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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-05-28 · Heft 22 (28.5.1909) · p. Seite 254

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 22 (28.5.1909)
Date
1909-05-28
Page
Seite 254 (sequence 2)
Language
German
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kann hier diese Seite unserer Tätigkeit nur streifen und. hinzufügen:. Unsere Anstrengungen sind nicht immer ohne Erfolg geblieben, obwohl wir gestehen müssen, daß sie weder überwältigend sind, noch genau abgemessen und abgewogen.werden können. . > /; ' II.;/ / . ' ' /Rumänien setzt seine Verfolguugspolitik gegen die Juden.fort. Taub gegen alle'Anrufe/ wist es in den Juden nur ein fremdes und nicht assimilierbares Element sehen, während es doch nur seine eigene Politik ist, die die Assimilation hindert. Als man jüngst von der Berufung einer Konferenz sprach, die .die neueren Balkanfragen regeln sollte, hatte es den Anschein, als ob die Mächte, die 1856 und 1878 Rumänien gewissermaßen geschaffen hatten, mit Aussicht auf Erfolg ,angegangen werden könnten, die^ Frage, zu prüfen, wie' Rumänien den Artikel 44 des Berliner Vertrags umgeht. Bevor aber die Alliance einen offiziellen Schritt unternahm, dessen Mißerfolg peinlich werden konnte, hat sie Wert darauf gelegt, sich' über die Stimmung der Mächte zu vergewissern; das Ergebnis dieser Erhebungen jedoch war, daß sie vorgezogen hat, den eben erwähnten Weg nicht einzuschlagen, vielmehr ein anderes Verfahren zu bevorzugen. Sie hat die Hoffnung, daß es nicht unwirksam sein wird. .Inzwischen .haben wir nicht aufgehört, den rumänischen Juden kräftige finanzielle Beihilfe für ihre Volksschulen und insbesondere für die Schulspeiseanstalten zu gewähren. Rußland und Rumänien sind glücklicherweise die beiden einzigen europäischen Staaten, in denen unsere Glaubensgenossen noch nicht volle gesetzliche Gleichberechtigung erreicht haben. Wir werden nicht müde werden, diese Gleichberechtigung zu verlangen, bis der Erfolg erreicht sein wird. III. In den Ländern des Orients, und namentlich in den muselmanischen Ländern, betätigen wir uns in der doppelten Art, von der ich vorhin gesprochen habe. In diesen Gebieten, wo unsere Glaubensgenossen lange Jahrhunderte außerhalb der Zivilisation und in gewissem Sinne auch außerhalb des Gesetzes gelebt haben, hat die Alliance Licht und Vertrauen verbreitet. An dem äußersten westlichen Ende der muselmanischen Welt Afrikas, in Marokko, hat, wie Sie wissen, die Alliance seit 1862 die Israeliten unter ihren Schutz genommen. - Seit diesem Zeitpunkt hat es keinen Akt der Ungerechtigkeit und der Willkür, keine Gewalttat gegeben, die die Alliance unbeachtet oder ungestraft gelassen hätte. Sie hat bei der Mehrzahl der europäischen Regierungen wirksame Unterstützung gefunden. Als vor zwei Jahren die Ereignisse sich abspielteu, die noch in unserer aller Gedächtnis.sind, hat die 'Alliance ihre ganze Tätigkeit darauf gerichtet, die Gefahren zu beschwören, die den Juden drohten, und dann die Schädigungen auszugleichen. die durch den Fanatismus und die Raubsucht der Marokkaner verursacht worden waren. Nichts kann das Ansehen, dessen sich die Alliance in Marokko erfreut, klarer erkennen lassen, als die einfache Tatsache, daß selbst inmitten der Wirrungen und der gefährlichsten Gärungen niemals ein Allianceschullebrer angegriffen oder belästigt worden ist, niemals eine der Allianceschulen den geringsten Angriff erfahren hat. Und diese Lehrer sind nicht Europäer, sie genießen keinen offiziellen Schutz, viele unter ihnen sind marrokkanische Untertanen. Sie haben in unserer Monatsschrift den schönen Brief gelesen, den das Oberhaupt des Südens, der Kaid Glaui, an die Alliance gerichtet hat, als diese ihm ihre Schulen empfohlen hatte. Die Muselmanen selbst haben die große moralische Kraft begriffen, die von unserer Alliance repräsentiert wird; und die unter ihnen,.die für ihr Land den Eintritt in das zivilisierte und moderne Leben erträumen, wissen, daß diese moralische Kraft ihnen stets eine .große Hilfe sein wird. Denn mit dieser Kraft und mit ihren Schulen trägt die Alliance in das Herz der jüdischen und mittelbar in das Herz der muselmanischen Welt, die bisher den Ideen des Fortschritts verschlossen war, abendländische Betätigung, Industrie, Handel, methodische Bewirtschaftung des Bodens und seiner natürlichen Kräfte. Daher sind die Allianceschulen eine Grundlage für das Gedeihen der Völkerschaften, die vordem Sicherheit in fruchtbringender Arbeit nicht gekannt haben. Dank einer im Jahre 1907 veranstalteten Sammlung haben wir unseren Brüdern helfen können, die Trümmer zu beseitigen, die Äus- Ähr und Kriegs im Lande gehäuft hatten. Wir haben den Israeliten von Casablanca und denen im Innern des Landes, die unter den Wirren gelitten hatten, wirksamen Beistand bringen können: Dank dem Eifer unserer Schulleiter wird die Internationale Kommission, die in Casablanca die angerichteten Schäden abschätzt und die entsprechenden Entschädigungen festsetzt, den Israeliten angemessene ' Vergütung für die Verluste gewähren, die sie erlitten haben. - Am anderen Ende der muselmanischen Welt, in Persien, ist unser Werk weniger alt.' Aber es ist gerade zur rechten Zeit organisiert worden, um den Israeliten die Teilnahme an der Bewegung zu erschließen, die, wie es scheint, auch dieses Land der Freiheit und dem Konstitntionalismus, wenn schon langsam, entgegensührt. Die Dinge in Persien sind für die Israeliten dadurch schwieriger, daß dort religiöser Fanatismus herrscht. Die Perser gehören der schitischen Sekte an, der strengsten muselmanischen Richtung, die die Berührung mit Juden oder Christen als verunreinigend betrachtet. Die Lockerung des politischen Bandes, die die Gouverneure von der Zentralregierung unabhängig und zu absoluten Herren der Juden ihres Bezirks macht, bildet eine weitere Komplikation; und endlich steht der Entwicklung zum Bessern entgegen, daß die persischen Juden in unglaublichem Elend und in unglaublicher Unwissenheit sind. In der Türkei, in Marokko, überall in der muselmanischen Welt findet man und fand man immer eingeborene Israeliten, die es verstanden .haben, sich eine einflußreiche Stellung zu schaffen und sie beim Landesherrn zugunsten ihrer Brüder geltend zu machen. In Persien aber sind die Juden wie Bürger zweiter Klasse, die nicht einmal den Versuch machen, sich zu erheben, und die ihr unerträgliches Schicksal mit Gleichmut tragen. Es scheint, daß es am Hose'des Schah, man darf wohl sagen, seit den Tagen des Mardochai — denn die persischen Juden behaupten, von den Zeitgenossen Mardochais und Esthers abzustammen — ebenso wie bei den Provinzregierungen niemals einen einzigen gebildeten Juden nach der Art der unter den Mauren lebenden spanischen Juden gegeben hat, und daß niemals ein einziger Jude dort eine politische Rolle gespielt hat,'wie Joses Nassi, den der Sultan von Konstantinopel zum Gouverneur der Insel Naxos machte. In Persien war ein allgemeiner Niedergang an Verständnis und Gesinnung eingetreten. Dank unseren Schulen wird dieser traurige Zustand allmählich aufhören: Wir haben es für unsere Pflicht gehalten, in diesem Lande, das 40 000 bis 50 000 Juden zählt, mit beschleunigter Schnelligkeit einzugreifen, um unsere persischen Glaubensgenossen nicht noch länger sich selbst zu überlassen. In allen wichtigen Zentren haben wir Schulen eingerichtet, in Teheran, Hamadan, Jspahan, Seneh, Kirmanschah, Schiras. In Persien noch mehr als in Marokko ist-unsere Schule die Burg der Juden geworden. Unser Schuldirektor gilt als eine Art europäischer Konsul, dessen Autorität die persischen Beamten im Zaum hält, die gewohnt waren, die Israeliten als eine jeder Ausbeutung überlieferte Masse zu betrachten. Das ist so wahr, daß trotz der blutigen Wirren, die gegenwärtig Persien entzweien, die Israeliten in den Städten, in denen wir Schulen Haben, nicht allzusehr haben leiden müssen. Und wer ist denn dieser Direktor, der den Mut hat, Gerechtigkeit und Recht für die Juden von den Gouverneuren oder von den Führern der Aufständischen zu verlangen? Meist, wie auch im gegenwärtigen Augenblick, ein junger Mann von 26 bis 30 Jahren, der ein spärlich bezahltes Amt bekleidet und kein persönliches Prestige besitzt. Aber er repräsentiert eine moralische Macht, die Achtung einflößt; er repräsentiert nicht allein die Alliance, sondern, ich möchte sagen, die ganze ausländische Judenheit! Ueber die Türkei will ich mich so kurz wie möglich fassen. Ich maße mir nicht an, Ihnen die Geschichte von gestern zu erzählen, die Sie alle kennen. Lassen Sie mich nur einen Augenblick bei dem Anteil verharren, den die Alliance an dem Erfolg der ersten friedlichen Revolution, die die Welt gesehen hat, beanspruchen darf. Erinnern Sie sich an den so interessanten wie tatsachenreichen Bericht, den Uns vor einigen Monaten unser ausgezeichneter Kollege, Herr Rabbiner Dr. Porges, bei seiner Rückkehr aus dem Orient erstattet hat. Dieser Bericht zeigt, was unsere' ehemaligen Zöglinge getan haben, um die Umwälzung zu beschleunigen und zu fördern. Er zeigt, welchen Platz gegenwärtig in der Achtung ihrer Mitbürger aller Glaubensbekenntnisse unserer früheren Zöglinge einnehmen. Von den vier israelitischen

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