Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- Seite 250 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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-, 250 - Rabbiner Marco Mortara in Mantua gerichteten französischen Schreiben also lautend: „Da ich seit meiner frühesten Jugend die Ehre hatte, in Deutschland mit hervorragenden Männern unter ihren Glaubensgenossen, die in Philosophie und Mathematik geglänzt haben, verbunden zu sein, und da einer unserer größten und ältesten Schriftsteller, der Freund Lessings, Moses Mendelssohn, auf die Beziehungen, die ich und mein Bruder (Wilhelm v. Humboldt) in der vorsintflutlichen Zeit genossen, Einfluß ausgeübt hat, sehe ich mit Bergnügen, wie sich in allen Teilen Europas die Liebe zur Wissenschaft und zu ernsten Studien mannigfaltiger Art unter den Juden Bahn bricht, inmitten der Hindernisse, die das traurige Erbe vergangener Jahrhunderte und der religiösen Intoleranz des Mittelalters sind." Dem ausgezeichneten Uebersetzer des „Pentateuchs", der „Psalmen" und des „Kohelet" verdankte Humboldt auch die Kenntnis der Bibel, die er in der Mendelssohnschen Uebertragung an verschiedenen Stellen seiner Werke mit größter Anerkennung zitiert. Wie Humboldt zu Moses Mendelssohn mit Verehrung und schwärmerischer Bewunderung emporblickte, so fühlte er sich auch zu David Friedländer,, dem Schüler und Freunde des „modernen Sokrates", mächtig hingezogen. Zwischen beiden waltete denn auch Jahre hindurch eine innige, persönliche, freundschaftliche Zuneigung. Humboldt achtete in Friedländer den klugen und erfolgreichen Kaufmann von großenu Horizont, den geistreichen Schriftsteller und vor allem den Reformator des Judentums, der sich überdies um seine Glaubensgenossen große Verdienste durch seinen Kampf um die Juden-Emanzipation erworben hatte. Wie sehr ihm David Friedländer gleichsam ans Herz gewachsen war, beweist schon das Kondolenzschreiben, das er nach dessen Ableben (am 25. Dezember 1834) an den jüngeren Friedländer* richtete, also lautend: „Da ich noch immer von einem kleinen Schnupfenfieber, das ich mir durch eine nächtliche Rückkunft von Potsdam zugezogen, gehindert wurde, Ihnen, verehrter, vieljähriger Freund, den Ausdruck meines tiefen, schmerzhaftesten Mitgefühls persönlich darzubringen, so will ich nun, jene Hoffnung für heute aufgebend, nicht länger anstehen, in meinem und meines Bruders Namen diese Zeilen an Sie zu richten. In den frühesten dankbarsten Erinnerungen meiner Jugend dämmert Ihres edlen, geistreichen Vaters angenehme Persönlichkeit in mir auf. Sein Wohlwollen, dessen ich in besonders reichem Maße genoß, erhöhet die Freude dieser Erinnerung. Der Verewigte gehörte zu denen, die wohltätig auf meine Bildung, auf die Richtung meiner Ideen und Gefühle gewirkt haben. Er war mit Engels) der Freund unseres Hauses. Kenntnisse des Altertums, Liebe zur spekulativen Philosophie, ein feines und sicheres Gefühl für poetische Schönheit, Fähigkeit durch die hohe Bildsamkeit unserer vaterländischen Sprache das schwierigste Problem der Uebertragungen aus dem heiligen Orient kraftvoll zu lösen — all' diese Gaben der Intelligenz waren bei ihm mit den freiesten Ansichten über die Weltbegebenheiten, die wir mit ihm verlebt, mit der wärmsten und edelsten Anhänglichkeit an seinen unterdrückten Volksstamm gepaart. Er hat ein langes, schönes, genußreiches Leben verbracht in den Kreis seiner Familie, die seinen geistigen Wert zu schätzen wußte, weil sie durch ihn und gleichartig gebildet war. Empfangen Sie in diesem feierlichen Augenblick mit allem Wohlwollen die erneute Versicherung der innigsten Anhänglichkeit und dankbarsten Freundschaft. Ihr Alexander v. Humboldt." A. von Humboldt und D. Friedländer standen Jahre hindurch in regem brieflichen Verkehr, und es ist lebhaft zu bedauern, daß nur ein Teil der zwischen ihnen geführten Korrespondenz bisher in Zeitschriften und Jahrbüchern verstreut gedruckt erschienen ist. y Gemeint ist der bekannte Dichter, Schriftsteller und Theaterdirektor I. I. Engel. Ich habe in einem von mir vor jetzt 38 Jahren erschienenen Werk „Alexander v. Humboldt und das Judentum, ein Beitrag zur Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts" — H. Auflage, Leipzig 1870 — einige von dem jungen Humboldt an Friedländer geschriebenen Briefe mitgeteilt, die ein interessantes, helles Schlaglicht auf die zwischen den beiden herrschenden Beziehungen werfen. Jugendeindrücke, frühzeitige Beziehungen zu namhaften Juden und Jüdinnen, eine vorurteislose, humane und edle Gesinnung, eine erleuchtete, an kein Dogna und keine Partei gebundene Lebens- und Weltanschauung — alle diese Momente mußten Alexander v. Humboldt zu einem Manne machen, der jeden Menschen, also auch den Juden, achtete und ihm Gerechtigkeit und Anerkennung zuteil werden ließ. Für ihn kam die Konfession nie und nimmer in Frage. Für den Juden interessierte er sich natürlich insofern lebhafter, da er wohl wußte, daß der „christliche" Staat in bezug auf die Anerkennung der Rechte und Freiheiten seiner jüdischen Söhne, ihnen noch manches schuldig blieb, also ihnen gegenüber gar vieles wieder gut zu machen hatte. Wo er nur konnte, und so weit irgend wie sein Einfluß reichte, kam er denn auch jüdischen Gelehrten, Forschern Künstlern usw. mit einem Wohlwollen und einer Freundschaft entgegen, für die kein noch so begeistertes Wort des Lobes überflüssig sein dürfte. Wer sich einmal in irgend einer Angelegenheit an ihn wandte, konnte gewiß sein, daß er ein williges Ohr und stets bereite Hilfe bei ihm finden werde. Waren doch die hervorstechendsten Züge seines liebenswürdigen Charakters, wie Karl Freiesleben, ein Jugendfreund Humboldts, mit Recht bemerkt, ganz unendlich gutmütige, wohlwollende und wohltätige, zuvorkommende, uneigennützige Gefälligkeit, warmes Gefühl für Freundschaft, Anspruchslosigkeit, Einfachheit und Offenheit in seinem ganzen Wesen — Züge, die ihm auf seinen Forschungs¬ und Studienreisen dazu verhalsen, sogar wilde und rohe Menschen, unter denen er sich lange aufhielt, zahm und ihm geneigt zu machen, in der gesitteten Kulturwelt aber überall Bewunderung und Anteil zu erwecken. Schon zu einer Zeit, als die preußischen Universitäten, weil der Charakter des „christlichen" Staates es angeblich nicht gestattete, daß Juden als Privatdozenten, geschweige denn als ordentliche Professoren zu Vorlesungen zugelassen wurden, keine jüdischen Lehrkräfte besaßen, setzte er es durch, daß der durch seine mathematischen und naturhistorischen Schriften rühmlichst bekannte Physiker Dr. Peter Theophil Rieß (geboren 27. Juni 1805 in Berlin, gestorben daselbst am 23. Oktober 1883), von der Berliner Akademie der Wissenschaften im Jahre 1842 zu ihrem ordentlichen Mitgliede mit 36 gegen 3 Stimmen gewählt und in dieser seiner Würde von dem König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen bestätigt wurde. Diese Wahl von Peter Th. Rieß zum Akademiker erregte damals großes Aufsehen, da zum erstenmal eine derartige Auszeichnung einem Juden zuteil wurde. Rieß war ein ausgezeichneter Forscher, der sich um die experimentelle Seite der Lehre von der reinen Elektrizität große Verdienste erworben hatte. Er förderte durch seine Arbeiten „über die Verteilung der Elektrizität auf Leitern", die elektrische Influenz, die Entladung der Elektrizität, die Wirkungen der Entladungen usw. die physikalische Wissenschaft. Er schrieb unter anderen die Werke: „Die Lehre von der Reibungselektrizität" (Berlin 1853, zwei Bände) und „Abhandlungen zu der Lehre von der Reibungselektrizität" (zwei Bände, daselbst 1867 und 1878). In seinem Beglückwünschungsschreiben an das neu angenommene Mitglied der Berliner