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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-05-28 · Heft 22 (28.5.1909) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 22 (28.5.1909)
Date
1909-05-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 28. Mai 1909. 73. Jahrgangr^Nr. 22. Ein unparteiisches Grgan^für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A b o n n e m e n 1 s - Pr e i s: durch Buchhandel öder Post (in Berlin u.- Vororten durch unsere vertriebsstkllen) bezogen vierteljährlich 3 ITl. Redakteur: Gustav Trarpeles. Begründet von Rabbiner D* Ludwig Philrpxson Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemer Sir. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums-', Berlin SW.„ Jerusalemer Straße H6/4S, zu richten. Verlag von Rudolf rnosse, Berlin. Die Alliance Israslite Universelle. Berlin, 24. Mai. m 23. d. M. hat die Generalversammlung der Alliance Israeli te Universelle, Lokalkomitee Berlin, im Sitzungssaal des Verwaltungsgebäudes der Jüdischen Gemeinde stattgesunden. Bei diesem Anlasse hielt der Präsident der Deutschen Konserenzgemeinschast, Herr Geheimer Kommerzienrat L. M. Goldberger die folgende Rede: „Meine Herren! Ich bitte um die Erlaubnis, die Grenzen für den^ „Allgemeinen'Bericht" tunlichst weit zu ziehen, und zu Ihnen nicht nur als Vorsitzender des Lokalkomitees Berlin und als Präsident der Deutschen Konferenzgemeinschaft, sondern hauptsächlich als Mit» glied des Zentralkomitees zu sprechen. Mit der Geschäftsführung in Paris habe ich auch erörtert und festgestellt, was ich Ihnen vortrage. Ich will Ihnen, und ich , bin überzeugt, daß es willkommen sein wird, soweit es in großen Umrissen möglich ist, vollen Einblick in das mächtige Getriebe unserer Gesamtorganisation gewähren. Allerdings, wenn man in der Rückschau auf das abgelaufene Berichtsjahr die Aufgaben betrachtet, die die Alliance jeweilig während des verhältnismäßig kurzen Zeitraumes von zwölf Monaten zu bewältigen hat und bewältigt, so sieht man zunächst nur, daß eine große Maschine langsam und kaum wahrnehnibar vorwärts treibt nach*einem entfernten und kaum zugängigen Ziel. Es ist beinahe unmöglich, inmitten des gewaltigen Weites irgend etwas Neues besonders zu unterscheiden, irgendeinen sich vornehmlich abhebenden Vorgang zu beobachten. Wir haben es hier nicht mit einer eben erst geschaffenen Einrichtung zu tun, die sich darin gefallen mag, jedes neue Beginnen und jeden Einzelfortschritt anzukündigen, um damit die Existenzberechtigung nachzuweisen und sich Popularität zu sichern. Vielmehr werden wir uns vor allem nur darüber Rechenschaft abzulegen haben, ob die verschiedenen Räder des Gesamtapparates recht ineinander greifen, ob sie tadellos funktionieren oder etwa an irgendeiner Stelle versagen, und schließlich, ob der Erfolg befriedigt. Bei meinen mehrfachen Reisen nach Paris, dem Zentrum unserer Alliance, sind mir durch die Verwaltung in lückenfreier Darbietung alle Veröffentlichungen, Berichte und Korrespondenzen vorgelegt worden. So habe ich die mit unserm Werk im Zusammenhang stehenden Fragen zuverlässig prüfen können. Ich gebe ohne weiteres zu, daß mein jüdisches Herz, daß meine von den Eltern ererbten und mir in Fleisch und Blut übergegangenen jüdischen Empfindungen nicht ohne Einfluß auf die Würdigung sein mögen, die ich den Dingen zu teil werden lasse. Aber unter allen Umständen, und selbst da, wo Imponderabilien in die Wagschale fallen, habe ich mir die Gewohnheit bewahrt, die Ergebnisse nüchtern zu beurteilen. Ich befleißige mich, die Summe der nützlichen Wirkungen zu ziehen, die von der Maschine erzielt worden sind, und lasse mich nicht durch Worte und leeren Schein umnebeln. Ich begnüge mich nicht, zu erfahren, daß man dies und jenes geschaffen und dann weitergeführt hat, sondern ich will wissen, ob das Geschaffene den Bedürfnissen derer entspricht, für die es bestimmt ist, und ob es den vorhandenen Erfordernissen genügt. Nach dieser Prüfungsmethode wollen wir dieverschiedenen Betätigungsarten der Alliance betrachten. Seit ihrem Entstehen hat die Alliance immer einen doppelten 'Daseinszweck gehabt. Sie hat sich der Beschützung und der Unterstützung der Juden gewidmet, die als Juden leiden, dann ihrer Erziehung und geistigen Befreiung. Dieses Zwiefache in den Arbeiten -der Alliance ist Freunden wie Gegnern häufig entgangen. Daraus erklärt sich manches falsche und tendenziöse Urteil zuweilen auch bei den gutgläubigen Gegnern. Die doppelte Aufgabe der Alliance gilt nicht immer den nämlichen Ländern und Personen. Die Aufgabe des Schutzes und der Unterstützung hat ihren Schauplatz hauptsächlich in den europäischen — christlichen — Ländern, in denen die Juden noch durch gesetzliche Ungleichheit bedrückt werden und Willkürhandlungen der Verwaltungen oder der Massen preisgegeben sind. Die erzieherische Aufgabe der Alliance dagegen wird namentlich in muselmanischen Ländern erfüllt. Ist sonach die Aufgabe eine doppelte, so ist doch nicht zu vergessen, daß oft beide Tätigkeiten zugunsten der nämlichen Bevölkerung geübt werden müssen. I. SeitBegründung derAlliance. d. i. seit 1860, ist Rußland das Land gewesen,mit dem sich daS Zentralkomitee am meisten zu beschäftigen hatte. Während der Regierung Alexanders II. stand die Alliance in direkten Beziehungen zur russischen Regierung, und wenn nicht unglückselige Ratgeber den hochherzigen Zaren über den wahren Charakter der Alliance getäuscht hätten, so hätte diese ohne Zweifel frei und selbst in Gemeinschaft mit der russischen Verwaltung an der Hebung der russischen Juden arbeiten können. Die Ereignisse haben das nicht gestattet, und man weiß zur Genüge, daß zurzeit die Lage unserer russischen Brüder beklagenswert ist, daß wir die beinahe ohnmächtigen Zeugen der Vergewaltigung, der Willkür und der Ungerechtigkeit sind, die unter dem Beistand der Behörden und der Regierung gegen die Juden verübt werden. Die Aufrichtung des sogenannten konstitutionellen Regimes hat die Feindseligkeit der Negierenden, die grundsätzlich jede Hebung der Israeliten bekämpfen, nur in noch helleres Licht gesetzt. Wir haben der I. C. A. die Fürsorge für die Schulen, die Arbeiter- und landwirtschaftlichen Anstalten überlassen und uns seit ein bis zwei Jahren darauf beschränken müssen, jenen zahlreichen Auswanderern Hilfe zu gewähren, die durch die westlichen Länder ziehen, um in der Neuen Welt eine Zuflucht zu suchen, ferner darauf, in dem von besonderem Unheil heimgesuchten Städten und Dörfern Unterstützungen zu verteilen, zahlreichen Schülern und Studierenden Plätze in den Schulen und Universitäten zu schaffen. Im Jahre 1908 hat die Alliance für russische Juden allein fast 160000 Fr. Unterstützungsgelder aufgewendet. Es bedarf wohl kaum der Erwähnung, daß Takt und Diskretion es mir verbieten, von den Schritten zu sprechen, die wir geräuschlos und ohne die Oeffentlichkeit damit zu befassen, getan haben, um das Schicksal der russischen Juden zu verbessern, nicht von unseren Bemühungen, die darauf abzielten, Staatsmänner und Staatswürdenträger über den großen Vorteil aufzuklären, den Rußland für seine wirtschaftliche und soziale Entwicklung daraus ziehen würde, wenn es die Arbeitsamkeit, die Betriebsamkeit, die Begabung seiner jüdischen Bevölkerungnutzbarer machte. Ich

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