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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-05-21 · Heft 21 (21.5.1909) · p. Seite 249

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 21 (21.5.1909)
Date
1909-05-21
Page
Seite 249 (sequence 9)
Language
German
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bildring und Auflösung der Dünste bei verschiedener Windrichtung, ihr Farbenspiel,' die Erzeugung des Hagels und des rollenden Donners usw., mit individueller Anschaulichkeit beschrieben werden. In diesen biblischen Schriften werden schon Fragen aufgeworfen, die unsere moderne Physik in wissenschaftlichen Ausdrücken formulieren, aber nicht befriedigend zu lösen vermögen. Einzelnen Teilen des Alten Testaments widmet er eine geistvolle Analyse, die am besten beweist, welch feine . Empfindung er für das Erhabene, Schöne, Aesthetische, wahrhaft Bleibende und Herrliche in den heiligen Schriften hatte. Vom Buch Hiob, das er für die vollendetste Dichtung, die die hebräische Poesie hervorgebracht habe, erklärt, behauptet er, daß es ebenso malerisch in der Darstellung einzelner Erscheinungen als künstlerisch in der Anlage der ganzen didaktischen Komposition sei. In allen modernen Sprachen, in die das Buch übertragen worden sei, hinterlassen seine Naturbilder des Orients einen tiefen Eindruck. Der Herr wandle auf des Meeres Höhe, auf dem Rücken der von: Sturm aufgetürmten Wellen, die Morgenröte erfasse der Erde Saum und gestalte mannigfach die Wolkenhülle, wie des Menschen Hand den bildsamen Ton. Wir sehen den reinen Aether in der Schwüle des Südwindes, wie ein gegossener Spiegel über die dürstende Wüste hingedehnt. Auch die Sitten der Tiere werden vollständig wahrheits- und naturgemäß geschildert. Wo die Natur kärglich ihre Gaben spende, schärfe sie den Sinn des Menschen, daß er auf jeden Wechsel im bewegten Luftkreise wie in den Wolkenschichten lausche, daß er in der Einsamkeit der starren Wüste wie in der des wellenschlagenden Ozeans jedem Wechsel der Erscheinungen bis zu seinen Vorboten nachspüre. Auch an Mannigfaltigkeit der Formen fehle es, so meint Humboldt, der dichterischen Natur der Hebräer nicht. Während von Jesaia bis Samuel die Poesie eine kriegerische Begeisterung durchwehe, biete das kleine Buch der ährenlesenden Ruth ein Naturgebilde von der naivsten Einfachheit und von unaussprechlichem Reiz dar. Er ist der Ansicht Goethes, der das Buch Ruth das Lieblichste, was uns ethisch und idyllisch vom Orient überliefert worden sei, nennt. Christliche Naturforscher, Theologen und Bibelkritiker hat es vor und nach Alexander v. Humboldt in Hülle und Fülle gegeben, die trotz ihrer warmen Anerkennung, ja Verherrlichung des alten Testaments es doch nicht unterließen, das Volk der Bibel, die Juden, zu befehden, zu verunglimpfen und gegen deren bürgerliche Gleichstellung ihre Stimme zu erheben. Aber gerade darin unterschied sich der Nestor der Naturwissenschaft von ihnen, daß er Zeit seines Lebens ein Freund des Volkes der Bibel war, und soweit es nur in seiner Macht stand, alles aufbot, um diesem volle Gerechtigkeit zukommen zu lassen. Theoretisch und praktisch gehörte er zu den edelsten Vorkämpfern der Juden emanzipati on jede konfessionelle Unduldsamkeit aufs tiefste verabscheuend und seinen ganzen Einfluß in der Literatur, Wissenschaft, in Staat und Gesellschaft dazu benutzend, um von den Parias der Menschheit den Fluch abzuwenden, der seit fast zwei Jahrtausenden aus ihnen lastete. Alexander v. Humboldt war eben mehr als einfacher Gelehrter, Forscher und Schriftsteller. Was seinem Dichten und Trachten, seinem Wirken und Schaffen, überhaupt seinem Erdenwallen die Weihe der Unsterblichkeit verlieh, ist der Umstand, daß er ein Freiheitsapostel, ein Humanitätsprophet, ein wahrhaft liberal und edeldenkender Mann war, der für Recht und Gerechtigkeit, für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und für den echten, wahren, keine Schranken der Konfession und Nationalität kennenden Humanismus eintrat. Ein Freund und Günstling von zwei Monarchen, Friedrich Wilhelm III. und Friedrich Wilhelm IV. von Preußen — Kammerherr und Hofmann — bewahrte er allezeit den Mut seiner Ueberzeugung und seiner freiheitlichen, die Wahrheit über alles liebenden Gesinnung. Mitten unter Junkern und Rückschrittlern, die das Rad der Weltgeschichte in seinem Lauf hemmen wollten und deren Grundsatz stets das Motto war: „Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo, rückwärts, rückwärts, edler Cid!", blieb er unerschütterlich auf dem Standpunkt der Glaubens- und Gewissensfreiheit, sich nie zu einem Kompromiß oder zu einer Konzession an die Ultras, Pietisten und Reaktionäre verstehend. In Wort und Schrift verkündete er seine freisinnigen und freiheitlichen Anschauungen, und zwar auf dem glatten Parkett des Hofes ebenso wie in den Salons der Geburts-, Finanz- und Geistesaristokratie. Jede Verunglimpfung, Anfeindung und Ungerechtigkeit, die einem Menschen seines Glaubens oder seiner ehrlichen' Ueberzeugung wegen zuteil wurde, empörte ihn aufs tiefste, und dagegen mit der ganzen Energie seines Wesens anzukämpfen, erschien ihm als die höchste moralische Pflicht. Zu einer Zeit der krassesten Reaktion, des Strebertums und maßloser Unduldsamkeit entrollte er das Banner des keine Konzession kennenden und keine Hintertreppenpolitik verfolgenden Humanismus. Daß ein Denker und Weltweiser mit einer solch geläuterten Lebens- und Weltanschauung sich des ewig bedrückten, stiefmütterlich behandelten und zurückgesetzten, fortwährend geschmähten und verachteten israelitischen Stammes besonders annahm, braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, zumal er schon in frühester Jugend Gelegenheit hatte, die durch ihre Gelehrsamkeit, ihre hohe Bildung wie ihre moralische Lebensführung hochgeachteten Söhne Israels durch persönlichen Umgang aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Waren sie es doch, die die Keime des Humanismus, der Menschenliebe und des Liberalismus in das für alles Hohe und Edle empfängliche Herz des Jünglings gestreut hatten. Hier war es in erster Linie Moses Mendelssohn, der „moderne Sokrates", der Reformator und Germanisator des deutschen Judentums, der ihn gleichsam zum Humanitätspropheten erzog. Schon frühzeitig trat er in den Kreis des berühmten jüdischen Denkers jener Zeit, zu seinen Füßen sitzend und den weisen Lehren seines Mundes lauschend. Die Freunde und Schüler Mendelssohns: ein David Friedländer, ein Markus Herz und andere waren auch seine Freunde. Die bezaubernde Persönlichkeit, der philosophische Geist, die Zuvorkommenheit und Aufopferungsfähigkeit gegen jedermann, diese Eigenschaften Mendelssohns', die ihm alle Herzen im Sturme eroberten und seine geistige Herrschaft begründen halfen, taten es auch dem jungen Humboldt an. Er konnte nicht anders, als sich wohl in einem Zirkel fühlen» der sich überdies durch ein jugendliches Leben, geistige Regsamkeit, Ungezwungenheit und wahrhaften Liberalismus auszeichnete. Durch Mendelssohn und dessen Schüler wurde auch er mit den Tendenzen der Berliner Aufklärung und des reinen Liberalismus erfüllt. Die „Morgenstunden", bekanntlich neben „Phädon" das beste Werk des großen Populärphilosophen (im Oktober1775 erschienen) hörte Junker Alexander bei Mendelssohn selbst. Welchen Einfluß der Verfasser der „Morgenstunden" auf die geistige, vor allem aber auf die Gemüts- und seelische Entwicklung des Jünglings übte, bekannte dieser selbst in einem vom 20. November 1855 an den gelehrten italienischen

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