Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- Seite 251 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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WWWWDW - 251 - Akademie der Wissenschaften bemerkte Humboldt, „daß dieser Schritt der Anfang der Sühne sei, welche den Preußischen Juden abgetragen würde für das 25 jährige Unrecht, das sie erdulden müßten." (Forts, folgt.) ^guiuLecfiff BBS1 TürKilchr IuLrm Von Wilhelm Goldbaum. I. -«M^in Wesir, müssen Sie wissen, ein leibhaftiger Wesir," XL) fuhr der Alte fort und strich sich seinen langen weißen Bart. „Joseph Nassi hieß er, und die Großen von Venedig und Frankreich lagen dem Sultan ohne Aufhör in den Ohren, er möchte den verhaßten Juden aus seinem Rate jagen. Aber der Sultan war ein gerechter Mann. Laßt mir den Joseph in Ruh, sagte er, denn ich schätze und liebe ihn, obgleich sein Aeltervater die Hagar in die Wüste hinausstieß, und wenn er Euch just so sehr im Wege ist, sagte er, so will ich ihn auch noch zum Herzog ernennen und ihm die ganze Insel Naxos zum Geschenk machen. Und das geschah auch, müssen Sie wissen. Ueberhaupt, sage ich Ihnen, haben wir es bei den Türken gut gehabt, denn es ist nun einmal verwandtes Blut in ihnen, und wenn Isaak ein Sohn Abrahams war, so war es Jsmael nicht minder. Mitunter freilich —" und hier stahl sich meinem Alten ein Seufzer von den Lippen — „ist uns auch unter den' Türken das Leben sauer geworden. Aber wir haben auch genug gesündigt, will ich meinen, und weil wir es überall besser haben wollten als die anderen, deshalb haben wir es überall schlechter gehabt." Der also zu mir sprach, war ein simpler Vorbeter mit dem sonderbaren Namen Mosche Christ. Die Gemeindegenossen hatten ihm das Appellativum „Christ" wegen seiner freisinnigen Anschauungen in Religionssachen beigelegt. Er galt als ein tiefspuriger Kopf, und da er wegen seiner hohen Jahre nicht mehr wie ein Kanarienvogel. trillern konnte — eine Kunstfertigkeit, deren ruhmvolle Erinnerung seine alten Tage verschönte — so fristete er sich von einem winzigen Gnadengehalte fort, das er durch weise Reden und „gleiche Wörtchen" nach Kräften entgast. „Ihr urteilt, dünkt mich, zu hart. Mosche Christ," unterbrach ich ihn ehrerbietig. „Zu hart? Laßt gut sein, Ihr seid jung und ich bin alt. Ich bin herumgekommen in der Welt und weiß, wie es in der Synagoge von Berdytschew und in derjenigen von Minsk ausschaut. Wenn ich Gott mit lauter Stimme gebeten habe, er soll uns nach Zion zurückführen aus unserem Jammer in der Fremde, so haben alle Amen gesagt, vom ältesten bis zum jüngsten, und wenn ich aufgezählt habe unsere Sünden vor Gottes Thron, so haben alle mit der Faust auf ihre Brust geschlagen, daß man es über die dritte Gasse gehört hat. Aber inwendig haben sie dabei gedacht: wir wollen nicht nach Jerusalem zurück, denn wir haben es gut bei den Fremden und werden es noch besser bekommen; wir haben auch nicht alles gesündigt, was geschrieben steht, sondern weniger, und vieles ist gar nicht Sünde, was als solche geschrieben steht. So ist mein schönster Gesang gar nicht einmal hinaufgedrungen bis zu Gottes Thron." „Es heißt aber gerade, daß die russischen und polnischen Juden am frömmsten sind," warf ich fragend ein. „Am frömmsten und am hochmütigsten, wie Ihr wollt. Und am spitzfindigsten dazu. Wenn man zu ihnen sagt: Ihr steckt Eure Nasen zuviel in den Talmud, während Eure Weiber und Töchter verkommen, . so antworten sie: Im Talmud steht geschrieben, daß die Lehre von den Kindern der Armen ausgeht. Wenn man sie auslacht, weil sie um den „guten Jüd" herumtanzen, wie einst in der Wüste die Kinder Israel um das goldene Kalb, so erwidern sie: der „gute Jüd" - hundert Jahr soll er leben! — kommt gleich vor dem Messias, denn es steht geschrieben, daß unsere Verbannung nicht früher enden soll, bis Einer da sein wird, der dem Messias den Weg zu uns ebnet. Und wenn man endlich sie ermahnt, ehrlich zu sein und nicht zu wuchern, wie es unsere Lehrer anbesehlen, die das Handwerk gepriesen haben und die Schweißtropfen, welche dem Arbeiter von der Stirne rinnen, so anworten sie: Unsere Lehrer haben nicht gewußt, wie unsere Zukunft sein wird und daß wir Geld, viel Geld brauchen werden, um unseren Verfolgern ihre Feindschaft zu vergelten; unsere Lehrer — sie stehen vor Gottes Thron! — waren zufrieden mit zwei Sandalen und einem einzigen Kittel auf Lebenszeit; sie haben mehr gefastet als gegessen, und mehr gedürstet als getrunken. Aber wir wollen uns eine Schaufel Erde von dem heiligen Boden Jerusalems unter unser letztes Kopfkissen legen lassen, weil wir doch nicht mehr zurückkehren werden in das Land unserer Väter, und eine Schaufel von der heiligen Erde kostet schweres Geld. Wir wollen uns loskaufen von der Sklaverei, und das kostet wiederum vieles Geld. Wir wollen nicht fasten wie unsere Lehrer und nicht dürsten wie sie, deswegen müssen wir schnell uns Reichtümer erwerben, nicht langsam wie der Handwerker und schwer wie der Lastträger. So," fuhr Mosche Christ fort, „reden die polnischen und die russischen Juden. Und zu alledem fügen sie hinzu, es stehe im Talmud geschrieben. Es ist aber nicht wahr, daß es geschrieben steht. „Sie finden," sagte Maimonides, „in den heiligen Schriften hundert Dinge, an welche diese nicht gedacht haben." Nur das hätte der Talmud freilich nicht sagen sollen, daß von den Armen die Lehre aüsgehe; denn jetzt verachten die Reichen die Lehre, und die Armen verachten den Erwerb." „Ist das nicht immer so gewesen?" fragte ich wieder. „Nein, nicht immer und auch nicht überall. In dem Lande, wo die Enkel Jsmaels herrschen, ist es heute noch anders. Geht nach Salonichi und blickt Euch um unter dem Volke, das an dem Hafen arbeitet. Da werdet Ihr Juden sehen, groß und stark, wie die Kinder Gog Magogs; sie laden die Waren aus und ein, rudern die Fremden über das Wasser, tragen Lasten auf ihren Schultern und ruhen nicht, bis der Sabbat kommt und die sieben Lichter aus den Fenstern ihrer Hütten sie nach Hause locken. Dann leben sie vierundzwanzig Stunden mit unserem . Gott zusammen, und wenn die Frist um ist, kehren sie von neuem zu den Menschen zurück. Sie wollen es nicht besser haben als die anderen und deshalb haben sie es gut." „Ihr seid ein kluger Mann, Mosche Christ," spann ich das Zwiegespräch weiter, „warum überseht Ihr, daß es auch bei uns so anders und um so Vieles besser geworden? „Nicht anders und wenig besser," gab er zurück. „Sucht jüdische Handwerker und Tagelöhner — wo sind sie? Die Reichen wollen immer noch reicher und schnell reicher werden; die Armen suchen noch immer die Lehre, nur eine andere, die nicht ihre eigene ist." „Man reißt sich eben nicht so schnell von einer jahrhundertlangen Vergangenheit los. Wenn man es verlernt hat, hinter dem Pflug herzugehen und die Körner mit eigener