Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- Seite 248 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Beobachtungen, Erfahrungen und Entdeckungen kamen der gesamten Menschheit zugute, sondern auch die großen Verdienste, die er sich durch seine'vielen und edlen Charaktereigenschaften um die Armen, Unglücklichen, Bedrängten und Verfolgten, um Gewissens- und Glaubensfreiheit, sowie um die Fortschritte auf ethischem Gebiete erworben hatte, waren so außerordentlich, daß das Hinscheiden dieses Großen vom irdischen Schauplatze als ein förmlicher Schicksalsschlag empfunden wurde. Sind auch die bahnbrechenden und grundlegenden Resultate, die die Naturwissenschaft innerhalb des letzten halben Jahrhunderts erzielt hat, keineswegs ausschließlich dem Wirken und Schaffen des Humboldtschen Genius zuzuschreiben, so kann man doch sagen, daß er auf den mannigfachsten Gebieten der menschlichen Erkenntnis und der Naturforschung segensreich gewirkt hat und daß die von ihm ausgestreuten Keime herrliche Früchte gezeitigt haben. Nicht als Spezialforscher, als Reformator des Wissens, als Kolumbus, das heißt als Entdecker einer neuen Welt von Ideen und Anschauungen, ist er unsterblich geworden, ihm gebührt vielmehr der Ruhm, daß er in einem großen, umfassenden und unvergänglichen Werk, dem „Kosmos", die ganze Wissenschaft seines Jahrhunderts auf dem Felde der Naturkunde und Naturbeobachtung zusammengefaßt und durch seine lichtvolle, klare, bei aller Gründlichkeit anziehende Darstellungsweise auch in der Seele des Laien die Liebe und Begeisterung für die Natur- und die Naturwissenschaft erweckt hat. Dadurch unterscheidet er sich freilich ganz außerordentlich von den meisten modernen Naturforschern, die, den Spuren Charles Darwins folgend, die Theorie des französischen Mathematikers Laplace verkünden, daß man nirgends in den Sphären einen selbständigen, das heißt von der Welt unabhängigen, Gott finden könne. Er war kein Monist, wie zum Beispiel Ernst Häckel, Karl Vogt und Julius Moleschott und viele andere, sondern ein ausgesprochener Dualist, und befand sich in dieser Beziehung durchaus auf dem monotheistischen Standpunkt — der beste Beweis dafür, daß einer ein ausgezeichneter Naturforscher, Denker, Gelehrter und Schriftsteller sein kann, ohne deshalb zum Gottesleugner zu werden. Im Gegensatz zu den Pantheisten und Monisten sieht er in der Natur überall das freischaffende Walten eines alleinigen und allmächtigen Schöpfers. Die Welt ist nicht ein für sich allein bestehendes, durch ihre eigene Schönheit, Größe und Macht festgegründetes Wesen, sondern lediglich der lebendige Ausdruck der Allgegenwart Gottes in den Werken der sinnlichen Dinge. Aus der Weltordnung und aus der Zweckmäßigkeit der Natur schließt er auf die Größe und Güte des Schöpfers alles Bestehenden. Seine Naturanschauung war, wenn ich so sagen darf, biblisch und der biblischen Auffassung kongenial. Er betrachtete das All, das Universum, worin für das Laienauge alles so verworren, verschlungen, verkrüppelt, so dissonierend und ungleichmäßig sich bewegt und tummelt, als ein durch höhere Ordnung wohlgefügtes, geleitetes, geordnetes harmonisches Ganzes, als einen „Kosmos" in des Wortes schönster Bedeutung. Schon diese Stellung des Naturforschers Humboldt zur Idee des Monotheismus war ganz danach angetan, ihn zu einem aufrichtigen Verehrer und Bewunderer der biblischen Schriften zu machen. Im zweiten Band seines „Kosmos" untersucht er die biblische Naturanschauung, und aus seinen Ausführungen geht klar und deutlich hervor, wie sehr er mit derselben sympathisiert. Bei der Betrachtung dessen, was in der Lebendigkeit des Naturgefühls und der Form seiner Aeußerungen von der Verschiedenheit der Rassen, dem eigentümlichen Einfluß der Gestaltung des Bodens, der Staatsverfassung und der religiösen Stimmung gegeben erscheint, wirft Alexander von Humboldt einen Blick auf die Völker Asiens, die mit den arischen und indogermanischen Stämmen, den Indern arnd Persern am meisten kontrastieren. Die semitischen oder aramäischen Nationen zeigen uns nun in den ältesten und ehrwürdigsten Denkmälern ihrer dichterischen Gemütsart und schaffenden Phantasie Beweise eines tiefen Naturgefühls. Der Ausdruck derselben offenbare sich großartig und belebend in Hirtensagen, in Tempel- und Chorgesängen, in dem Kranz der lyrischen Poesie unter David, in den Seher- und Prophetenschulen, deren hohe Begeisterung, der Vergangenheit fast entfremdet, ahnungsvoll in die Zukunft gerichtet sei. Die hebräische Dichtungsweise biete den Bewohnern des Abendlandes bei ihrer inneren erhabenen Größe noch den besonderen Reiz, daß sie mit den lokalen Glaubenserinnerungen der drei weitverbreiteten Religionen, der mosaischen, christlichen und mohammedanischen, vielfach verwebt sei. Es sei ein charakteristisches Kennzeichen der Naturpoesie der Hebräer, daß sie als Reflex des Monetheismus stets das Ganze des Weltalls in seiner Einheit umfasse, und zwar sowohl das Erdenleben als die leuchtenden Himmelsräume. Sie weile seltener bei dem einzelnen der Erscheinungen, sondern erfreue sich der Anschauung großer Massen. Die lyrische Poesie der Hebräer werde trotz ihrer Größe selbst im Schwünge der höchsten durch den Zauber der Musik hervorgerusenen Begeisterung fast nie maßlos, wie zum Beispiel die indische Dichtung. Der reinen Anschauung des Göttlichen hingegeben, sinnbildlich in der Sprache, aber klar und einfach in dem Gedanken gefällt sie sich in Gleichnissen, die fast rhythmisch immer dieselben wiederkehren. Als Naturbeschreibungen seien die Schriften des alten Bundes eine treue Abspiegelung der Beschaffenheit des Landes, in welchem das Volk sich bewegt habe, der Abwechslung von Oede, Fruchtbarkeit, von libanotischer Waldbedeckung, die der Boden von Palästina darbiete. Sie schildern die Verhältnisse des Klimas in geregelter Zeitfolge, die Sitten der Hirtenvölker und deren angestammte Abneigung gegen den Feldbau. Die epischen und geschichtlichen Darstellungen seien von naiver Einfachheit, fast noch schmuckloser wie bei Herodot und naturwahr. Humboldt findet schon in dem einzigen 104. Psalm der Bibel den ganzen Kosmos dargestellt. Er zitiert denselben nach der Uebertragung von Moses Mendelssohn, wobei er nicht unterläßt, zu bemerken, daß edle Nachklänge der althebräischen Poesie sich noch im elften Jahrhundert in den Hymnen des spanischen Synagogendichters Jbn Gabirol, die eine dichterische Umschreibung des Pseudo-Aristotelischen Buches von der Welt darbieten, sich vorfinden. Er meint, daß man staunen müsse, wie in einer lyrischen Dichtung von so geringem Umfang mit einigen großen Zügen das All, Himmel und Erde geschildert seien. Dem bewegten Elementarleben der Natur sei hier des Menschen stilles, mühevolles Treiben vom Sonnenaufgang bis zum Abend entgegengestellt. Dieser Kontrast, diese Allgemeinheit der Auffassung in der Wechselwirkung der Erscheinungen, dieser Rückblick aus die allgegenwärtige unsichtbare Macht, die die Erde verjüngen oder in Staub zertrümmern könne, begründe das Feierliche einer minder lebenswarmen und gemütlichen als erhaben poetischen Dichtung. Besonders bemerkenswert und interessant ist die Untersuchung, die der Itatursorscher den in der Bibel — namentlich in den Psalmen und im Buch Hiob — geschilderten meteorologischen Prozessen widmet, an dieselben den Maßstab des forschenden Kritikers anlegend. Er meint, daß die meteorologischen Prozesse, die in der Wolkendecke vorgehen, die Form-