutschlands, hat man Haim Nahum nicht als orthodox 'genug für sein hervorragendes Amt angesehen. Nicht wenige Rabbiner haben sich sogar den Luxus gestattet, den ottomanischen Juden die schlimmsten Katastrophen vorauszusagep, wenn sie ihre Stimme diesem Kandidaten gäben Die wackeren Leute haben geglaubt, daß die ottomanische Judenheit noch in der Kindheit läge. Aber der. Unterricht, den die Alliance seit 30 bis 40 Jahren mit vollen Händen in der Türkei ausgestreut hat, hat diesen Bevölkerungsteil zur Reife geführt, so daß die prophetischen Wehklagen dort kein Echo finden konnten. Es hat Nicht einmal einen Kampf gegeben. Herr Nahum vereinigte fast die Gesamtheit der Stimmen des Wahlkörpers, der aus Rabbinern und Laien zusammengesetzt war und der alle Gemeinden der Türkei repräsentierte. IV. Wir sind hier, um uns mit allem Freimut auszusprechen.' Ich will deshalb diesen Gegenstand nicht verlassen, ohne eine heikle Frage wenigstens zu streifen, die uns beschäftigen muß, die Frage nämlich: welches ist die eigentliche Ursache für den Erfolg der Alliance in der Türkei, und wie ist es gekommen, daß niemals die ottomanische Negierung, die so mißtrauisch, so leicht zum Verdacht geneigt und so tyrannisch war, auch nur den leisesten Verdacht gegenüber den Werken der Alliance gehabt hat, sie im Gegenteil immer mit Sympathie betrachtet und ermutigt hat? Sie werden ohne weiteres glauben, daß das nicht geschehen ist, weil die Alliance die Ideen, des Fortschritts in die Mitte von. Bevölkerungen trug, die sie zu erheben und zu neuem Geist zu erwecken trachtete. Wir alle wissen, daß die Regierungen im allgemeinen die Dinge von einem positiveren und weniger sentimentalen Standpunkt aus betrachten. Der wahre Grund ist, daß von Anbeginn in der Türkei wie anderwärts die Alliance nicht als eine ausländische Gesellschaft sich betätigt hat, daß sie in der Türkei ihre Zöglinge zu guten ottomanischen Bürgern erzogen hat, wie sie ihre Zöglinge in Rußland zu guten russischen Bürgern erzogen hätte. Sie hat in der Türkei sich betätigt wie in aller Welt: sie hat die Israeliten mit ihrem Vaterlande zu verbinden sich bestrebt, um sie teilnehmen zu lassen, an dem „Platz an der Sonne", der ihnen nach ihrer Zahl und ihrer Begabung gebührt. Können Sie es sich anders erklären, daß in diesem Lande, in dem die europäischen Einflüsse gegeneinander arbeiten und mit solcher Hartnäckigkeit kämpfen, in Umgebungen, die räumlich und nach den Ortsgewohnheiten so weit voneinander entfernt sind wie Bagdad von Saloniki oder Mossul von Konstantiuopel, sich auch nicht ein einziger Minister oder Gouverneur oder einflußreicher Priester gesunden hat, der sich je versucht gefühlt hätte, den Vormarsch der Alliance aufzuhalten? Aber niemand hat in der Türkei an ihr Anstoß nehmen können, weil ihr niemand andere Absichten, anderen Ehrgeiz unterstellen konnte, als einzig das Interesse der ottomanischen Juden, das übereinstimmt mit dem wohlverstandenen Interesse des Landes.. Die würden sich schwer und gefährlich täuschen, die etwa glaubten, daß der Wechsel des Regimes in der Türkei die ottomanische Anschauungsweise geändert hat. Die türkische Revolution ist nicht etwa entstanden aus Haß gegen Fremde und Fremdes, sondern aus Liebe zum Vaterland. Die Jungtürken nehmen gar keinen Anstand zu erklären, die Türken wollten bei sich daheim Herren bleiben und den Fremden nur den Einfluß lassen, der mit dem Interesse der Türkei vereinbar ist. Die Alliance hat sich darüber niemals einer Täuschung hingegeben. Als unter dem Einfluß der betrüblichen Ereignisse in Rußland und. Rumänien der Zionismus seine Kongresse organisierte und eine leidenschaftliche Propaganda inszenierte, die tatsächlich den tieferen Gefühlen so manches unter uns willkommen war, hat..die Alliance trotzdem die Gefahr erkannt, die aus dieser heftigen Kampagne hervorgehen konnte, sowohl für ihr Werk in der Türkei, wie für die türkischen Juden überhaupt. Sie ließ deshalb die zionistische Bewegung sich außerhalb ihrer Kreise entwickeln, folgte ihr mit Aufmerksamkeit und Wachsamkeit, ließ sich aber niemals bestimmen, Schritte zu tun oder Worte zu sagen, die als Billigung oder Ermutigung hätten gedeutet werden können. Diese vorsichtige Haltung hat der Alliance die andauernden Angriffe der Zionisten eingetragen. Aber die Ereignisse haben bewiesen, daß die Alliance recht hatte. Gegenwärtig ist in der Türkei ein freiheitliches Regime auf, dem Marsche, und die Zionisten, die Ueberlegung besitzen und offenen Auges sind, müssen zugestehen, daß ihre Projekte in der Türkei eine um so gewaltigere Gegnerschaft finden werden, als diese Gegnerschaft sich auf das plötzlich erwachte und gesteigerte Nationalgefühl stützt. Wenn, wie Sie aus dem Bericht des Herrn Dr. Porges ersehen können, die Alliance den hebräischen Unterricht in Palästina erweitert hat, wenn der Unterricht selbst in hebräischer Sprache erteilt wird, und wenn das den Wünschen der Zionisten entspricht, so ist die Alliance doch nicht einen einzigen Schritt weitergegangen und .verharrt dabei, ihren Anstalten in der Türkei den jüdischen und ottomanischen Charakter zu bewahren. Die Geschichte wird zeigen, daß diese Politik allein klug und praktisch ist. Mögen andere glauben, in den Dienst ihrer Propaganda die moralischen Kräfte stellen zu können, die der Zionismus tatsächlich repräsentiert; mögen andere versuchen, durch Schöpfungen, die den Ansichten des Zionismus entsprechen, mit diesem Hand in Hand zu gehen; mögen sie blind sein dafür, daß sie ein gefährliches Spiel spielen, sowohl für die ottomanischen 'Juden wie für sich selbst — wir werden ihnen nicht nachahmen, wir werden ihnen die Verantwortung für ihre Handlungen überlassen, indem wir der Hoffnung Ausdruck geben, daß die Männer, die guten Glaubens und gemäßigten Sinnes sind, sich Rechenschaft ablegen werden, daß sie in diesem Betracht auf falschem Wege sind. V.- Kehren'wir nun zu schlichteren Betrachtungen zurück, bezüglich deren wir uns mit größerer Freiheit äußern können. Zwei wichtige Ereignisse haben unsere Aufmerksamkeit während des Jahres 1908 besonders in Anspruch genommen: Einmal die Entsendung einer besonderen Mission nach Abessinien zu den Falaschas, sodann die Entsendung einer Jnspektionskommission zu unseren Orientschulen. Sie haben den mit Dokumenten versehenen Bericht des Herrn Nahum gelesen, der bei seiner Rückkehr von Abessinien, wie ich schon vorhin erwähnt habe, gewissermaßen gezwungen war, das Amt eines Großrabbiners in Konstantinopel zu übernehmen. Vielleicht erinnern Sie sich noch, auf Grund welcher Umstände die Alliance sich veranlaßt gesehen hatte, diese Expedition auszusenden, die naturgemäß recht kostspielig gewesen ist. Die Alliance hat sich seit 1866 um die Falaschas bekümmert, diese abessinischen schwarzen Pseudojuden. Der Gelehrte Joseph Halsvh, der noch am Leben ist, war im Jahre 1867 von der Alliance mit der Aufgabe betraut worden, den Stamm aufzusuchen. Der Krieg aber, der zu jener Zeit Abessinien verwüstete, hinderte Herrn Halsvh, seine Falaschareise weit auszudehnen. Er mußte sich mit Mitteilungen aus zweiter Hand begnügen, so daß seine Reise wenig praktische Resultate für die Falaschaforschung hatte. Lange Jahre vergingen, ehe die Frage wieder ausgenommen wurde. Im Jahre 1904 begab sich Herr Faitlowitsch, ein Schüler des Herrn Halsvh, nach Abessinien auf Kosten des Herrn Baron Edmond de Rothschild, um die Falaschas ausznsuchen. Zu allgemeiner Ueberraschung brachte er zwei Falaschas mit, die einige Wochen lang in den Straßen von Paris herumwimmelten. Baron Edmond de Rothschild wollte sich nicht mit ihnen belasten, und so war die Alliance gleichsam gezwungen, sie in ihrer Levis Normals in Auteuil aufzunehmen. Die jungen Leute begannen eben, ihre Unwissenheit ein klein wenig abzulegen, als Herr Faitlowitsch, ohne die Alliance zu benachrichtigen, sie aus der Leole Normals nahm und nach Florenz brachte, wo sich ein Pro-Falafcha-Komitee gebildet hatte. Es gelang Herrn Faitlowitsch, die deutsche Judenheit in Bewegung zu setzen, der er sagte, daß die Ehre der Judenheit an einer schnellen Regeneration der Falaschas hänge. Die deutschen und die italienischen